Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Osteuropäische Filme – politisch wie noch nie
Nachrichten Kultur Osteuropäische Filme – politisch wie noch nie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:37 06.11.2018
Das 28. Cottbuser Filmfestival beginnt am Dienstagabend im Gebäude des Staatstheaters. Quelle: foto: Patrick pleul/
Cottbus

Wenn sich am Dienstagabend im Cottbuser Staatstheater der rote Vorhang hebt, ist das 28. Filmfestival eröffnet. 220 Beiträge in 15 verschiedenen Sektionen kommen dann bis nächsten Sonntag zur Aufführung. Noch nie war die Filmschau dabei laut Festivaldirektor Bernd Buder so politisch wie in diesem Jahr.

Als er Mitte der 1990er Jahre mit seiner Arbeit in Cottbus begonnen hat, klangen die Kriege in Ex-Jugoslawien gerade ab. Es folgte eine Annäherungswelle an Europa mit späteren EU-Beitritten. „Jetzt befürchten wir ein Auseinanderdriften von Europa“, erklärt Bernd Buder.

Rassismus, Anitsemitismus, Xenophobie

Die Vorboten sind die bewegten Bilder aus den Regionen von der griechischen Grenze bis in die georgische Provinz: Rassismus, Antisemitismus und Xenophobie sind dabei Themen, mit denen sich die Beiträge der diesjährigen Ausgabe auseinandersetzen. Allein die Bandbreite im Wettbewerb Spielfilm reicht vom instrumentalisierten Rechtsstaat über kasachischen Feminismus bis zu Korruption und Migration. Auf der Leinwand reflektiert die Filmschau so die politische Kultur in Osteuropa und bringt sich in Diskussionen ein, die in Deutschland und ganz Europa geführt werden. Eine der Debatten dreht sich dabei aktuell um den systemkritischen Regisseur Kirill Serebrennikov. Er hat in seiner Heimat Russland seit August letzten Jahres Hausarrest, der Prozess gegen ihn wegen angeblicher Veruntreuung von Fördergeldern zieht sich wie Kaugummi. Sein jüngstes Werk „Leto“, ein wundervoller Rock-Musikfilm in schwarz-weißen Bildern, spielt im Leningrad der 1980er Jahre. Und wird in Cottbus gezeigt.

Wer zu laut Kritik übt, riskiert die Filmförderung

„Auch heute noch müssen leider viele Regisseure beispielsweise aus Russland oder manchmal auch aus Ungarn aufpassen, wie direkt sie das System kritisieren“, sagt Buder. Wer zu laut wird, verscherzt es sich mit der Filmförderung. Und so ist es bis heute ein Markenzeichen und eine große Stärke des osteuropäischen Films, zwischen den Zeilen zu diskutieren, gesellschaftliche Gewissheiten infrage zu stellen und in neue Zusammenhänge zu bringen.

Der neue Film von Pawel Pawlikowski

Das beweist auch der diesjährige Eröffnungsfilm „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“. Die leidenschaftliche Geschichte zwischen Wiktor und Zula hat bereits das Publikum beim Filmfestival in Cannes bezaubert und Regisseur Pawel Pawlikowski dort für seinen sechsten Langspielfilm den Preis für die beste Regie beschert. Auszeichnungen wie diese hat er schon einige: 2015 hat er mit „Ida“ den ersten Auslands-Oscar nach Polen geholt. Nun also ein Film über zwei Menschen unterschiedlichen Intellekts und Temperaments, die zwischen 1949 und 1964 weder zusammen noch ohne einander leben können.

Pawel Pawlikowksi erzählt in elliptischem Stil und gibt den Zuschauern damit Raum, selbst Stücke der Geschichte zu ergänzen. „So macht mir Kunst Spaß. Denn es geht nicht darum, was wir sagen, sondern vor allem darum, was wir nicht sagen“, so der Regisseur.

Kirchenkritik als Publikumsmagnet – und das in Polen

In seiner Heimat ist zurzeit der kirchenkritische Film „Kler“ zum Ärger einiger Parteien ein Publikumsmagnet. Aber auch in seine Filme hat sich die Politik bereits eingemischt. „Als mein Vorgängerfilm ,Ida‘ in die Kinos kam, hat die rechtsgerichtete Regierung den Film für ihre Wahlkampagne benutzt. Sie haben gesagt, er hätte nur so viele Auszeichnungen wie den Europäischen Filmpreis oder den Oscar bekommen, weil er eine große Verschwörung gegen Polen und antipolnisch sei. Alles wird für politische und ideologische Dinge genutzt. Und es ist unsere Aufgabe zu zeigen, dass die Dinge nicht so einfach, sondern komplizierter sind“, erklärt Pawlikowski.

Aber braucht es dazu gut 30 Jahre nach der Wende überhaupt noch ein eigenes osteuropäisches Festival? Pawel Pawlikowski muss bei dieser Frage nicht lange überlegen: „Die wirklich großen Filme sind ort- und zeitlos und einfach universal. Es ist egal, wo man sie zeigt. Aber es ist gut für Filmemacher, die eine gemeinsame historische Erfahrung gemacht haben, einen Ort zum Austausch zu haben.“ Mitteleuropa mache gerade politisch schwierige Zeiten durch, sagt Pawlikowski. „Da ist es wichtig, dass sich die Kulturelite treffen kann. Sie muss sich gegenseitig vergewissern, wie wichtig es ist, Kunst und ihr eigenes Ding zu machen – gerade trotz der aktuellen ideologischen Expansion.“

Von Barbara Breuer

Fünf mutige Frauen aus fünf Kulturen reden: Im Dokumentarfilm „#Female Pleasure“ (Kinostart: 8. November) nennen sie die sexuelle Repression durch die Männer beim Namen.

06.11.2018
Kultur 28. Filmfestival Cottbus - Das sind unsere Filmtipps für Cottbus

In Cottbus beginnt am 6. November das Festival des osteuropäischen Films. Mit 220 Filmen ist die Auswahl größer denn je. Die MAZ hat einige Empfehlungen zusammengestellt.

07.11.2018

Sie drehen und wenden den Blues, dass es eine wahre Freude ist: die Mojo Makers aus Kopenhagen. Jenes grundlegende Genre, dem der Rock ’n’ Roll so ziemlich alles verdankt. Dirtmusic haben sich dagegen von ihren Erkundungen mit Tamikrest aus Mali verabschiedet. Ihre jüngste Reise führte sie in die Türkei.

06.11.2018