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Kultur „Glück ist was für Weicheier“: Weggequirlte Verzweiflung
Nachrichten Kultur „Glück ist was für Weicheier“: Weggequirlte Verzweiflung
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06:00 06.02.2019
Und was machen wir nun? Stefan (Martin Wuttke, rechts) und Tochter Jessica (Ella Frey) sind ratlos. Quelle: Foto: Concorde
Hannover

Ist mit dem Tod tatsächlich zu spaßen? Sterben müssen wir ja sowieso. Wenn es also gelingen würde, dem Tod ohne allzu große Dramatik zu begegnen, wäre womöglich viel im Leben gewonnen. Leicht ist das aber nicht hinzukriegen, schon gar nicht für den unbeholfenen Sterbebegleiter Stefan Gabriel, egal wie sehr sich dieser im Krankenhaus anstrengt.

„Herr Bauer, laden Sie doch den Tod mal auf einen Kaffee ein“, empfiehlt Stefan (Martin Wuttke) dem Schwerstkranken, der im Bett vor ihm liegt. Doch während Stefan noch Tipps aus seinem Taschenbuch-Ratgeber aufsagt, ist ihm Herr Bauer auch schon in einem unachtsamen Moment weggestorben. Was bleibt, ist die Küchenmaschine, die Stefan für Herrn Bauer von der Post abholen sollte. Und dieses Gerät wird für Stefan und seine Tochter Jessica (Ella Frey) noch wichtig.

Regisseurin Lazarescu spendet den Zuschauern Trost mit Groteskem

Groteske Szenen wie diese setzen den Ton in Anca Miruna Lazarescus Tragikomödie „Glück ist was für Weicheier“ – und sie spenden auch den Kinozuschauern Trost. Die 39-jährige Regisseurin weiß genau, dass sie dem Vater und seiner zwölfjährigen Tochter mehr aufbürdet, als diese (er)tragen können. Aber die Regisseurin und ihre Drehbuchautorin Silvia Wolkan lassen es drauf ankommen und schauen, was passiert.

Stefans Ehefrau starb vor Jahren bei einem Verkehrsunfall, und jetzt leidet auch noch seine ältere Tochter Sabrina (Emilia Bernsdorf) an einer schweren Lungenkrankheit. Die Chance auf Gesundung ist minimal. Stefan, hauptberuflich Schwimmmeister in Shorts, Tennissocken und Adiletten, schlappt mit Kopfhörern auf den Ohren durch die Welt und hört Walgesänge, um psychisch nicht komplett aus der Kurve zu fliegen.

Verzweifelt sucht er nach Zeichen der Hoffnung – und das kann auch ein panisch um sich beißender Marder im Plastikpool im Garten sein, den er gerade noch vor dem Ertrinken rettet.

Ein Rettungskonzept für die geliebte Schwester

Seine Tochter Jessica dagegen driftet durch Tage voll böser Zeichen: Socken müssen akkurat in gleicher Höhe an den Waden sitzen und Unglückszahlen partout gemieden werden. Diese Marotten haben sie zur Außenseiterin an der Schule werden lassen. Noch dazu wird sie mit ihrer Kurzhaarfrisur als „Neutrum“ verspottet.

So leicht ist Jessica aber keinesfalls kleinzukriegen. Und jetzt hat sie in dem Buch „Geiseln der Menschheit: Pest, Not und schwere Plagen, Seuchen und schwere Epidemien vom Mittelalter bis heute“ das ultimative Rettungskonzept für ihre geliebte Schwester gefunden: Sabrina muss dringend mit einem Jungen schlafen, dann überträgt sich ihre Krankheit auf den Sexualpartner, und Jessica ist alle Nöte und Sorgen los.

Allerdings ist es nicht so einfach, jemanden in einem Gespräch auf offener Straße für diese Aufgabe zu begeistern.

Die rumänische Regisseurin entkommt problemlos den Konventionen

Das Tragische wird in diesem kleinen, feinen Film abgefedert durch Wahnwitz – und durch die Poesie, die Lazarescu dem Geschehen einwebt. Der aus Rumänien stammenden Regisseurin gelingt es in ihrem erst zweiten Langfilm (nach „Die Reise mit Vater“, einem Roadmovie mit biografischen Bezügen) problemlos, den Konventionen zu entkommen, denen Tragikomödien sonst gehorchen müssen. In diesem Fall muss nichts wirklich happy enden.

Am Ende von „Glück ist was für Weicheier“ bleiben ein paar lose Enden, was aber keineswegs ein Manko ist. Ziemlich daneben geht allerdings die Episode mit Jessicas Psychotherapeuten (Christian Friedel): Der Fachmann hat so hanebüchene Therapievorschläge parat, dass einem um das Kind angst und bange wird.

Entschädigt wird der Zuschauer mit surrealen Szenen, die vielleicht schönste: Stefan läuft in einem seltenen Augenblick der perfekten Leichtigkeit ein Rothirsch ins Auto. In diesem Moment kann er nicht mehr, zerrt das prächtige Tier am Geweih auf dem Acker herum und schreit den toten Hirsch an: „Beweg dich, steh endlich auf.“ Noch mehr Tod hält Stefan nicht aus.

Wuttke gibt seiner Figur eine zarte Wunderlichkeit mit

Überhaupt, die beiden Hauptdarsteller: Wer Martin Wuttke nur als griesgrämigen Leipziger „Tatort“-Kommissar (an der Seite von Simone Thomalla) in Erinnerung hat und nicht auch als Theaterstar kennt, entdeckt hier einen hingebungsvollen Schauspieler, der seiner Figur eine zarte Wunderlichkeit mitzugeben versteht.

Die eigentliche Entdeckung in diesem Film ist die Münchnerin Ella Frey, bei den Dreharbeiten gerade 14 Jahre alt. Ihre Jessica versieht sie trotz aller Verdruckstheit mit einem Hauch Frohmut. Dabei lässt sich die Regisseurin auf die Perspektive ihrer jungen Heldin ein und behauptet nie, mehr zu wissen als diese.

Und was ist nun mit der Küchenmaschine des verstorbenen Herrn Bauer? Die entwickelt sich zu einem festen Bestandteil im Alltag von Stefan und Jessica. Wann immer die beiden versucht sind, vor den miesen Einfällen des Schicksals zu kapitulieren, stellen sie den Mixer auf volle Stärke und quirlen sich ihre Verzweiflung von der Seele.

Von Stefan Stosch / RND

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