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Kultur Freiheit, Gleichheit, Genderstern
Nachrichten Kultur Freiheit, Gleichheit, Genderstern
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00:22 31.01.2019
Männlich, weiblich oder gegendert? Quelle: Chromorange
Potsdam

Liebe Leser – halt, jetzt machen wir gedanklich kurz eine Pause und halten die Luft an ... – innen! Wenn Sie künftig von Bediensteten der Stadtverwaltung Hannover offiziell angesprochen werden, dann wird das wohl irgendwie so ähnlich passieren. Denn Frauen und Männer sollen bei öffentlichen Stellungnahmen, auf Formularen oder in Verordnungstexten der Stadt gleichberechtigt genannt werden. Und dafür wird der sogenannte Genderstern verwendet: Bürger*innen also, oder Steuerzahler*innen oder Benutzer*innen des Öffentlichen Nahverkehrs. Wird das Aufgeschriebene gesprochen, wird besagte kurze Luftholpause notwendig, denn sonst fühlen sich ja womöglich allein die Bürgerinnen, Steuerzahlerinnen oder Benutzerinnen angesprochen – also nur die Frauen.

Potsdam probiert es seit zehn Jahren

Also, liebe Leser*innen: Die Stadt Hannover ist mit dieser Schreibweise nur Vorreiterin. Eine geschlechtergerechte oder geschlechtsneutrale Sprachregelung streben mittlerweile zahlreiche Kommunen in Deutschland an. Im Potsdamer Rathaus hat man sich bereits vor zehn Jahren darauf verständigt – mit mäßigem Erfolg. Lange Zeit wurde es mit einem Binnenstrich versucht: „Einwohner/innen“. Ungewohnt zu schreiben, schwierig zu sprechen. Vor fünf Jahren setzte sich dann die Sprachregelung „Einwohnerinnen und Einwohner“ durch. Etwas umständlich, dafür aber wenigstens korrekt. Man sagt ja auch „Sehr geehrte Damen und Herren“ – zumindest bei bestimmten Anlässen, wo man nicht einfach „Hallo Leute!“ sagen kann.

Man ist nicht als Frau geboren

Aber genau das ist das Problem. Sprache wird in sozialen Kontexten verwendet. Wie, das hängt davon ab, wer mit wem kommuniziert, aus welchem Anlass und über welches Thema. In der Kneipe funktioniert sie anders als in der Stadtverordnetenversammlung – oder sollte es zumindest. Und sie verändert sich im Verlauf der Geschichte. Sie ist ein soziales Konstrukt, genauso übrigens wie die gesellschaftlichen Rollen von Mann und Frau, die sich in Laufe der Jahrhunderte immer wieder gewandelt habe. Feministinnen haben zu Recht auf den Unterschied von biologischem und sozialem Geschlecht hingewiesen. Die Philosophin Simone de Beauvoir hat deshalb schon in den 50er-Jahren betont: „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es“ – man wird dazu gemacht, indem man seine soziale Rolle zugewiesen bekommt. Das Heimchen am Herd ist eine Erfindung der Bürgerlichen Gesellschaft, sie entspricht keiner biologischen Vorgabe. Welche gesellschaftliche Stellung die Frau innehat ist eine Frage der Macht. Die rechtliche Gleichstellung von heute musste schwer erkämpft werden.

Feministische Linguistik

Trotzdem sind Frauen weiterhin benachteiligt. Sie verdienen im Durchschnitt noch immer weniger als Männer. Sie sind noch immer die Minderheit unter dem Führungspersonal. Sie sind noch immer Opfer von Sexismus. Das alles hat die feministische Linguistik in den 80er-Jahren dazu bewogen, die Gesellschaft für diese Themen über die Sprache zu sensibilisieren. Denn auch die Sprache sei männlich dominiert. In der Regel habe die maskuline Form Vorrang.

Binnen-I, Unterstrich, Genderstern

Seitdem mehren sich die Bemühungen, geschlechtergerecht zu sprechen und zu schreiben. Seitdem gibt es nicht nur Oberschulräte, sondern auch Oberschulrätinnen, nicht nur Klempner, sondern auch Klempnerinnen. Zeitweise wurde, um es kürzer zu machen, ein /-Strich dazwischengeschoben, dann kam das große Binnen-I zwischen männlicher und weiblicher Form, irgendwann der Unterstrich „_“ und jetzt der Genderstern. Zudem bemüht man sich neutral „Studierende“ anstatt „Studenten“ zu verwenden.

Die Bürokratie ist doch so schon unverständlich genug

Das Problem ist nur. Das alles ist kompliziert und macht das Lesen nicht einfacher. Vor allem bei Verwaltungstexten, die für viele ohnehin schon schwer zu verstehen sind. „Wir bemühen uns doch gerade, so verständlich wie möglich zu sein, da ist der Genderstern nicht gerade hilfreich“, sagt Monika Gordes, die stellvertretende Geschäftsführerin des Städte- und Gemeindebundes Brandenburg.

Die Katze meint auch den Kater

Innerhalb der Zunft der Sprachwissenschaftler ist das Gendern von Texten ohnehin umstritten. Denn in der Linguistik wird zwischen „natürlichem“ und „grammatischem Geschlecht“ unterschieden. Männliche Substantive bezeichnen häufig konkrete belebte Dinge (Beispiel: Bäcker), neutrale eher unbelebte (das Ding), weibliche Hauptwörter mehrheitlich Kollektives oder Abstraktes (die Weisheit). Mit dem Bäcker ist insofern auch die Bäckerin mitgemeint, Bäckerin wiederum bezeichnet nur die weiblichen Bäcker. Analoges gibt es auch in der weiblichen Form. Die Katze meint auch den Kater, der hingeben nur die männliche Katze.

Kompliziert und unpraktisch

Das radikale Gendern der Sprache ist also nicht nur kompliziert und zum Teil ziemlich unpraktisch. Es verkennt auch die Logik der Sprache. Es dürfte kein Zufall sein, dass sich nur wenige feministische Schriftstellerinnen konsequent einer gegenderten Sprache bedienen. Denn sie verliert dadurch auch an Präzision. „Ein sterbender Studierender stirbt beim Studieren, ein sterbender Student kann auch im Schlaf oder beim Wandern sterben“, so der Potsdamer Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg.

Gegen Diskriminierung braucht es Gesetze

Ein sensiblerer Umgang mit Sprache kann sicherlich helfen, auf Diskriminierung aufmerksam zu machen. Beseitigt wird sie dadurch sicher nicht. Da werden auch keine Verwaltungsverordnungen und Formulierungsvorschriften helfen. Dafür braucht es Gesetze, die etwa ungleiche Bezahlung verbieten oder Quoten für bestimmte Posten vorschreiben. Und Männer, die über ihr eigenes Verhalten nachdenken, liebe Leserinnen und Leser.

Von Mathias Richter

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