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Kultur „Foxtrot“: Verdrängter Schmerz
Nachrichten Kultur „Foxtrot“: Verdrängter Schmerz
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00:17 13.07.2018
Israelischer Kontrollposten irgendwo im Nirgendwo: Tanzt da nicht jemand mit dem Gewehr Foxtrott? Quelle: Foto: NFP
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Hannover

Kaum ein Wort fällt in der Eingangssequenz: Zwei Soldaten klingeln an einer Tür, eine Frau öffnet und bricht beim bloßen Anblick der Uniformierten zusammen. Derweil irrt der Ehemann durch die weiträumige, düstere Wohnung und lässt die routinierten Hilfsangebote der Soldaten mit unbewegtem Gesichtsausdruck über sich ergehen: „Wegen der Beerdigung meldet sich jemand bei Ihnen / Trinken Sie bitte ein Glas Wasser jede Stunde / Unser tiefes Beileid.“

Nach dem Tod des Soldaten gerät die Welt der Eltern aus den Fugen

Wir befinden uns in Israel, der Sohn des Paares ist bei der Armee. Wir haben verstanden, bevor Minuten später die Erklärung aus dem Mund der Soldaten folgt: Jonathan ist tot. Er starb im Dienst. Wie und wo genau, wird nicht gesagt.

Vieles gerät fortan aus den Fugen im Leben von Michael (Lior Ashkenazi) und Dafna (Sarah Adler): die Ehe, der familiäre Zusammenhalt, innere Sicherheiten. Doch je länger Samuel Maoz’ „Foxtrot“ dauert, desto deutlicher wird auch: Wir hatten es von Anfang an mit beschädigten Menschen zu tun, ganz unabhängig von der Tragödie um Jonathan.

Der Film wird noch eine überraschende Volte bereithalten, die an Bitterkeit kaum zu überbieten ist – aber der Befund bleibt bestehen: Regisseur Maoz zeichnet das Bild einer traumatisierten Gesellschaft. Betroffen davon sind vor allem die Männer, egal welcher Generation. In der israelischen Armee waren sie alle. Und sie haben es nie gelernt, Schmerz zuzulassen.

Wie eine griechische Tragödie – mit surrealen Momenten

„Unser Land befindet sich im Krieg“, wird später ein grimmig dreinblickender Offizier in verdreckten Kampfstiefeln sagen. Da haben wir im Rückblick den absurden Alltag des Straßenpostens irgendwo im Nirgendwo schon erlebt, an dem Jonathan eingesetzt war. Nichts scheint hier zu passieren. Ein Kamel wandert gelegentlich von links nach rechts oder von rechts nach links durchs Bild. Für das Tier wird der Schlagbaum geöffnet.

In Sekundenschnelle eskaliert die Situation an dem Kontrollposten: Ein Auto nähert sich, die Gewehre der Soldaten rattern los. Sie erschießen Palästinenser in ihrem Mercedes, weil diese – tatsächlich oder nur vermeintlich? – eine Granate bei sich hatten. Mit Hilfe eines Bulldozers werden die Opfer mitsamt ihres Fahrzeugs im Wüstenboden verbuddelt. Von oben schaut die Kamera ungerührt auf diese seltsame Szene, die wie ein Sandkastenspiel wirkt.

Dem Filmfestival in Venedig war dieser irritierende, mit geradezu surrealen Momenten angereicherte und wie ein griechisches Drama in drei Akte unterteilte Film im Vorjahr den Großen Jury-Preis wert – in Israel löste er heftige Reaktionen aus: Kulturministerin Miri Regev kritisierte, dass der Film gegen die „moralischste Armee der Welt“ hetze. Unter dem Deckmantel der Kunst würden Lügen verbreitet.

Samuel Maoz’ Werk sorgte in Israel für Kontroversen

Die Likud-Ministerin und Brigadegeneralin Regev war zuvor Sprecherin der israelischen Armee. Sie rief dazu auf, künftig keine Filme mehr staatlich zu fördern, die Propaganda für die Feinde Israels machten.

Schon mit seinem Vorgängerwerk „Lebanon“ (2009) hatte Maoz für Furore gesorgt: Da filmte er aus einer klaustrophobischen Perspektive den Libanon-Krieg von 1982 – aus dem Innern eines Panzers. Mit den Augen verängstigter junger Soldaten erleben wir die Kämpfe – Samuel Maoz war damals einer von ihnen. „Lebanon“ gewann den Goldenen Löwen in Venedig.

In „Foxtrot“ spricht kein Soldat über das, was ihm widerfahren ist. Der Regisseur erklärt das so: Es gelte eine Schweigedoktrin, die auf dem Fundament des Holocausts ruhe. Alles, was an Schrecken danach passiert sei, sei nicht der Rede wert.

Drückt jemand hier sein Mitleid aus, klingt er wie ein Roboter

In „Foxtrot“ erleben wir, wie die Trauer ausgesperrt wird. Anteilnahme könnte als Schwäche verstanden werden. Wenn jemand hier Mitleid ausdrückt, dann klingt das beinahe wie aus dem Mund eines Roboters – und das gilt nicht nur für Michaels verwirrte Mutter, einer Holocaust-Überlebenden im Altenheim.

Man möchte Michael schütteln, damit er endlich sagt, was ihn bedrückt. Irgendwann bricht sich bei ihm dann doch der verdrängte Schmerz Bahn. Endlich erzählt er seiner Frau Dafna, welche Schuld er in der Armee auf sich geladen zu haben glaubt. Und dann wird Michael Foxtrott tanzen, so wie es sein Sohn Jonathan zuvor schon auf seinem Wüstenposten mit dem Gewehr in der Hand getan hat.

So schnell gehen einem diese träumerischen Bilder eines albtraumhaften Films nicht wieder aus dem Kopf.

Von Stefan Stosch / RND

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