Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -5 ° wolkig

Navigation:
Für Deutschland, gegen Hitler

Ausstellung in Berlin Für Deutschland, gegen Hitler

Vor allem über Biografien einzelner Akteure versucht eine neue Ausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, Motivation und Absicht der weltweiten Bewegung „Freies Deutschland“ deutlich zu machen. Unter dem Titel „Deutschland muss leben, deshalb muss Hitler fallen!“ werden auf 19 Schautafeln die Lebenswege von Widerständlern gezeigt.

Voriger Artikel
Helgi Jonsson stellt neue Songs bei Tina Dico vor
Nächster Artikel
Gekipptes Einheitsdenkmal - Was passiert mit der Fläche?

Wöchentlich erschien die Zeitung „Freies Deutschland“.

Quelle: PB Archiv Jan Emendörfer

Berlin. Im Frühsommer 1943 wollte die Sowjetregierung der Wehrmachtsführung ein Angebot machen: Zu jener Zeit nach der deutschen Niederlage von Stalingrad hätte es zu Friedensverhandlungen kommen können. Es gab eine Aufforderung zum Sturz Hitlers und zur Rückführung der deutschen Truppen an die Reichsgrenzen. Wenn es so gekommen wäre, hätte möglicherweise nie ein Rotarmist deutschen Boden betreten.

Hitler-Gegner aller Couleur

Das Sprachrohr, das Moskau für seine Offerte benutzte, war das Nationalkomitee „Freies Deutschland“ (NKFD). Am 12./13. Juli 1943 auf Initiative der Sowjets und mit dem Segen Stalins in Krasnogorsk bei Moskau gegründet, vereinte die Organisation Hitlergegner aller Couleur: kriegsgefangene Soldaten und Offiziere, kommunistische Emigranten, Schriftsteller, Theatermacher und andere Intellektuelle.

Kommunistische Phrasen werden bewusst vermieden

Die 38 Gründungsmitglieder unterzeichneten ein Manifest, das den grundsätzlichen Kurs des Komitees definierte: Es rief alle Deutschen zum Kampf gegen Hitler auf und forderte mit patriotischen Leitsätzen die Gründung einer „starken demokratischen Staatsmacht“. Bewusst wurde kommunistische Phraseologie vermieden, und die Farben des Komitees zielten mit dem Schwarz-Weiß-Rot des Kaiserreichs eher auf nationalkonservative Assoziationen ab als auf die schwarz-rot-goldene Demokratie von Weimar.

Blick in die aktuelle Ausstellung

Blick in die aktuelle Ausstellung.

Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Dieses Komitee, das im September 1943 noch durch den Bund deutscher Offiziere (BDO) erweitert wurde und in dem Stalin anfangs gar so etwas wie eine mögliche deutsche Exilregierung sah, ist seit 1945 Streitobjekt deutscher Geschichtsschreibung. Waren sie Verräter oder doch Patrioten? Diese Deutschen, die sich mit den Russen mitten im Krieg an einen Tisch setzten und einen Propagandafeldzug gegen Hitler entfachten, der es in sich hatte: Flugblätter in riesigen Auflagen, Lautsprecher-Appelle an der Front, ein Rundfunksender, eine eigene Zeitung, Agitation unter Kriegsgefangenen. War das Komitee letztlich gar Keimzelle der DDR?

19 Schautafeln zeigen Lebenswege der Widerständler

Eine neue Ausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin versucht, vor allem über die Biografien einzelner Akteure, Motivation und Absicht der Bewegung deutlich zu machen. Unter dem Titel „Deutschland muss leben, deshalb muss Hitler fallen!“ werden auf 19 Schautafeln mit Fotos, Zeitungsausschnitten, Briefen, Flugblättern und anderen Dokumenten Lebenswege von Widerständlern aus der weltweiten Bewegung „Freies Deutschland“ gezeigt.

Parteieigene Kritiker wurden bald ausgebootet

In der „Moskauer Ecke“ durfte natürlich Rudolf Herrnstadt (1903–1966) nicht fehlen – der jüdische Intellektuelle aus Oberschlesien, seit 1929 KPD-Mitglied, Verfasser der NKFD-Manifests, Chefredakteur der Wochenzeitung „Freies Deutschland“. Nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 stürzte Herrnstadt tief; die SED-Führung hielt intellektuelle Freidenker nicht aus, die ihrer eigenen Partei kleinbürgerliche Engstirnigkeit vorhielten.

