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Fotografien der Wendegeneration

Ausstellung im Willy-Brandt-Haus Fotografien der Wendegeneration

Schluss mit der kollektiven Jubelfeier – im Berliner Willy-Brandt-Haus zeigt die Foto-Ausstellung „Der dritte Blick“ die Perspektive der in den 1970ern und 1980ern geborenen Umbruchsgeneration auf die Deutsche Einheit und was danach kam. Die Arbeiten legen die Vermutung nahe: Die Wende geht weiter, Mauern verschwinden, doch neue Grenzen sind längst in Planung.

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Quelle: Ina Schoenenburg

Berlin. Die Oma trägt einen gefütterten Mantel, eine Mütze und steht im Schnee. Sie blickt auf die rosafarbenen Schmetterlingsflügel in ihrer Hand. Eine Verkleidung für Kinder mit Schnüren dran, die sie versucht zurechtzufriemeln. Die ältere Frau schaut auf das bunte Ding als sei es ein Kreuzworträtsel ohne Hinweiskästchen. Die Enkelin schert das nicht, sie ist ihr eigener Schmetterling, liegt im Schnee, rudert mit den Armen und hinterlässt frische Spuren darin.

Kostenlose Ausstellung

- Die Ausstellung „Der dritte Blick“ zeigt die Werke von neun Fotografen, die Ende der 1970er und Anfang der 1980er-Jahre geboren sind. Kurze Filme illustrieren ihre Arbeitsweise und, wie die Umbruchserfahrungen nach dem Ende der DDR ihr Werk geprägt haben. Die Videos sind auch auf einer Internetseite zu sehen: www.der-dritte-blick.de

- Noch bis zum 7. November ist die Ausstellung zu sehen, und zwar im Willy-Brandt-Haus in Berlin, Wilhelmstr. 140, von Dienstag bis Sonntag, zwischen 12 und 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

- Parallel zur Berliner Ausstellung zeigt der Verein Perspektive hoch drei in Potsdam in der Gedenkstätte Lindenstraße bis zum 8. November zwischen 10 Uhr und 18 Uhr Dokumentarische Foto- und Filmarbeiten von Sven Gatter, Dörte Grimm und Nadja Smith. Der Eintritt kostet 1,50 Euro für Erwachsene und 1 Euro für Schüler.

Zwei Generationen - die eine grübelt, die andere tobt sich aus. Ina Schoenenburgs Fotoserie „Blickwechsel“ erzählt vom Leben ihrer Eltern und der eigenen Tochter. Und natürlich von sich selbst.

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Quelle: Ina Schoenenburgs

Die Fotografin ist 1979 in Ost-Berlin geboren, gehört zu denen, die das Ende der DDR im Kindesalter erlebt haben. Das eint sie mit den acht anderen Künstlern, deren Arbeiten noch bis zum 7. November im Willy-Brandt-Haus in Berlin zu entdecken sind. Die ausgestellten Werke reflektieren die Zweifel und Hoffnungen der Umbruchszeit, die mit der am vergangenen Wochenende lauthals gefeierten Deutschen Einheit 1990 erst so richtig begann.

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Quelle: Ina Schoenenburg

Viele Eltern sollten im neuen System rechtfertigen, was im alten selbstverständlich war – Beruf, Herkunft, Identität. Sie mussten neue Spielregeln begreifen, ihre Erinnerungen an das kaputtregierte Heimatland sortieren. Wie hat das auf die in den späten 1970er und 1980er-Jahren Geborenen abgefärbt? Auch sie mussten ihre Kindheitserinnerungen abgleichen mit dem Bild der DDR, das ihnen später in Geschichtsbüchern begegnete.

Fotografen, die nach Antworten suchen

Der Verein Perspektive hoch drei hat die Ausstellung unter dem Titel „Der dritte Blick“ konzipiert. Er ist hervorgegangen aus der Initiative „3te Generation Ost“, die in Buchform und auf Podiumsdiskussionen Identitätsfragen in der Endlosschleife stellte, ohne sich an Antworten besonders interessiert zu zeigen. Die von Sabine Weier kuratierte Ausstellung unterscheidet sich davon wohltuend. Sie illustriert, wie Fotografen der Wendegeneration nach Antworten suchen, indem sie sich mit ihrer Vergangenheit und der einer ganzen Gesellschaft auseinandersetzen. Nicht im Stübchen beim geisteswissenschaftlichen Dauerdiskurs, sondern draußen, dort, wo DDR war und jetzt BRD ist. Nachzusehen in Werken über die Bonzensiedlung Wandlitz, die Industriestadt Bitterfeld und über Dresden, eine Stadt, die zerbombt und überflutet wurde und, wie kaum eine andere, vom gerade herrschenden politischen System umkonstruiert wurde. Die Fotografien zeigen aber auch, wie Umbruchserfahrungen das Werk der Künstler beeinflussen, selbst wenn es bei den Arbeiten längst um andere Themen als DDR und Mauerfall geht.

Menschen statt Ruinenporno

Sven Gatter ist einer der Ideengeber der Ausstellung. Der 36-jährige Fotograf lebt in Potsdam, er wuchs in Bitterfeld auf – einer Stadt, die von der stolzen Hochburg der Industrie in der DDR zum Sinnbild für Umweltverschmutzung und Arbeitslosigkeit wurde. Was stiftet in einer solch zerrissenen Stadt Heimatgefühle? „Absurderweise ist es heute die Natur, dort finden die Stadtfeste statt, das soll jetzt die Identität von Bitterfeld sein“, sagt Gatter. Er meint vor allem den gefluteten Braunkohletagebau Goitzsche, wo die Bitterfelder einst schufteten und sich heute erholen. Statt den „Ruinenporno“ in der Stadt, also das Verrotten der Industriebrache, zu zeigen, habe er sich der Freizeit der Menschen widmen wollen. Eines der Porträts zeigt zwei Männer in altmodisch designten Badehosen, die mit erschöpft skeptischem Was-willst-denn-du-Blick in die Kamera schauen.

„Zwei Langstreckenschwimmer“

„Zwei Langstreckenschwimmer“.

Quelle: Sven Gatter

„Der dritte Blick“ richtet sich nicht nur auf Ostdeutschland. Während wir den einstigen Zusammenbruch von Grenzen jubilieren, fließen andernorts Millionen in ihre satellitengestützte Überwachung. Auf den Fotografien von Julian Röder wirken die Mitarbeiter der Agentur Frontex bei ihrer hochtechnisierten Arbeit an den Außengrenzen des Schengen-Raums wie Astronauten. Und so spaziert man von Bild zu Bild, wohlwissend, dass die Abschaffung von Grenzen immer eine vorläufige ist und die Tagespolitik ihr ärgster Feind. Ein Befehl von oben, ein paar Tage Schufterei, schon steht der Freiheit ein neuer Zaun im Weg.

Von Maurice Wojach

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