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Fotograf begegnet Flüchtlingen auf Augenhöhe

Lorenz Kienzle fotografiert mit offenen Ohren Fotograf begegnet Flüchtlingen auf Augenhöhe

Der Berliner Fotograf Lorenz Kienzle radelt durch Brandenburg, um Bilder von Flüchtlingen zu machen. Er will auf Augenhöhe mit ihnen sein und sieht sich nicht als knipsende Mutter Theresa. Und dennoch ist er mehr als ein Fotograf, er ist vielmehr eine Hilfe für die Menschen, die oft alles verloren haben.

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Zaher mit seinem polnischen Kater Nietzsche in Guben (2015). Der Syrer studierte Philosophie im Master und musste Anfang 2015 fliehen.

Quelle: ©Lorenz Kienzle

Potsdam. An Lorenz Kienzles ersten Tag mit den Flüchtlingen in Guben (Spree-Neiße) formierte sich eine Meute vor ihrem Heim. Besorgte Bürger und Neonazis, auf ihrem Transparent stand, was sie verband: „Nein zum Heim“. Kienzle war am selben Tag von einer Gruppe Bewohner zum Essen eingeladen worden. Jetzt fragte er, wie es ihnen mit der Demo geht. „Super“, sagte der Syrer Omar*.

Ein halbes Jahr nach ihrem ersten Zusammentreffen sitzt Omar neben Kienzle in dessen Berliner Foto-Atelier, lässt seine Finger knacken und lächelt. „Wir fanden es toll, dass überhaupt demonstriert werden darf“, sagt der 29-Jährige, „und, dass die Polizei hier sogar beide Seiten schützt – die Demonstranten und die, gegen die demonstriert wird.“

Lorenz Kienzle richtet seine Plattenkamera aus

Lorenz Kienzle richtet seine Plattenkamera aus: Diesmal porträtiert er Ahmad.

Quelle: Omar Akahare

Kienzle hat sich mit angewinkeltem Beinen auf seinen Bürostuhl gelümmelt, als sei es eine kuschelige Couch. Er lauscht der überraschenden Antwort von Omar und erinnert sich, wie alles begann. Der Syrer assistiert ihm mittlerweile bei der Arbeit. „Ich habe das Gefühl gehabt, ich betrete eine neue Welt“, sagt Kienzle über den Tag, der mit einer spontanen Einladung zum Frühstück mit Rührei, Sardinen und Paprikapaste anfing und mit der überraschenden Reaktion auf die Naziparolen endete. Der 48-Jährige wirkt mit seinen Pausbäckchen jungenhaft und zufrieden wie einer, der richtig findet, was er tut.

Eine kurdische Familie, die zwei Jahre in einem Camp an der irakisch-iranischen Grenze gelebt hat und mittlerweile in der Flüchtlingsunterkunft

Eine kurdische Familie, die zwei Jahre in einem Camp an der irakisch-iranischen Grenze gelebt hat und mittlerweile in der Flüchtlingsunterkunft Lietzen untergebracht ist. (2016)

Quelle: Lorenz Kienzle

Seit Oktober fotografiert Kienzle Flüchtlinge – in Guben und in anderen Orten Brandenburgs. Das Projekt begann unter dem Motto „Ein Tag als Flüchtling“ als kurze Aktion, initiiert vom Berufsverband „Freelens“. Solche Begegnungen wie die mit Omar ließen es zur Daueraufgabe werden. Der Perspektivwechsel ist Kienzle zum Prinzip geworden. Die Porträts befreien die Menschen von all den überstülpten „Tagesschau“-Begriffen: die Flüchtlinge, die Migranten, die Moslems. Was bleibt sind die Menschen – richtige Typen, kantig und kauzig, mal verloren, mal voll Glück. Mit seiner Plattenkamera porträtiert Kienzle sie in Schwarz-Weiß-Aufnahmen, richtig kennen lernt er sie in stundenlangen Gesprächen. Da wäre zum Beispiel ein syrischer Philosoph, der den Islam kritisiert und seine Katze Nietzsche nennt. Eine Vietnamesin, die Kienzle zuerst mit Schwangerenbauch auf ihrer Pritsche und dann mit Baby im Weizenfeld fotografiert hat. Ein Mann, der aus Südsyrien floh, eine Wüste zu Fuß durchquerte und beim Selfie vor einem Reststück der Berliner Mauer so bewegt wirkt wie ein Bergsteiger, der einen für unbezwingbar gehaltenen Berg erreicht.

