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Kultur Gedanken zum Eröffnungskonzert der Musikfestspiele
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00:17 12.06.2018
Eröffnungskonzert der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci in der Friedenkirche. Fabio Biondi und sein italienisches Starensemble EUROPA GALANTE. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

„Die Musikfestspiele bringen unser schönes Europa zum Klingen“, sagt Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) am Freitagabend in seiner Eröffnungsrede.

Und als Fabio Biondi und sein Ensembles Europa Galante zum Konzert in der Friedenskirche Sanssouci einmarschiert, steht noch der Satz von Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD) im Raum: „Genießen Sie Europa grenzenlos und tragen Sie dazu bei, dass es grenzenlos bleibt!“

Es folgte ein Programm, das dem Europa-Motto des Festivals gemäß „Grenzenlos Europa!“ überschrieben ist, sich aber als ziemlich kontrastfreies, gleichförmiges und zahmes Potpourri herausstellt. Keine Irritation, keine Dissonanz, nur Wohlklänge, meist seicht und nett, selten ein bisschen tiefgründiger.

Die sorgfältig zusammengestellten Werke aus der Zeit des Hochbarocks sollten das „musikalische Migrantentum“ und den „grenzüberschreitenden Stiltransfer“ im 18. Jahrhundert belegen. In der Tat zogen Musiker und Komponisten damals von Neapel nach Stockholm und von Sachsen nach Angelsachsen, dienten sich eben jenen Fürsten an, die sie entlohnten.

Die Höfe suchten barocke Ausdrucksformen, um sich ihrer Macht zu vergewissern. Der europaweit versippte Adel setzte auf eine globalisierte, barocke Sprache und bevorzugte ähnliche Formen, Klangbilder und -farben. Im europäischen Vergleich drehte sich alles um die neuesten Moden.

Musikfestspiele haben sich der alten Musik verschrieben

Die Vielfalt europäischer Volkskulturen diente eher der Staffage. Völkische Identitäten erkoren erst später die Romantiker Anfang des 19. Jahrhunderts zu ihrem Hauptthema. Ihre ideologische Sinnsuche gipfelte allerdings im Triumph der Nationalstaaten und löste die weltumspannende Idee des Barocks ab.

Die Musikfestspiele haben sich der alten Musik verschrieben, die sie auf historischen Instrumenten vergegenwärtigen. Beim Eröffnungskonzert musste man schon sehr genau hinhören, um aus den weichen Naturdarmsaiten der Streicher den Theaterdonner der Italiener, die Eleganz der Franzosen oder das Pathos der Russen herauszuhören.

Das Eröffnungskonzert suggerierte ein Europa der minimalen Differenzen, die sich einem höfisch-barocken Klangideal unterordnen.

Das zweistündige Programm endete mit einigen Kurzstücken aus der Suite „Les Nations“ von Georg Philipp Telemann. In „Les Moscovites“ wird die Schwere der Russen nur behauptet – slawisches Feeling kommt gar nicht auf. In „Les Turcs“ hantierte der Deutsche immerhin effektvoll mit orientalischen Harmonien.

Eröffnungskonzert war zu einseitig

So austauschbar hat das barocke Europa im 18. Jahrhundert geklungen! Es ist vergleichbar mit der Welt von heute, in der allerorten englische Popmusik und Yoga, H & M und Zara, Ikea und Vapiano angesagt sind.

Der Bogen aber, den Europa von West nach Ost schlägt, ist bei weitem dramatischer. Das zeigen die vielen Initiativen nationaler Kräfte, die einen erneuten Umbruch und Paradigmenwechsel herbeiführen möchten.

Im 18. Jahrhundert fühlte sich ein Komponist aus Neapel schon in Venedig wie ein Ausländer. Und die Hassliebe zwischen Italienern und Franzosen, die sich in der Stilistik der Opern niederschlug, ist heute nur noch ein Kapitel musikhistorischer Bildung.

Das Eröffnungskonzert war aber zu einseitig auf den lateinisch-katholischen Raum fokussiert, auf Süd- und Westeuropa, wo der dominante Barockstil der Gegenreformation seinen Ursprung hatte. „Die Verbindung zu den polnischen Nachbarn“, die Kulturministerin Münch in ihrer Eröffnungsrede beschwor, wurde mit keinem Ton bedacht.

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Von Karim Saab

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