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„Es muss leuchten“

Jugend musiziert „Es muss leuchten“

Seit sechs Jahren spielt Julia Tschirsch, zwölf Jahre alt, Klavier in der Kreismusikschule Potsdam-Mittelmark. Nun nimmt sie am Finale von „Jugend musiziert“ im Cottbus teil. Vier Stücke aus vier Epochen wird sie spielen, am meisten liebt sie Bach. Insgesamt präsentieren sich etwa 350 Nachwuchsmusiker in Cottbus – es gibt dort neu zugelassene Instrumente.

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Julia Tschirsch aus Stahnsdorf (12) sagt von sich, „ich bin auf dem Klavier eher der schnelle Typ.“

Quelle: Lars Grote

Teltow. „Wo sind wir hier? In einer Kneipe?“ Irina Sprenger ruft hinein in diese Polka, der Saal ist frei von Echo, sie wirft die Arme hoch, als greife sie nach einer Fliege. Irina Sprenger rutscht auf ihrem Stuhl, sie ist die Lehrerin, sie hat das feine Ohr, den Witz, das Temperament, das man benötigt, wenn man eine junge Pianistin vor sich hat, deren Hände flink sind – die aber manchmal einen Fingerzeig benötigt, bei welcher Temperatur man dieses Stück am besten auftischt.

Julia Tschirsch ist zwölf, sie wohnt in Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark), die Polka spielt sie gerade etwas derb, glaubt ihre Lehrerin. Irina Spenger weiß, wie man das Stück von Schostakowitsch in den Griff bekommt: „Es muss klingen, als fallen Erbsen aufs Parkett!“

Julia setzt von Neuem an. Die Töne schlanker, fast grazil, sie sitzen jetzt am rechten Ort, Irina Sprenger bäumt sich auf in körperlichem Wohlbehagen. Arme wieder in der Höhe. „Gut, sehr gut!“, ruft sie. Ein Kompliment. Julia schaut, als müsse sie sich überzeugen von der Echtheit dieser Gunst. Ein kurzes Lächeln steht ihr im Gesicht.

So viele Teilnehmer wie nie zuvor

Cottbus ist Gastgeber des Brandenburger Landesentscheids „Jugend musiziert“, der vom 23.-25. März ausgetragen wird.

Die drei Regionalwettbewerbe , bei denen die Finalisten in Brandenburg ermittelt wurden, erreichten mit 918 Teilnehmenden dieses Jahr eine neue Rekordzahl.

350 Nachwuchsmusiker präsentieren sich nun im Cottbusser Finale. Die Teilnehmer hoffen, sich für den Bundesentscheid vom 1. bis 8. Juni in Paderborn zu qualifizieren.

„Jugend musiziert“ ist deutschlandweit der bedeutendste Wettbewerb für junge Talente, die eine musikalische Karriere anstreben.

Erstmalig versprechen dieses Jahr die Solo-Kategorien Harfe, Drum-Set und Gitarre (beides Pop) sowie Neue Musik in der Ensemblewertung neue und bislang ungehörte Klänge.

Die 200 Wertungsspiele sind öffentlich, der Eintritt ist frei. Infos unter www.jumu-brandenburg.de

Irina Sprenger mag es konzentriert. Ihr Haar ist blond und nicht zu lang, an den Ohren glitzern Stecker. „Wir möchten, dass es klappt bei ,Jugend musiziert’“, sagt sie, „ich will das auch durchs Temperament herauskitzeln.“ Es gebe Lehrer, gute Lehrer, die vermessen sachlich jeden Fehler, bei gleichbleibendem Ruhepuls. So sei sie nicht. Sie brauche Energie und Funkenschlag.

Seit sechs Jahren spielt Julia bei Irina Sprenger in Teltow, im alten, wuchtigen Biomalz-Gebäude, wo eine schmale Treppe mit eisernem Geländer hochführt in den vierten Stock. Dort liegt der Vorführraum, zwei Flügel stehen dort, ihre sinnlichen Kurven greifen wie Puzzleteile ineinander.

Julia ist begabt, übt täglich eine Stunde, manchmal zwei. Vier Stücke aus vier Epochen wird sie an diesem Donnerstag beim Landesfinale von „Jugend musiziert“ in Cottbus spielen. Gute zehn Minuten hat sie Zeit. Sie weiß, was Irina Sprenger ihr an Grundsätzen mit auf den Weg gegeben hat.

