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Erwin Strittmatters Sohn packt aus

Interview Erwin Strittmatters Sohn packt aus

Erwin Strittmatter wollte nach der Wende seinem Werk „den roten Geruch“ nehmen, meint sein Sohn Erwin Berner. Im MAZ-Interview spricht er über seine Eltern, seine Kindheit auf dem Schulzenhof und politische Differenzen nach der Wende.

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Erwin Berner (62).

Quelle: Angelika Neutschel

Posdam. Erwin Berner ist Schauspieler und Autor. Er lebt in Berlin. Gegenüber der MAZ gibt er Einblick in seine Kindheit auf dem Schulzenhof.


MAZ:
Herr Berner, warum haben Sie Ihre persönlichen Erinnerungen in Briefform veröffentlicht?

Erwin Berner: Ich habe diese Briefe 2001 wirklich geschrieben. Sie sind an einen deutschen Maler in Zürich gerichtet, der selbst eine schlimme Kindheit hatte. Damals war das Missverhältnis mit meiner Mutter, Eva Strittmatter, akut. Ich fühlte mich ihr so entfremdet, dass ich mich manchmal nachts im Bett fragte: Was habe ich dieser Frau getan? Wir hatten zwar noch eine intellektuelle Nähe, aber das war alles im Vergleich zu den 70er und 80er Jahren stark reduziert. Es war auch meine Schuld. Meine Erwartungshaltung wurde nicht erfüllt, weil Mutter immer von anderen Leuten erzählte und nie fragte: Wie geht es dir? Was machst Du? Da bin ich ihr oft ins Wort gefallen.

1992 haben Sie und Ihre Mutter es Erwin Strittmatter als Opportunismus ausgelegt, dass er sich zur Sozialdemokratie bekannte.

Berner: Ja, ich war verwundert. Und bin später in meiner Verwunderung bestätigt worden, als ich seine Tagebücher las. Noch in den 80er Jahren findet sich in ihnen ein deutlicher Hieb gegen die Sozialdemokraten. Aber ist doch klar: Wenn du dich für die SED entschieden hast, dann wird die Sozialdemokratie eher mit einem Schulterzucken abgetan. Dass mein Vater 1992 seine sozialdemokratische Vergangenheit hervorgeholt hat, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, dass wir das alles miterlebt haben – seine Haltung zu DDR-Zeiten -, das war für mich befremdlich. Mein Vater hat in der Wendezeit, wenn ich zu Besuch nach Schulzenhof kam und von den wüsten Umbrüchen in Ostberlin erzählte, gesagt: Wenn hier nichts Schönes erzählt wird, stehe ich auf und gehe! Er wollte in Ruhe – alt und krank, wie er war – mit Sturheit und großer Kraft seinen „Laden“, Band III, zu Ende schreiben. Doch als es dann 1992 an die Vermarktung des Buches ging... diese Verwandlung zum Sozialdemokraten – das fand ich furchtbar. Aus einer Sicht hatte er vielleicht recht. Wer weiß. Wovon ich jedoch nicht abgehe, ist, dass er versucht hat, seinem Werk den roten Geruch zu nehmen.

Dabei wollte er alles andere als ein „Kleinbürger“ sein. Eine ausgeprägte Doppelmoral muss man Ihrem Vater bescheinigen!

Berner: Die Doppelexistenz zeigt sich ja in den Tagebüchern. Das war für mich verblüffend. Wie früh er schon ganz rigorose Einsicht hatte: Das sozialistische System ist nicht reparabel. Das ist das falsche Modell. Das kann nicht funktionieren. Er hat mit keiner Träne der DDR nachgeweint. Die war für ihn erledigt.

Strittmatter hat gesagt: Ich bin drei Jahrzehnte in die falsche Richtung gegangen. Ich hätte mich damals nicht verrennen sollen.