Alter Militär will Freiwillenkorps aufstellen

Und da ist Walther von Seydlitz (1888 –1976), alter deutscher Adel, General der Artillerie, der offenbar auch einsieht, dass es mit Hitler nicht weitergeht. Er wird BDO-Präsident. In zwei Memoranden bittet er die Sowjetführung, die Aufstellung eines deutschen Korps aus etwa 40 000 Freiwilligen zu genehmigen, die mit der Waffe in der Hand bei der Zerschlagung des Hitlerregimes helfen sollten.


Eines der ersten Druckerzeugnisse des Nationalkomitees

Eines der ersten Druckerzeugnisse des Nationalkomitees.

Quelle: web

Der Wehrmachtsdeserteur Max Emendörfer (1911–1974) saß als NKFD-Vizepräsident mit Seydlitz von 1943 bis 1945 oft am Versammlungstisch. Der eine Schuhmacher und Kommunist, der andere Vollblut-Militär und Nationalkonservativer, fanden sie letztlich doch eine gemeinsame Sprache, wenn es gegen Hitler ging. Das will die Ausstellung in Berlin auch zeigen, dass das Bündnis breit war, quer durch verschiedene weltanschauliche Richtungen ging.

Kommunist von russischem Geheimdienst verhaftet

Auch Emendörfer, der als Kommunist schon in den 1930er-Jahren in den KZ Esterwegen und Sachsenhausen in „Schutzhaft“ gesessen hatte, sich nach seiner Entlassung freiwillig zur Wehrmacht meldete und im Januar 1942 zur Roten Armee überlief, stürzte nach 1945 noch einmal tief. Unter dem Vorwurf, Agent der Gestapo gewesen zu sein, wurde er in Berlin vom russischen Geheimdienst verhaftet und in den Lagern Hohenschönhausen und Sachsenhausen inhaftiert.

1947 ging es zurück in die Sowjetunion, wo seine, wie er es nannte „Sibirische Odyssee“ begann, die 1953 in einer Verurteilung zu noch einmal zehn Jahren Verbannung mündete. Emendörfer kam im Januar 1956 frei, wurde von Berlin nach Halle abgeschoben, arbeitete dort als Redakteur der SED-Bezirkszeitung „Freiheit“ – und traf Rudolf Herrnstadt wieder...

Deutschlands Zukunft im Blick

Das Gründungskomitee für das NKFD nimmt im Juni 1943 seine Arbeit auf. Das Manifest erscheint einen Monat später.

„Deutschland muss leben, deshalb muss Hitler fallen! Die weltweite Bewegung „Freies Deutschland“ 1943 – 1945 – Ausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin, Stauffenbergstraße 13–14; Geöffnet: Mo–Mi und Fr 9–18 Uhr; Do 9–20 Uhr; Sa, So und Feiertags 10–18 Uhr. Bis 14. Juli.

Wenn auch viele NKFD-Mitglieder später in der DDR relativ hohe Funktionen in Parteien, Massenorganisationen, Armee, Polizei und Verwaltung bekleideten, so zeigen die drei Beispiele Herrnstadt, Seydlitz und Emendörfer, und sie waren nicht Einzigen, die auf der Strecke blieben, dass die Definition „Keimzelle der DDR“ etwas kurz greift. Jedes Schicksal ist individuell, und es geht um Menschen und nicht nur um politische Strategie und Taktik. Und es geht bei der objektiven Bewertung auch um „historische Substanz“, wie Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, zur Ausstellungseröffnung betonte.

Auch im Westen regt sich Gegenwehr

Das trifft auch auf die Bewegung „Freies Deutschland“ im Westen zu, die weniger ferngesteuerter Ableger Moskaus, als vielmehr ein von mutigen Enthusiasten in Frankreich, Griechenland und Lateinamerika vorangetriebenes Projekt war, das auf den Sturz Hitlers hinarbeitete. Wie Regisseur Falk Harnack (1913–1991), Bruder von Arvid Harnack (Rote Kapelle). 1943 in München vor dem Volksgerichtshof steht und freigesprochen wird. Abkommandiert zum Strafbataillon 999 nach Griechenland, flieht Harnack, schließt sich der Partisanenbewegung ELAS an und gründet das Antifaschistische Komitee „Freies Deutschland“.

Von Jan Emendörfer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?