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Für Wissenschaftler ist Migration das Natürliche

Moderne Anthropologie Für Wissenschaftler ist Migration das Natürliche

Die Migration in Europa verunsichert derzeit viele Menschen. Wissenschaftler wie der Experte für evolutionäre Anthropologie an der Universität Potsdam, Michael Hofreiter, belegen jedoch, dass Menschen schon immer unterwegs waren und Gruppen sich mischten. Sozialwissenschaftler wiederum sind von der kulturellen Anpassungsfähigkeit der Menschen überzeugt.

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Michael Hofreiter ist Professor für evolutionäre adaptive Genomik an der Universität Potsdam.

Quelle: Karla Fritze

Potsdam. Viel ist derzeit vom „Volk“ und der „nationalen Identität“ die Rede, so als seien das die natürlichsten Dinge der Welt. Das sind sie mitnichten. Der Begriff eines „einheitlichen Volkes“ ergibt zum Beispiel aus Sicht der Biologie keinen Sinn, stellt der Professor für Evolutionäre Adaptive Genomik an der Universität Potsdam, Michael Hofreiter, klar.

Es gibt keine natürlichen Grenzen zwischen den Individuen

„Es gibt keine natürliche Grenze, die man ziehen kann“, betont Hofreiter, der seine wissenschaftliche Karriere beim Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie begann. Wenn man zum Beispiel frage, woher die ursprünglichen Europäer kämen, müsse man ehrlicherweise antworten: aus Afrika. Von dort aus machten sich vor geschätzten 100 000 Jahren die Vorfahren der heutigen gesamten Menschheit auf zu ihren Siegeszug rund um den Globus. Daraus folge weiterhin: Der Mensch war schon von Anbeginn seiner Geschichte ein Migrant und ist es später auch geblieben.

Entsprechend seien die Europäer genetisch gesehen ein bunter Mix. Auch dies lässt sich durch Untersuchungen inzwischen sehr gut belegen. Neue Zuwanderungen zu den bereits in Europa „Ansässigen“ gab es mit Beginn der Landwirtschaft vor 12 000 bis 7000 Jahren. Auch damals kam der Zustrom übrigens aus Nahost. In der späteren Bronzezeit näherten sich asiatische Steppenvölker Europa. Umgekehrt gab es aber etwa vor 3000 Jahren auch eine starke „Rückwanderung“ der Europäer nach Afrika, wie etwa kürzlich durch den Fund eines 4500 Jahre alten Skeletts belegt wurde. Dieses unterscheidet sich genetisch deutlich von den heutigen Einwohnern in Afrika.

Im kleinen Maßstab gilt dieses Prinzip der Vermischung besonders auch für die Region, die heute mit Brandenburg deckungsgleich ist, wie Franz Schopper, Direktor des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und des Archäologischen Landesmuseums, bestätigt. Demnach bestanden die „Ur-Märker“ aus Jäger- und Sammlergesellschaften, die sich in ganz Nord- und Mitteleuropa ausgebreitet hatten. Zu ihnen stießen aber schon etwa 5200 Jahre vor Christus Ackerbauern und Viehzüchter aus den Regionen des heutigen Balkan. Aus dem ursprünglichen Nebeneinander wurde zunehmend ein Miteinander mit gegenseitigen kulturellen Übernahmen und einer Mischung der Bevölkerung.

Auch die „Ur-Märker“ sind letztlich ein Völkergemisch

„Es gab ständig im großen und im kleinen Stil Migration von Menschen aus verschiedenen Gebieten“, betont Schopper. Die Begegnungen verliefen zwar nicht immer konfliktfrei, letzten Endes konnten sie aber auch zu wichtigen Entwicklungen führen. „Die neuen Gruppen, die zu einer alten Gruppe hinzukommen, haben ihre eigene Kultur und Technik. Wenn beide Gruppen miteinander interagieren, können sie etwas Neues entwickeln, was sogar besser an die Umstände angepasst ist“, so Schopper. Die Vielfältigkeit der frühen Entwicklung unseres Landes sei auch im Archäologischen Landesmuseum in Brandenburg an der Havel nachzuerleben

Verwirrende Begriffsvielfalt

Volk und Staatsvolk sind unterschiedliche Begriffe, die sich allerdings teilweise überschneiden. In den aktuellen Debatten werden die verschiedenen Bedeutungen oft vermengt.

Mehrdeutig ist schon allein der Ausdruck „Volk“ selbst. Zurückgeführt werden kann er auf das germanische Wort „fulka“, das soviel wie „Kriegerschar“ bedeutet. Heute wird das Wort in dreierlei Sinne verwendet: Es meint dann entweder ein Staatsvolk, eine Nation oder eine Ethnie.

Staatsvolk ist rechtlich definiert. Unter ein Staatsvolk fallen alle Zugehörige eines anerkannten Völkerrechtssubjekts. Diese Zugehörigkeit ist im Personalausweis vermerkt.

Nation wird oft im Sinne von „Staatsvolk“ gebraucht. Sonst meint es ein Kollektiv, das Sprache, Tradition, Sitten und Abstammung teilt.

Ethnien bestimmen sich durch die Abstammung. Klar zu definieren sind einzelne Ethnien nicht.

