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Europa – einem Mythos auf der Spur

Ausstellung Europa – einem Mythos auf der Spur

Vor vier Jahren hat die Malerin Antoinette die Alte Feuerwache in Eberswalde (Barnim) bezogen: 400 Quadratmeter für ihre Kunst. Weiblichkeit war immer ein Thema für die Künstlerin, die einst in Leipzig die Meisterklasse bei Bernhard Heisig absolvierte. Ihr Mitschüler war Neo Rauch. Griechische Mythen und ihre Frauengestalten sind ein bevorzugtes Sujet.

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Die Malerin Antoinette befragt den Mythenraum Europa.

Quelle: Lars Grote

Eberswalde. Sie wohnt jetzt bei der Feuerwehr, das passt zu ihrem Temperament, sie malt mannshoch und hat meist fünf Gemälde, die sie parallel betreut, belebt und auch beatmet. 400 Quadratmeter bot ihr die Alte Feuerwache, da sie hat zugeschlagen vor vier Jahren – das neue Domizil in Eberswalde (Barnim) hat ihr den Blick auf die Welt geöffnet. „Als ich in Kreuzberg wohnte, ging es immer nur um Berlin. In Eberswalde denke ich endlich global, der Horizont ist weit. Das tut mir gut.“

Falls ein Tupfer fehlt...

Antoinette lächelt, ihr Mund ist akkurat geschminkt, ihr Haar ist kunstvoll modelliert, sie nimmt das Malen ernst, sie zeigt die Werke nicht in ausgewaschener Freizeitkleidung. Hinten, in der Ausstellung, steht ihre Staffelei, falls sie bei den gehängten Bildern doch noch einen Tupfen sieht, der fehlt. Das kann sie schnell beheben. Keine Notoperation, nur eine kleine Korrektur. Antoinette mag Kunst, wenn sie bis ins Detail gedanklich stimmt. Und handwerklich. Auch ihr Auftritt als Dame der Malerei folgt den Gesetzen der stilsicheren Perfektion.

Meisterschülerin von Bernhard Heisig

Weiblichkeit war immer ein Thema für sie. In Leipzig hat sie Malerei studiert, ging dann nach Berlin, kehrte nach Leipzig zurück, absolvierte die Meisterklasse bei Bernhard Heisig, ihr Mitschüler war Neo Rauch. Rauch, der heute als Speerspitze der Neuen Leipziger Schule gilt. Ein Maß, das willkürlich gesetzt scheint, und dennoch nehmen es fast alle ernst. Antoinette weiß, denn das hat sie in Leipzig gelernt: Malerei ist Männerwirtschaft. Frauen werden nicht ernst genommen. Werden übergangen. Und aus den Chroniken herausgeschnitten.

Ein Kunstraum wird erschlossen

Wie sie es trotzdem schaffte, ein Werk mit Hingabe und handwerklicher Virtuosität zu malen? „Es war auch Trotz. Und Konzentration. Thematisch musst du dir einen Bogen suchen, werde nicht beliebig, vertiefe deine Interessen, streue sie nicht, sondern bündele sie.“ Sie sagt es, steht in der Temporären Kunsthalle von Eberswalde, in der sonst Öfen ausgestellt sind, im Zentrum für erneuerbare Energie. Das Haus ein herrliches Rondell, „ich wollte es für die Kunst öffnen.“ Es brauchte eine Zeit der Überzeugung, bis die Hausherren den Daumen hoben. Beharrlichkeit, das zeichnet diese Dame aus, die sich Antoinette nennt, ein Kürzel, eine Marke, ein Rufname, wie man ihn sonst von Musen kennt. Doch Musen sitzen meist Modell.

Wie bändigt eine Dame einen wilden Stier?

Antoinette wiederum hat als Modell Europa gewählt. Europa, eine Gestalt der griechischen Mythologie, ist die Tochter des phönizischen Königs Agenor und der Telephassa. Zeus verliebte sich in sie. Er verwandelte sich wegen seiner argwöhnischen Gattin Hera in einen Stier. Schon vor 30 Jahren, in der DDR, hat Antoinette die Europa auf dem Stier gemalt, und wusste nicht einmal, was sie da schuf. Das Motiv entstand wie zufällig. „Eine Frau auf einem Stier, das ging für mich an die zentralen Fragen: Wie steht es um das Verhältnis Frau zu Mann, von Macht zu Ohnmacht? Wie bändigt eine Dame einen wilden Stier?“ Später zeigte sich: Es ging um weibliche Identitätsfindung, und eben um Europa, den Kontinent. „Europa wuchs auf in Phönizien, dem Gebiet des heutigen Syrien. Das erhöht die Dringlichkeit dieser Motive!“

Eberswalde bis New York

Antoinette kam 1956 in Dresden zur Welt, sie studierte Malerei in Leipzig und Berlin, schließlich kehrte sie nach Leipzig zurück in die Meisterklasse von Bernhard Heisig.

Ihre Ausstellung „Berliner Sittengemälde“ zur Jahrtausendwende sahen mehr als 20 000 Besucher, ihre internationale Karriere führte sie zu Arbeitsaufenthalten nach New York und Washington.

Seit 2012 lebt sie in Eberswalde (Barnim). „Mythos Europa“ ist in Eberswaldes Temporärer Kunsthalle zu sehen: Brunnenstraße 26, Di-So 11 bis 19 Uhr, bis 5. November. Eintritt frei.

In Eberswaldes zeitweiliger Kunsthalle hängen knappe 100 Bilder von ihr unter dem Titel „Mythos Europa“, sie stammen aus drei Jahrzehnten und sind barock gefüllt, mit einer Liebe zum Detail, mit Erzähllust, die man weiblich nennen muss. Die Bilder lassen sich auf ganz verschiedenen Ebenen lesen, ein Kind erkennt die sichere Hand der Farbgebung, ein Philologe liest die alten Sagen, wie Antoinette sie revitalisiert, heraus.

Ja, sie malt an vielen Bildern gleichzeitig. Es kann sich Jahre hinziehen, bis eines fertig ist. Selbst dann ist es vor späten Eingriffen nicht sicher. „Man muss mir die Bilder wegnehmen, dann bin ich erleichtert.“ Sie lacht. Das Lachen einer Frau, die das Maß nun in sich selber findet – sie misst sich nicht mehr an den Männern, die im Betrieb der Malerei jedes Kriterium verloren haben. Und den Kunstmarkt zu einem Ort der Geldanlage runterwirtschaften.

Von Lars Grote

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