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„Geächtet“ hat Premiere in Berlin

Theater „Geächtet“ hat Premiere in Berlin

Mit offenem Rassismus kann der aus dem Iran stammende Schauspieler Mehdi Moinzadeh besser umgehen als mit oberflächlicher Toleranz. Im Stück „Geächtet“ spielt er einen Moslem, der befürchtet, seine Herkunft würde der Karriere schaden. Der MAZ verriet er, warum er sich über das Drehbuch für seinen Abgang als Ermittler im Kieler „Tatort“ geärgert hat.

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Quelle: Katarina Ivanisevic

Potsdam. Im Stück „Geächtet“ verkörpert Mehdi Moinzadeh im Theater am Kurfürstendamm einen Moslem, der seine wahre Herkunft verschweigt.

Was hat Amir, den Sie in „Geächtet“ spielen, mit Ihnen zu tun?

Mehdi Moinzadeh: Ich hätte gern Jura studiert, er hat es gemacht. Seinen Kampf um Autonomie und Anerkennung kann ich hundertprozentig nachvollziehen.

Was meinen Sie?

Moinzadeh: Amir löst sich von kulturellen Fesseln, die man ihm angelegt hat. Es ist ein Kraftakt, sich zu distanzieren von etwas, das dir so nahe ist – von der Familie und der Kultur. Dazu kommt der Druck, den die Gesellschaft auf einen ablädt wegen des Aussehens und der Herkunft.

Und in Ihrem Leben?

Moinzadeh: Mein Vor- und Nachname sind komplett arabischer Herkunft, muslimischer geht’s gar nicht. Jahrelang habe ich überlegt, den Namen zu wechseln. Ich wollte immer Schulz oder Müller heißen. Alle haben mich als Moslem eingeordnet, dabei bin ich keiner. Im Iran wurde ich unfreiwillig beschnitten, später bin ich unabhängig von der islamischen Kultur aufgewachsen.

Absurderweise haben Ihre Eltern mit Ihnen den Iran wegen des islamischen Regimes verlassen. Wie beeinflusst Ihre Herkunft den Beruf?

Moinzadeh: Ich hätte mit dem ZDF und Arte eine Doku-Reihe namens „Iran im Herzen“ drehen können. Von offizieller Seite erfuhr ich, dass ich zwar einreisen darf, merkte aber, dass es riskant werden könnte und der Staat keine Garantie für meine Sicherheit geben würde.

Und in Deutschland? Nach dem Ausstieg beim „Tatort“ sagten Sie, es bringe Ihnen wenig, den „Quotenausländer“ zu spielen.

Moinzadeh: Nach dem „Tatort“ habe ich mich weitgehend vom Fernsehen verabschiedet, nicht aber vom Schauspiel. Das Theater ist meine Heimat, damit identifiziere ich mich – auch, weil mein Vater Schauspieler ist. Da bin ich konservativ.

Vielleicht eher idealistisch – für andere Schauspieler ist der „Tatort“ eine Lebensversicherung, Sie haben sich dagegen entschieden. Was hat Sie gestört?

Moinzadeh: Traurig war zum Beispiel, dass in meiner letzten Folge meine Figur unter Terrorverdacht stand. Selbst da hat sich die Fantasie auf das Extremste reduziert. Das war meine Ausstiegsgeschichte, dabei hätte mich doch auch einfach ein Auto überfahren können.

Womit können Sie besser umgehen, mit oberflächlicher Toleranz oder offenem Rassismus?

Moinzadeh: Immer mit der ehrlichsten Form. Ich bin der AfD und Pegida fast dankbar. Zwar teile ich das Weltbild nicht, aber es wird wenigstens sichtbar und ich kann dagegen diskutieren. Es fällt mir schwer, mit einer Fassade der Weltoffenheit umzugehen, die ein Mensch nur nach außen vorgibt. Es ist ein Drama, was die Flüchtlinge erleben. Gleichzeitig empfinden die Pegida-Leute ihre Situation als Drama.

Pulitzer-Preis für Broadway-Stück

Mit dem Broadway-Stück „Geächtet“ hat der Autor Ayad Akhtar den Pulitzer-Preis gewonnen. Es wird in diesem Jahr an mehreren Theatern in Deutschland aufgeführt, zuletzt feierte eine Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus Premiere. Die Geschichte spielt in New York und beschreibt das Gegeneinander von blinder Umarmung und offenem Rassismus.

Es geht um den aus Pakistan stammenden Anwalt Amir, der, um bessere Karrierechancen zu besitzen, seinen muslimischen Namen Abdullah durch einen indischen ersetzt und seinem Glauben abgeschworen hat. Bei einem Abendessen mit seiner Frau, der afroamerikanischen Kollegin Jory und dem jüdischen Galeristen Isaac sagt Amir, dass er über die Anschläge vom 11. September klammheimlich Freude empfunden habe. Das bringt die politische Korrektheit aller Anwesenden zum Einsturz und eine heftige Diskussion beginnt.

Der Hauptdarsteller Mehdi Moinzadeh, 37, kam im Alter von zehn Jahren mit seinen Eltern und Geschwistern nach Deutschland. Nach der Schauspielausbildung spielte er unter anderem am Münchner und am Wiener Volkstheater sowie an den Munchner und den Hamburger Kammerspielen.

Zu sehen war er auch in mehreren TV-Serien und Filmen, unter anderen im Kinofilm „Women Without Men“ in der Regie von Shirin Neshat und mehrere Jahre neben Axel Milberg als Ermittler Alim Zainalow im Kieler „Tatort“. Moinzadeh übernimmt nur noch selten TV-Angebote, arbeitet fürs Theater als Schauspieler und Regisseur und macht als Theaterpädagoge Projekte mit Jugendlichen.

Im Theater am Kurfürstendamm in Berlin feiert „Geächtet“ am heutigen Donnerstag um 20 Uhr Premiere. Es wird bis zum 27. März gespielt. Karten kosten 19 bis 47 Euro. Telefonische Reservierung: 030/88 59 11 88

Aber ein Teilnehmer, der montags in Dresden demonstriert, der lebt im Wohlstand und nicht in einer dramatischen Situation.

Moinzadeh: Er empfindet das anders und hat ein Recht auf diese Empfindung. Es sei denn, er ruft zu Gewalt auf oder begeht Straftaten. Der Amir, den ich in dem Stück spiele, würde die Pegida-Leute ansprechen. Im Stück redet er über Flughafenkontrollen. Er weiß, dass er wegen seines Äußeren herausgepickt wird, geht offen mit der Angst der Leute um und sagt sinngemäß – ‚Tut nicht so, als sei das zufällig‘.

Kennen Sie das?

Moinzadeh: Ja, mir passiert es auch, dass ich ganz zufällig drei Mal hintereinander in der S-Bahn kontrolliert werde. Und ganz zufällig schließen Polizisten das Abteil im Zug ab und kontrollieren nur mich.

Sprechen Sie über solche Erfahrungen mit ihren Kollegen aus dem „Geächtet“-Ensemble?

Moinzadeh: Die Erfahrungen schwingen mit, ohne unsere Biografien voreinander auszubreiten. Alle aus dem Ensemble sind ausländischer Abstammung, aber das Bühnenhochdeutsch eint uns. Das Theater ist wie eine freie Republik, zu der wir alle gehören.

Von Maurice Wojach

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