Bei Mozarts Sonatine in C-Dur: „Keine Pausen verschenken! Mehr Betonung in der Oberstimme! Du genießt es nicht, spiele kecker!“

Bei der Invention von Bach: „Tempo treffen, bissig, kämpferisch!“

Bei der Nocturne von Edvard Grieg, dem norwegischen Romantiker: „Komplette Umstellung nach Bach. Luft holen! Es muss leuchten!“

Kein Notenblatt, alles spielt sie auswendig

Und dann halt Schostakowitschs Polka. Nicht wie in der Kneipe. Sondern fein wie Erbsen, die aufs Parkett purzeln. Maximen, an die sich Julia halten will. Alles spielt sie auswendig. Kein Notenblatt. Sie verlässt sich auf den Kopf. Nein, das verkrampfe sie nicht. Julias Lächeln wirkt unabhängig. Unbeirrt.

Irina Sprenger fährt mit nach Cottbus. „Ich kann sie doch dort nicht alleine lassen“, lustiges Zwinkern mit den Augen – sie nimmt Julia in den Arm.

„Bach spiele ich am liebsten“, erzählt Julia, „ich bin eher der schnelle Typ.“ Vor dem Auftritt atmet sie tief, damit die Unruhe verschwindet. Ihr Ziel für Cottbus, wo das Landesfinale von „Jugend musiziert“ noch bis Sonnabend ausgetragen wird, lautet: „Ich möchte mit einem guten Gefühl rausgehen und nicht den Eindruck haben, ich sei unter meinen Möglichkeiten geblieben.“ In ihrer Altersklasse gibt es noch keinen Bundeswettbewerb, für den sie sich qualifizieren könnte. So gesehen ist Cottbus vorerst in jedem Fall das Ende ihrer Möglichkeiten.

Die Schwester spielt Flöte, damit es keine Konkurrenz gibt

Irgendwo zwischen Hobby und Ambition hat sich Julia Tschirsch am Klavier eingerichtet. „Nein, ich möchte das nicht professionell machen“, sagt sie. Zu viel Aufregung. Zu viel Druck. Manchmal aber werden Ziele mit jedem weiteren Schritt, den man geht, neu definiert.

Ihre Mutter sitzt neben der Lehrerin im Biomalz-Gebäude, eine Frau mit dunklem Haar und kleiner rosa Spange – sie hat Klavier studiert und bog dann ab in Richtung Lehramt. Ihre zweite Tochter spielt Flöte, „nicht noch ein Klavier, dann käme ich in die Verlegenheit, die beiden zu vergleichen, das möchte ich nicht.“

In der Kreismusikschule Potsdam-Mittelmark, der größten im Land Brandenburg, zu der auch das Gebäude in Teltow zählt, fühlt sich Julia gut gefördert. Von Anfang an stand ihr Irina Sprenger zur Seite. Julias Niveau ist enorm, sie ist eine der Hoffnungsträgerinnen, insgesamt nehmen 32 Schüler aus der Mittelmark am Landesfinale teil – die Kreisschule hat Regionalstandorte in Kleinmachnow, Werder und Bad Belzig, auch anderswo gibt es Räume für den Unterricht.

Katharina Achilles kümmert sich an der Kreismusikschule Potsdam-Mittelmark um die Koordination für „Jugend musiziert“. „Die meisten Teilnehmer spielen Klavier“, das habe Tradition, „hier gibt es immer wieder Spitzenleistungen.“ Auch an Gitarre, Geige und Percussion gebe es zahlreiche Kandidaten, wellenartig gehe die Qualität auf und ab. „,Jugend musiziert’ ist eine tolle Zielsetzung“, versichert Katharina Achilles, die Zahl der Teilnehmer aus Potsdam-Mittelmark sei seit Jahren stabil.

Die Aktion „Liebe auf den zweiten Blick“ bewirbt die Tuba

In diesem Jahr haben sich 52 junge Musiker zwischen sieben und 19 Jahren aus dem Kreis Potsdam-Mittelmark bei Jugend musiziert beworben – in drei Regionalwettbewerben gab es eine Vorauswahl. Letztlich haben sich 32 Kandidaten für das Finale in Cottbus qualifiziert.

Alle Orchesterinstrumente werden an der Kreismusikschule gelehrt, Katharina Achilles betont, dass auch die nicht so populären Sparten besetzt werden sollen. Die Initiative „Liebe auf den zweiten Blick“ soll beispielsweise die Tuba bewerben.

Julia Tschirsch indessen hat ihre Liebe am Klavier gefunden. Hier wird aus dem jungen Mädchen eine Frau, die glänzt und zaubern kann.

Von Lars Grote

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