Berner: Ja, er hat das immer begründet mit Schuld abtragen wollen nach dem Zweiten Weltkrieg. Sehr früh aber hat er im Tagebuch sinngemäß notiert. Was soll das alles! Die Russen mit ihren Stalin-Verbrechen, die sollen nur still sein. Also, die Kriegsschuld war für ihn das offizielle Motiv, in die Partei einzutreten. Vielleicht war’s auch an dem. Aber andererseits war’s auch eine gehörige Portion Pragmatismus.

Weder Ihr Vater noch Ihre Mutter haben sich je Asche aufs Haupt gestreut.

Berner: So etwas hätte ich von ihnen auch nicht erwartet. Eine Erklärung oder eine Auseinandersetzung mit dem, was sie in den 50er Jahren für die „Neue Deutsche Literatur“ geschrieben haben, wäre mir jedoch lieb gewesen. Wenn ich manche Artikel lese, in denen sie den Sozialistischen Realismus eingefordert haben, frage ich mich, ob nicht der eine oder der andere kritisierte Kollege damals aus Verunsicherung zu schreiben aufgehört hat.

Hat sich der persönliche Entfremdungsprozess durch die politische Wende verstärkt?

Berner: Meine Eltern hatten nach 1990 Existenzängste. Das Unternehmen Schulzenhof kostete ja Geld. Und die Frage war: Wie lange konnten sie noch ihre Angestellten bezahlen? Damals war ja nicht mal klar, wie lange der Aufbau-Verlag noch existieren würde.

Welche Rolle spielte im Verhältnis zu Ihrem Vater die Homosexualität, zu der Sie sich 1982 mit fast 30 Jahren bekannt haben?

Berner: Offiziell keine, denn wir haben nie darüber gesprochen. Laut Tagebuch war seine Frage immer. Wie gehen wir damit um? Nicht: Wie kommt mein Sohn damit zurecht? Mein Vater war bis zu seinem Tod homophob. Das ist für mich bitter. Und hätte ich das nur im Entferntesten geahnt, ich hätte es ihm nicht durchgehen lassen. Für jemand, der sich als Humanist bezeichnet, war diese Haltung ein Armutszeugnis.

Wie sehr verstellen persönliche Erfahrungen den Blick auf das literarische Werk der Eltern?

Berner: Überhaupt nicht, hoffe ich. Die Gedichte meiner Mutter sind großartig. Ebenso Vaters Nachtigall-Geschichten oder zum Beispiel „Der Laden“, Band eins. All das hat zum Glück nichts mehr mit dem einst propagierten Sozialistischen Realismus zu tun.

Erwin Berner

Erwin Berner wurde 1953 als ältester Sohn des Schriftstellerpaares Eva und Erwin Strittmatter in Berlin geboren. Eigentlich heißt er Erwin Strittmatter. Er gab sich aber 1971 den Künstlernamen Berner.

Seit dem 7. Lebensjahr wusste Erwin Berner, dass er Schauspieler werden will, was dem Vater missfiel. 1971 brach er die Erweiterte Oberschule in Rheinsberg ab und nahm ein Schauspielstudium in Rostock auf.

Bühnenengagements führten ihn nach Freiberg, Weimar, Zürich usw. Er spielte in etwa 50 Filmen mit („Adel im Untergang“, „Sonjas Rapport“ usw.).

Auch Theaterstücke und Kabarettprogramme schrieb Berner. Seine Liedtexte werden von Angelika Neutschel und Veronika Fischer gesungen.

Als Vater von zwei Söhnen schlug er die Vater-Rolle aus, weil er seine Söhne nicht enttäuschen wollte.

Das Buch „Erinnerungen an Schulzenhof“ von Erwin Berner erschien im Aufbau-Verlag (272 Seiten, 22,95 Euro).

Liebe Leser, welchen Wert besitzen die Bücher von Eva und Erwin Strittmatter heute noch? Bitte schreiben Sie uns! l leserbriefe@MAZ-online.de
oder Redaktion Leserbriefe, Postfach 60 11 53, 14411 Potsdam.

Siehe auch:
„Spektakuläre Kindheitserinnerung: Strittmattes Schulzenhof war ein Ort der Qualen

Von Karim Saab

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