Künstler ist eine Hilfe für die Flüchtlinge

Erzählt Kienzle von seinen Besuchen klingt es, als kämen ihm die Motive entgegenspaziert. In Lietzen (Märkisch-Oderland) sah er während eines Gesprächs im Augenwinkel einen Mann im Ledermantel mit Kopfhörern über den Ohren zum See gehen, um Schwäne zu füttern. Er heißt Ahmad. Kienzle fotografierte ihn auf einem Acker, danach redeten sie über seine Familie. Er zeigte ein Handybild seiner drei Töchter. Omar fielen die Tränen in den Augen seines Landsmanns auf, er signalisierte Kienzle, nicht nachzufragen. Ahmad zog davon, nahm sich einen Plastikstuhl und verschwand in der Dämmerung auf einem Waldweg zum See. „Ein Bild, das ich nicht mehr vergessen werde“, sagt Kienzle.

Der syrische Flüchtling Khaled an der Berliner Mauer in der Niederkirchnerstraße (2015)

Der syrische Flüchtling Khaled an der Berliner Mauer in der Niederkirchnerstraße (2015).

Quelle: ©Lorenz Kienzle

Der Künstler ist für die Flüchtlinge ein Kontakt, eine Hilfe. Sie stellen ihm Fragen zu behördlichen Dingen oder, wie sie einen neuen Vertrag fürs Handy bekommen, auf dem sie ihr ganz eigenes Fotoalbum mit sich herumtragen. Auf dem Telefon von Ahmad sind Bilder seiner Töchter, der vereiste Lietzener See im Winter, Bombenopfer aus Syrien. Kienzle schenkt ihnen dazu die Porträts als postkartengroßen Kontaktabzug oder Scan fürs Smartphone.

Eine Begegnung auf Augenhöhe

Die Vietnamesin Le am Tag vor der Geburt ihres Kindes in Bad Freienwalde (2016)

Die Vietnamesin Le am Tag vor der Geburt ihres Kindes in Bad Freienwalde (2016).

Quelle: Lorenz KIenzle

Kienzle vermeidet Stippvisiten, er begegnet den Porträtierten auf Augenhöhe und mit Ausdauer. Der Fotograf, auf den ersten Blick nicht gerade ein Asket, radelt von entlegenen Bahnhöfen zu den noch entlegeneren Unterkünften. Fährt er nach Lietzen steigt er mehrmals um, radelt am Ende noch 14 Kilometer zum Heim. „Wenn ich in einem BMW vorfahren würde, wäre es anders“, sagt er, „ich komme abgestrampelt auf dem Fahrrad an – das schraubt mich runter und versetzt mich eher auf Augenhöhe.“

Doch Lorenz Kienzle ist keine knipsende Mutter Theresa. Er ist auch keiner, der dreckige Heimflure und beschäftigungslos in den Tag hineinschlafende Bewohner dokumentiert, die, in die Peripherie gedrängt, kaum eine Beschäftigung für sich finden. „Die Menschen sollen posieren, sich präsentieren – so wie sie sein wollen“, sagt der Fotograf. Lorenz Kienzle ist also kein Flüchtlingsfotograf, er ist ein Menschenfotograf. „Idealerweise porträtiere ich diese Menschen in ein paar Jahren wieder und der Begriff Flüchtling ist dann überhaupt nicht mehr zutreffend“, sagt er über seine Arbeit.

Fotograf mit Hang zu Brandenburg

Lorenz Kienzle ist in München geboren , seine Ausbildung zum Fotografen absolvierte er an der Berufsfachschule für Fotografie am Lette-Verein in Berlin. Er hat jahrelang für Richard Serra, einen der weltweit bedeutendsten zeitgenössischen Bildhauer, dessen Großplastiken fotografiert. Als Industriefotograf hat er unter anderem das Ende letzte Kapitel in der Geschichte der Gubener Hutfabriken dokumentiert. In einer Langzeitdokumentation porträtierte er Horno und seine Bewohner, die umgesiedelt wurden. Der Ort in der Niederlausitz musste dem Tagebau weichen. Arbeiten von Lorenz Kienzle finden sich u.a. im Guggenheim-Museum Bilbao und im Deutschen Technikmuseum Berlin.

Die Porträts der Flüchtlinge wurden noch nicht öffentlich ausgestellt . Im kommenden Jahr soll es im Käthe-Kollwitz-Museum Berlin eine Ausstellung geben. Kienzle fotografiert seit Oktober 2015 geflüchtete Menschen in brandenbrugischen Unterkünften, etwa in Lietzen, Guben und Bad Freienwalde. Der 48-Jährige hat sich für Orte in Brandenburg entschieden, weil er es schätzt, dort mehr Zeit für die Porträtierten zu haben und mitsamt der mitunter aufwendigen Anfahrt komplette Arbeitstage dem Projekt zu widmen. Häufig dient die Landschaft - etwa ein Weizenfeld - als Motiv. Kienzle fotografiert in schwarz-weiß mit einer Plattenkamera und entwickelt die Aufnahmen selbst.

*Zum Schutz der Flüchtlinge in ihren Heimatländern sind sie nur mit ihren Vornamen erwähnt.

Von Maurice Wojach

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