Allerdings lässt sich umgekehrt aus solchen Erkenntnissen letztlich auch keine stringente Politik ableiten, wie Evolutionsbiologe Hofreiter betont. „Biologisch gesehen ist es völlig irrelevant, ob Sie die Grenzen nun öffnen oder dicht machen“, sagt er. Eine stärke Durchmischung mit positiven genetischen Auswirkungen wäre durch mehr Zuwanderung aus allen Teilen der Welt nicht zu erwarten. „Wir sind schon jetzt gemischt“, so Hofreiter. Gerade wegen diese starken Vielfalt hielten sich Inzuchtprobleme und eine daraus folgende höhere Krankheitsanfälligkeit in Grenzen.

Lediglich sehr langfristig hätte eine radikale Abschottung doch Risiken. Mit Folgen von Inzucht hat zum Beispiel die genetisch lange isolierte Einwohnerschaft des mikronesischen Atolls Pingelap zu kämpfen. Ein Drittel der auf nur rund 30 Vorfahren zurückgehenden rund 500 Einwohner tragen Erbanlagen für Farbenblindheit in sich, die je nach Kombination bei Kindern wirklich zur Farbenblindheit führen kann. Hofreiter weist auch auf ungewollte Nebenfolgen in der Tierzucht hin. Beim Holstein-Rind, dem beliebtesten Zuchtrind, das auf dem versendeten Samenmaterial immer weniger Bullen zurückgeht, zeigten sich schon Symptome wie zunehmende Unfruchtbarkeit der Kühe.

Kulturelle Integration kann gelingen

Nun werden Kritiker der aktuellen Zuwanderung kaum biologisch argumentieren. Sie fürchten eher fremde Kulturen, die nicht zu unseren Maßstäben passten . Hier haben aber Sozialwissenschaftler andere Ansichten. Kulturelle Integration hält zum Beispiel die Entwicklungspsychologin Birgit Elsner vor allem bei Jugendlichen für prinzipiell gut möglich.

„Gerade das Jugendalter ist eine sehr gute Lebensphase, um frühere Prägungen zu verändern“, sagt die Potsdamer Professorin. „Die Jugendliche gestalten in dieser Zeit ihre Identität und fragen sich: Was will ich selbst, was ist mir wichtig?“ Deshalb sei es günstig, wenn ein Mensch gerade in dieser Phase in eine neue Gesellschaft mit neuen Wertmustern komme. Allerdings hänge die Wahl seiner Werte auch stark von seinem Umfeld ab. „Gleichaltrige haben einen großen Einfluss“, so Elsner. Und auch die Rolle der Eltern sei nicht zu unterschätzen. Dennoch ist Elsner optimistisch, was die Integration anbelangt. Diese gelinge umso besser, je eher die Geflüchteten ihre Zukunft in der neuen Gesellschaft und ihren Aufenthalt in Deutschland nicht nur als Provisorium sehen würden.

Ein Realexperiment der Integration macht gerade ihre Kollegin Miriam Vock, Professorin für Empirische Unterrichts- und Interventionsforschung in Potsdam. Zusammen mit ihrem Mitarbeiter Frederik Ahlgrimm hat sie das bundesweit beachtete Projekt zur Qualifizierung geflüchteter Lehrer ins Leben gerufen. Dabei geht es ihr vor allem auch um geflüchtete Kinder, die einmal von den nachqualifizierten Lehrer unterrichtet werden könnten. Vock meint, die syrischen Lehrer könnten eine Brücke zwischen der nahöstlichen und unserer westlichen Kultur: „Sie haben einen Vorsprung gegenüber anderen Familien. Ich glaube schon, dass sie gut eine Rolle als Vorbilder erfüllen können.“ Die sich fortbildenden Lehrer und Akademiker selbst – allesamt aus einem anderen Kulturkreis stammende Erwachsene – werden von dem Potsdamer Lehrpersonal als hochmotiviert und äußerst lernwillig beschrieben.

Die Integration wird aufwendig

Als immerhin „schwierig“, bezeichnet allerdings der Leiter des Instituts für Mehrsprachigkeit an der Universität Potsdam, Harald Clahsen, die sprachliche Bildung der Migranten. Die Bedingungen seien so ähnlich wie zu Zeiten der sogenannten Gastarbeiter: „Es ist eine große Gruppe, die zugleich ankommt und bis jetzt noch untereinander lebt“, sagt Clahsen. Wenn die Geflüchteten wirklich Deutsch lernen sollten, sei es wichtig, ihre Isolation etwa in den Flüchtlingsheimen aufzubrechen. „Die besten Erfolge hat man bei Leuten, die täglich Kontakt mit Deutschen haben.“ Die kulturelle Integration sei eigentlich das Wichtige, die sprachliche Integration durch begleitenden Unterricht müsse eher als eine flankierende Maßnahme angelegt sein.

Clahsen räumt ein, dass die Zeit dränge. „Die Erfahrung zeigt, dass das erste Jahr entscheidend ist.“ Nach einem Jahr hätten sich Lebenssituationen meist stabilisiert. „Dann ändert sich nicht mehr viel.“ Auch was den Aufwand für sprachliche Integration angehe, dürfe man sich nicht täuschen. Wenn man ehrgeizige Integrationsziele wie etwa Bundespräsident Joachim Gauck habe, müssten noch mehr Ressourcen bereitgestellt werden.

Von Rüdiger Braun

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