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Kultur „Lucky“: Sein Lächeln bleibt
Nachrichten Kultur „Lucky“: Sein Lächeln bleibt
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20:37 07.03.2018
Hier lächelt er gerade mal nicht: Der alte Lucky (Harry Dean Stanton) mit seinem holprigen Cowboy-Gang beginnt, das Akzeptieren zu trainieren. Quelle: Foto: Alamode
Hannover

Der Hauptdarsteller hat seinen eigenen Film nicht mehr im Kino sehen können. Harry Dean Stanton starb im September vorigen Jahres im Alter von 91 Jahren. Man darf rätseln, wie viel der eigenbrötlerische Alte namens Lucky mit Stanton zu tun haben könnte – schließlich spielte dieser in so manchen seiner insgesamt 250 Filme ein bisschen auch sich selbst, wie er selbst einmal gesagt hat. Ob es in Stantons Leben wohl auch solch einen Moment des Erschreckens gab, in dem er sich seiner eigenen Endlichkeit bewusst wurde?

Zigarette, Yoga, Milch und Bloody Mary

In Lucky Leben kommt dieser Augenblick inmitten all seiner Routinen, die ihn vor allzu viel Sinnieren schützen. Vorzugsweise in weißer Altherrenunterwäsche geht der zerknitterte Senior seinen Beschäftigungen nach: die erste Zigarette nach dem Weckerklingeln, ein paar Yoga-Übungen auf dem Boden des kleinen Holzhäuschens, ein Glas Milch (etwas anderes findet sich gar nicht im Kühlschrank), dann der Gang zum Frühstückslokal, in den Tante-Emma-Laden (Milch und Zigaretten!), abends eine Bloody Mary in der Bar.

Zwischendurch bleibt Lucky viel Zeit für seine Kreuzworträtsel und Rateshows sowie ein paar beinahe ritualisierte Sätze mit den Menschen, denen er bei seinen Dorfspaziergängen begegnet. Manchem erscheint Lucky schrecklich einsam, wenn er mit seinem holprigen Cowboy-Gang daherkommt. Er selbst sagt, er sei bloß allein, und das sei ein himmelweiter Unterschied.

Ärztlicher Rat: Nicht mehr mit dem Rauchen aufhören!

Aber dann geschieht es beim Warten auf die blubbernde Kaffeemaschine, deren blinkende Uhrzeit unentwegt „12:00“ anzeigt: Lucky wird schwarz vor Augen. Er stürzt mit der Tasse in der Hand (und auch aus dem Bild), rappelt sich wieder auf und geht zu Arzt.

Der auch nicht mehr ganz taufrische Doktor hat folgende Diagnose parat: Lunge okay, Herz okay, keine Knochen gebrochen, mit dem Rauchen sollte er in seinem Alter lieber nicht mehr aufhören. Aber: „Du bist alt. Und du wirst älter.“ Irgendwann sei einfach Schluss, und er müsse sich glücklich schätzen, dass er dies so bewusst mitbekomme.

Übungen im Akzeptieren des Schicksals

Von nun an ist es mit Luckys Verdrängungskünsten vorbei. Er fängt an zu grübeln, sich zu ängstigen, wohl auch manches zu bereuen. Seine Repliken inmitten der staubigen Kakteenlandschaft Arizonas werden noch kürzer und barscher: „Schlimmer als peinliches Schweigen ist Smalltalk“, sagt er dem Anwalt, den er gar nicht leiden kann. Dann stößt er bei einem Kreuzworträtsel auf eine hilfreiche Erklärung in seinem dicken Wörterbuch: „Realismus ist die Gewohnheit, eine Situation hinzunehmen, wie sie ist.“ Von nun an übt sich Lucky im Akzeptieren von dem, was ist – und versucht, das Beste daraus zu machen.

Er schaut genauer hin, was um ihn herum passiert. Er erinnert sich in John Carroll Lynchs Regiedebüt „Lucky“ an die Spottdrossel, die er einst zu seinem zu seinem eigenen Erschrecken von einem Busch schoss, und auch an den Zweiten Weltkrieg, den er auf einem Munitionsschiff im Pazifik als Koch überlebte. Schon damals war Lucky eben ein glücklich Davongekommener.

Schildkröte Roosevelt auf der Flucht

Manch anderer verschrobene Typ taucht auf, allen voran David Lynch (der nicht mit dem Regisseur verwandt ist). Er sitzt mit weißem Hut in Luckys Lieblingsbar und rätselt über das Verschwinden seiner alten Schildkröte Präsident Roosevelt („Sie hat zwei meiner Frauen überlebt“), um schließlich zur Erkenntnis zu gelangen: Sein gepanzerter Freund habe seine Flucht lange geplant und gewiss Wichtiges zu erledigen gehabt. Er werde die Gartentür für alle Fälle offen lassen, falls der Präsident zurückkehre.

Im Film klingt das weniger verrückt als hier – und ist zudem eine ironische Reminiszenz an die gemeinsame Vergangenheit: David Lynch und Stanton sind tatsächlich alte Bekannte – siehe „Wild at Heart”, „Twin Peaks” oder „The Straight Story“.

Ein Film von angenehmer Zurückhaltung

Nichts von alledem wirkt aufdringlich oder angestrengt in John Carroll Lynchs Film. Lucky macht nicht mehr Aufhebens von sich, als er unbedingt muss. Regisseur Lynch, der bislang als Schauspieler in Nebenrollen unterwegs war („Fargo“, „Shutter Island“, „Jackie“, „The Founder“, „The Walking Dead“), geht mit angenehmer Zurückhaltung ans Werk. Von Melancholie, aber eben auch von stillem Witz ist sein Film über das Abschiednehmen durchzogen. Er hat Stanton die Rolle auf den Leib geschrieben, der auf der ganzen Welt berühmt wurde, als er in Wim Wenders‘ „Paris, Texas“ als Mann ohne Gedächtnis aus der Wüste kam.

Lucky wird sogar noch mal zu dem Rebell, der Stanton in anderen Rollen war: Lucky steht in der Bar und steckt sich allen Verboten zum Trotz eine Zigarette an. Und einmal singt er beim Geburtstag eines mexikanischen Kindes mit geradezu seligem Gesicht zusammen mit einer Mariachi-Kapelle. Auf Spanisch.

Wie hat der irgendwie doch altersweise Lucky gesagt? Alles im Leben verschwinde in der Dunkelheit, nichts bleibe ewig. Deshalb sei es am besten, mit einem Lächeln zu gehen. Einen schöneren Abschied kann man Lucky nicht wünschen. Und einen schöneren Abschied hätte sich auch Harry Dean Stanton nicht wünschen können.

Videokritik zum Film „Ted 2“ mit John Carroll Lynch

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Von Stefan Stosch/RND

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