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Kultur Gefeierte „König von Deutschland“-Premiere
Nachrichten Kultur Gefeierte „König von Deutschland“-Premiere
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06:34 02.05.2018
Wenn von Treuenfels (vorne) die Rio-Reiser-Stücke singt, legt er einen Schalter um. Quelle: HL Boehme
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Potsdam

Am Ende setzt sich Rio Reiser eine Krone auf, er lässt sich seinen Umhang auf die Schultern legen – eine Krönung in Turnschuhen, für Augenblicke sieht er aus wie Jürgen Drews, der König von Mallorca. Wo Drews aber das etwas angetrunkene Lächeln eines „Königs von Mallorca“ zeigt, malt Rio Reiser kluge Ironie in sein Gesicht und eine Spur gezähmter Wut. Eher wirkt Reiser wie ein Häuptling und die Krone fast wie eine Indianerhaube.

Reiser mag die Menschen, er gab es nur nicht gerne zu

Dieser Rio Reiser war in seinen frühen Jahren ein Kiffer und Kapitalistenfresser. Dass man dennoch im Anzug zu diesem Abend im Hans-Otto-Theater kommen kann, der drei Stunden dauert und erst spät in die Wandlung zum König/Häuptling/Popstar mündet, ist ein Wunder. Moritz von Treuenfels spielt Reiser im Schauspielmusical mit einer schönen Gedankenblässe, die dem echten Reiser (der 1996 mit 46 Jahren starb) schmeicheln würde. Der echte Rio war kein Edelmann wie die Figur, die von Treuenfels spielt, sondern ein melancholischer Macho. Eine zerrissene Mischung, fruchtbar für die Kunst, doch ein Derwisch für seine Liebsten.

Wenn von Treuenfels die Rio-Reiser-Stücke singt, legt er einen Schalter um. Dann klingt er rau, gurgelt den Weltschmerz ganz hinten in der Kehle, planiert den Pathos ein und weiß, dass man im Rocksong nicht immer rotzen darf. Seine Wut aufs „System“ hat Fußnoten, die zu Tränen rühren. Reiser mag die Menschen, er gab es nur nicht gerne zu. Am liebsten mochte er sich selber, auch das hat er meist gut versteckt. Die Frauen liebten ihn, doch er hat die Männer gewollt. Er lebte in West-Berlin, dann in Nordfriesland auf dem Bauernhof. Beides hat ihn nur auf Zeit befriedigt. Auf Erden hat er sich in seinen Liedern wohl gefühlt, die Städte und die Dörfer boten ihm kein verlässliches Dach.

Vom Hausbesetzer zum König

Rio Reiser wurde am 9. Januar 1950 als Ralph Christian Möbius in West-Berlin geboren. Er starb am 20. August 1996 im nordfriesischen Fresenhagen.

Er sang von 1970 bis 1985 bei der Band Ton Steine Scherben und schrieb die Texte. Zu ihren bekanntesten Liedern zählen „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Keine Macht für niemand“ und die Hausbesetzer-Hymne „Rauch-Haus-Song“

Nachdem sich die Band getrennt hatte, erschien 1986 sein Soloalbum „Rio I.“ mit den Hits „König von Deutschland“ und „Junimond“.

„Rio Reiser. König von Deutschland“, ein Schauspielmusical von Heiner Kondschak am Potsdamer Hans-Otto-Theater. Weitere Vorstellungen am 1., 15., 22., 27., 31. Dezember. Karten unter 0331/98118.

Das Stück „Rio Reiser. König von Deutschland“ hat Heiner Kondschak verfasst, es feierte 2016 in Mönchengladbach Premiere. Das Leben von Reiser ist ein dankbarer Stoff, denn er erinnert einerseits an die Themen der Musicals „Phantom der Oper“ und „König der Löwen“, andererseits erzählt er ein ungelogenes Märchen des (west-)deutschen Erwachsenwerdens. Diese ernste, schmerzhafte, sich selbst entfesselnde Erzählung in ein Musical zu packen, ist ein Segen, denn den traditionellen Musicals gelingt es nicht, dem Leben auf die Finger und den Mund zu schauen. Sie wollen immer raus ins Disneyland oder schleifen den Schmerz, sie lösen ihn mit Zauberhand auf eine Weise, die man Menschen über zwölf Jahren nicht mehr zumuten sollte.

Die Seifenblasenindustrie der großen Musicals hat große, polierte Stimmen, schauspielerisch herrscht dort aber durchgehend Mittelmaß. Wie beglückend, in Potsdam nun Moritz von Treuenfels als Schauspieler und Sänger zu erleben, der bei seiner Arbeit spürbar etwas empfindet und meilenweit vom falschen Lächeln und Weinen, vom Krieg und Frieden der Casting-Shows lebt.

„Macht kaputt, was euch kaputt macht“

Treuenfels ist ein Junge, wenn er sich streckt und seine Stimme senkt, wirkt er gar wie ein Mann – umgehend würde man mit ihm in eine Wohngemeinschaft ziehen, weil er keine Joghurts aus dem Kühlschrank klaut und abends zuhört, wenn man von der Arbeit kommt. Er ist ein Mann für Nuancen, die in der Inszenierung von Regisseur Frank Leo Schröder nicht immer gefragt sind und im Stück von Kondschak nicht durchweg angelegt scheinen. Das Musical interessiert sich nur beiläufig für den Umzug nach Nordfriesland, auch die Sprache der Politkämpfer aus den 70er Jahren ist Kolportage ohne Tiefe, eine Karikatur, ein Comic. Doch wahrscheinlich war es damals wirklich so. Selbst die Schlaghosen und Papageienhemden sind historisch verbürgt, auch wenn sie heute museal oder grotesk erscheinen.

Als Sänger ist von Treuenfels in der Lage, Reisers Weltschmerz und Wut zu kopieren, und dennoch einen eigenen, sanften Ton hinzuzufügen. Von „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ bis „Junimond“ beherrscht er die Palette des Reiser’schen Temperaments. Er wird vom Publikum am Samstag bei der Premiere bejubelt wie bei einem Rockkonzert. Die Kulisse bleibt stets die gleiche, eine Fabriketage, die einen ganzes Kosmos spiegelt. Mal Konzerthalle, mal Quatschbude (Bühne und Kostüme: Matthias Müller).

Es ist nicht möglich, um die Songs von Rio Reiser ein schlechtes Stück zu bauen, man müsste schon die Kettensäge und dazu den Presslufthammer holen, um so einen Abend platt zu machen. Reisers Lieder sind wie Tagebucheinträge, die wir selbst geschrieben haben. Über sie gebeugt, kann man – je nach Veranlagung – einen Joint rauchen oder ein Stück Kuchen essen. Man könnte die Songs in einem Uni-Seminar zerlegen und ihren reichen Kern freilegen. Am besten aber bleibt man bei dem Satz: Es ist einfach Rockmusik. Diese Unverbogenheit und Kraft hat der Abend in Potsdam mit Bravour bewahrt.

Von Lars Grote

Das dunkle Stück „Die Netzwelt“ feierte in der Reithalle des Hans-Otto-Theaters eine fulminante Premiere. Das Mädchen Iris wird im Internet als Fantasie für Männer angeboten, es ist nicht echt, doch weckt Gefühle, die unabweisbar sind. Das wird so vital, beeindruckend und präzise gespielt, das die Zuschauer am Ende mit den Füßen trampeln.

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