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Nachrichten Kultur Gerichte sollen Tierrechte durchsetzen
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14:00 03.01.2018
Delfine pflegen zur Umsetzung ihrer Bedürfnisse sehr komplexe Netzwerke untereinander. Quelle: dpa
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Potsdam

Es war ein Delfin, der Karsten Brensing schon in jungen Jahren geprägt und sein weiteres Leben bis hin zur Berufswahl nicht mehr losgelassen hat. „Ein Kindheitstrauma“, scherzt der heutige Meeresbiologe und Verhaltensforscher. Erst fieberte er als kleiner Junge mit „Flipper“ durch die Abenteuer des Retters in der Not dem immer wieder bevorstehenden Happy End entgegen. Später, während einer Pilotstudie zu seiner Doktorarbeit, versuchte er sich in die Empfindungen von gleich fünf Vertretern der Gattung hinein zu fühlen, die zusammen mit acht Menschen in einem Becken schwammen. Auch dies „ein einschneidendes Erlebnis“, wie der gebürtige Erfurter sich erinnert.

War der Seriendelfin „intelligent, aber im Nachhinein doch allzu vermenschlicht“, zeigten sich die Meeressäuger in der Realität zwar interessiert und besonnen, aber doch vorsichtig den Menschen gegenüber. Vielen, vielen anderen Tieren hat sich Brensing seither gewidmet und immer wieder Menschen ähnelnde Gefühle, Absichten und Denkweisen bei ihnen entdeckt. Forderte er in seinem ersten gleichnamigen Buch noch relativ weit gefasst „Persönlichkeitsrechte für Tiere“ will er sie im Zusammenhang mit seinem kürzlich erschienen zweiten Werk „Das Mysterium der Tiere“ konkret gerichtsfähig, einklagbar machen. Tierische Interessen sollen von Anwälten in der Justiz vertreten werden können.

Mit dieser Forderung ist er nicht allein. In der von Brensing ins Leben gerufenen wissenschaftlichen Individual Rights Initiative (Initiative für individuelle Rechte/IRI) fordern mehr als 30 internationale Forscher unterschiedlicher Disziplinen, Philosophen und Juristen einen Rechtsstatus für Tiere, „der ihnen ein Leben ihren Bedürfnissen, Interessen und Fähigkeiten entsprechend garantiert“.

Angestrebt wird eine Position für Tiere nach dem Vorbild der juristischen Person wie etwa bei Aktiengesellschaften, GmbHs, Stiftungen oder auch Vereinen, deren daraus folgende Rechte unter anderem von Tieranwälten geltend gemacht werden können. Dazu gehört zumindest bei einigen ob ihrer stammesgeschichtlichen Verwandtschaft oder paralleler evolutionärer Entwicklung zum Menschen ein „vergleichbarer individueller Schutz“.

Zu den engagierten IRI-Tierschützern gehört auch der bekannte deutsche Schauspieler, Produzent und Umweltaktivist Hannes Jaenicke, der sich schon seit Jahren unter anderem mit Fernsehdokumentationen für das bedrohte Leben gefährdeter Arten einsetzt. „Tiere haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten, sind empfindungsfähig und intelligent“, sagt der auch als Drehbuchautor tätige 57jährige. Warum also „sollten sie keine Rechte haben“? Auch von IRI unabhängige Wissenschaftler stimmen zumindest, was das Verhalten von Tieren angeht, mit Brensings Analysen überein.

Mit der Formulierung exemplarischer Klagen auf Basis der bestehenden Möglichkeiten haben die IRI-Aktivisten bereits begonnen. Auch in der Lobbyarbeit und der Politikberatung wurden schon Erfolge erzielt. Um die Arbeit mit einem festen Team intensivieren zu können, werden jetzt weitere Unterstützer gesucht.

„Wir müssen Tiere vermenschlichen auf wissenschaftlicher Grundlage“, fordert Brensing und bricht damit ein Tabu, das fast so alt wie die Biologie selbst ist. Tiere, so lautet die Jahrhunderte lang andauernde und erst zuletzt nicht nur durch Brensing und seine Mitstreiter in Frage gestellte Mär, haben weder Gefühle noch Denkvermögen sondern allenfalls Instinkte.

In seinem Buch liefert der 50-Jährige zahlreiche Beispiele dafür, dass schlaue, empfindsame, leidenschaftliche und auch hedonistische Tiere keine Seltenheit sind. Da werden Krähen beschrieben, die sich in ihre Artgenossen hineindenken können, aber sich auch auf Snowboard-Touren über verschneite Dächer verstehen. Brensing erzählt von Ratten, die gern Partys feiern aber genausogut Mitleid empfinden können, er berichtet von Affen, die sich mit selbst kreierten Sexspielzeug befriedigen und gern Wäsche waschen. Orang-Utans mimen Barkeeper, Elefanten schaffen und erhalten sich ihren eigenen dauerhaften Strand, Buckelwale folgen dem Diktat der Mode, Delfine pflegen unglaublich komplexe namentliche Netzwerke untereinander, Ameisen erkennen sich im Spiegel und putzen sich heraus.

Der Biologe führt zu den Ursprüngen der Geistesentwicklung bei Mensch und Tier zurück. Er zeigt eindrucksvoll, dass es keinen Grund gibt, Tieren ein Innenleben mit Schmerzen, Angst, Trauer und Freude abzusprechen. Trifft dies alles zu, dürfen wir dann noch so mit ihnen umgehen, wie wir es tun?

Karsten Brensing, „Das Mysterium der Tiere – Was sie denken, was sie fühlen“, 384 Seiten, 22 Euro

Von Gerald Dietz

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