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Kultur Gisbert zu Knyphausen spielt im Potsdamer Waschhaus
Nachrichten Kultur Gisbert zu Knyphausen spielt im Potsdamer Waschhaus
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01:16 29.07.2018
Gisbert zu Knyphausen, ein Sänger, der es ernst meint, doch der das Lächeln nicht verlernt hat. Quelle: Dennis Williamson
Potsdam

Als Treffpunkt nennt er den Eisladen, der vormittags noch nicht geöffnet hat – da steht man nun, die Sonne scheint, der Laden zu, aber man darf sich nicht beklagen. Gisbert zu Knyphausen, einer der besten Songwriter in Deutschland, singt häufig von verschlossenen Türen. Wenn er von offenen Türen singen würde, wäre er vermutlich längst ein großer Name, der durch die Talkshows zieht und Interviews in künstlich kühl gehaltenen Lounges gibt.

Eine so unübersichtliche Karriere hat er sich vom Hals gehalten, denn er will den Leuten in die Augen gucken, er mag das Distanzierte nicht. Er will sein Leben von Hand temperieren, er kann das Klima auf der Bühne mit drei, vier Akkorden auf der Gitarre nach oben oder nach unten treiben. Zu Knyphausen, 39 Jahre alt, singt schonungslos persönlich, ohne penetrant zu werden, und manchmal brennt die Stimme heiß. Sie schreit, doch die Poesie geht im Poltern nicht verloren. „Andere haben einen Boxsack, ich habe meine musikalischen Ausbrüche“, sagt er, und lächelt. Ein Lächeln ist für ihn schon eine große Sache, doch zum Lachen reicht es meistens nicht. „Dieses Ausufern ist auf meinem neuen Album kaum noch zu finden. Ich bin ausgeglichener geworden“, glaubt er. Er singt jetzt nicht mehr permanent vom „Ich“, sondern kann Menschen auch von außen skizzieren.

Bislang drei Soloalben

Gisbert zu Knyphausen wurde am 23. April 1979 im hessischen Rheingau geboren, er studierte Musiktherapie in den Niederlanden. Von 2006 bis 2010 lebte er in Hamburg, seither wohnt er in Berlin.

Bislang drei Studioalben hat zu Knyphausen veröffentlicht: „Gisbert zu Knyphausen“ (2008), „Hurra! Hurra! So nicht.“ (2010) und „Das Licht dieser Welt“ (2017). Ein weiteres hat er zusammen mit Nils Koppruch unter dem Bandnamen Kid Kopphausen aufgenommen: „/“ (2012).

Im Waschhaus Potsdam, Schiffbauergasse 6, tritt Gisbert zu Knyphausen am 1. August 2018 um 20 Uhr auf.

Gisbert zu Knyphausen sitzt vor einem Sonnenblumenbeet, das wenige Fahrradminuten neben dem geschlossenen Eisladen liegt. Er freut sich still über ein Kompliment – als wüsste er nicht selbst, dass er einige der besten deutschen Songs der letzten Zeit geschrieben hat.

Als vor zehn Jahren sein Debüt erschien, stand die Glaubensgemeinschaft der Menschen, die auf Musik mit akustischem Anstrich und einem klugen, tief empfundenen Alles-oder-nichts-Gestus schwört, in Flammen. Wer war das, dieser zu Knyphausen? Wie kommt er mit so einem Namen, der nach allem, nur nicht nach Rock’n’Roll klingt, ohne Anlauf in die erste Liedermacher-Liga? Er machte nicht viel Wind, es merkten nicht zu viele, dass hier einer von internationalem Rang auf deutsche Bühnen stieg.

Wenn der Puls plötzlich steigt

Auf dem Debütalbum sang er vom „Sommertag“: „Manchmal glaube ich, dass ich zu langsam bin / für all die Dinge, die um mich herum geschehen. / Doch all die Menschen, die ich wirklich, wirklich gerne mag, sind genauso außer Atem wie ich.“ Dazu schlug er die Gitarre, als könne sie etwas dafür, dass die Leute nicht mehr wissen, warum ihr Puls oft jäh nach oben steigt, bei jeder Kleinigkeit, dorthin, wo es ungesund wird.

Andreas Dresen, Potsdams renommierter Regisseur, hat das Lied gehört und war verliebt, ergriffen und umgehauen. Er nahm Kontakt zu Knyphausen auf, um den Song als Schlusslied in seinen Film „Halt auf freier Strecke“ zu bauen, der von einer Krebserkrankung erzählt und 2012 den Deutschen Filmpreis erhielt. Dresen und zu Knyphausen sind Freunde geworden, einmal im Jahr fährt Knyphausen aus Berlin hinüber nach Potsdam, um ihn zu besuchen. „Andi ist unglaublich klug und absolut sympathisch“, sagt er. Zu Knyphausen kann ein großer Schwärmer sein, fast vergisst er darüber, dass er ein Musiker ist, der den Leuten derart passgenau die Diagnosen stellt, wie das eben keine Mediziner können, nur ein großer Song. Er versteht sich auf die Kunst von Dresen, doch er filmt die Bilder nicht, er entwirft sie mit der Gitarre.

„Ich hatte überlegt, ob ich aufhöre“

Gerade gießt eine Türkin mit Kopftuch die Sonnenblumen, neben denen zu Knyphausen sitzt. Er erzählt von Nils Koppruchs Tod. Die beiden haben 2012 unter dem Bandnamen Kid Kopphausen ein Album aufgenommen, gingen auf Tournee – plötzlich und unerwartet starb Koppruch. „Ich hatte überlegt, ob ich mit der Musik aufhöre“, sagt Gisbert zu Knyphausen über die Zeit nach diesem Drama. Langsam fand er zurück auf die Bühne – der Musiker und Entertainer Olli Schulz fragte ihn, ob er in seiner Band Bass spielen wolle und mit auf Tour gehe. „Ich bin gerne Mitglied einer Band“, sagt er. Das tue ihm gut. Da fühle er sich wohl. Für die eigenen Tourneen bucht er einen Nightliner, einen großen Bus, in dem die Musiker schlafen können. „Wenn wir nach dem Auftritt Ruhe brauchen, trinken wir dort einen Schnaps.“ Das helfe raus aus der Erschöpfung nach dem Ende des Konzerts. „Wenn ich von der Bühne komme, gucke ich erstmal auf die leere Wand.“

Manchmal überlegt er, ob er einen Song zur großen politischen Lage schreiben soll. Über den hysterischen Ton der Diskussionen und die Angst der Leute vor Veränderung. Er lässt es dann bleiben, weil er spürt, dass die Lieder mehr Kraft haben, wenn er von einzelnen Menschen singt und nicht von einer Analyse der Gesellschaft. Ihn ärgert, wie sehr die Rechtspopulisten die Themen vereinfachen. „Doch die hören meine Lieder sowieso nicht, denn sie sind ihnen zu wenig männlich.“ Jetzt steigert sich sein Lächeln wirklich fast zu einem Lachen.

Gisbert zu Knyphausen ist nicht der große Auf-die-Pauke-Hauer. Er ist ein Liedermacher, der spürt, wo die Wand einen feinen Riss hat. Wenn der Eisladen öffnet, holt er sich eine große Kugel.

Von Lars Grote

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