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Gläubige im Überwinterungsmodus

Buch über Religionen in Potsdam Gläubige im Überwinterungsmodus

Johann Hafner und Irene Becci untersuchten das religiöse Leben Potsdams, das sie als Modell eines generellen Säkularisierungsprozesses sehen. Sie planen ein Buch über die derzeitigen religiösen, rituellen und weltanschauliche Gruppen in der Landeshauptstadt und deren innere Strukturen.

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Professor Johann Ev. Hafner forscht über Religionen.

Quelle: Ildiko Röd

Potsdam. Das ganze religiöse Leben Potsdams in einem Ordner – fast. Die Mappe, die der Professor für Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt Christentum, Johann Hafner, in seinem Büro am Neuen Palais durchblättert, ist nur eine von vielen, in denen er und seine Kollegin Irene Becci, inzwischen Assistenzprofessorin an der Université de Lausanne, abgelegt haben, was sie zusammen mit Studierenden der Universität Potsdam in den vergangenen Jahren durch viele Besuche und Gespräche in der Landeshauptstadt sammelten. Aber schon was hier zum Vorschein kommt, ist erstaunlich.

Unterlagen über baptistische, pfingstlerische, katholische, russisch-orthodoxe Gemeinden, die Bahai, ja sogar über die aus China stammende Praxis des Reiki sind abgeheftet. Blätter mit chinesischen Schriftzeichen im Ordner deuten auf die Reiki-Praxis hin. Von ihren Anhängern wird sie als System universeller Energie gepriesen, die jedem Menschen zur Verfügung stehe. „Schon die Einweihung in den Ersten Grad kann dem Einzelnen den Zugang zu Kraft und Liebe ermöglichen“, heißt es auf der Webseite. Im kommenden Herbst wollen Hafner und Becci anhand des erarbeiteten Materials ein Buch über „Religionen in Potsdam“ herausgeben. Es wird das erste vollständige Kompendium über die derzeitigen religiösen, rituellen und weltanschauliche Gruppen in Potsdam und deren inneren Strukturen sein.

Nicht weniger als 80 religiös aktive Gruppen machten Hafner, Becci und ihre Studierenden in Potsdam durch ihre Recherchen aus. Hafner selbst hat überrascht, dass er bei seinen Recherchen sogar an recht große Gemeinden geraten ist, von denen man in der Öffentlichkeit überhaupt nichts weiß. So gebe es in Potsdam eine christliche Gemeinde mit rund 100 Mitgliedern, die hier schon in der zweiten Generation mit festen Strukturen bestehe. „Sie wollen aber nicht genannt werden“, sagt Hafner. Das habe nichts mit Geheimnistuerei oder gar verdächtigem Kultus zu tun. „Sie wollen einfach in Ruhe gelassen werden.“ Allerdings haben Hafner und Becci den Kreis, dessen, was als religiöse Gruppe gilt, für ihre Suche auch beträchtlich erweitert. Nicht nur die Anhänger der Reiki zählten sie dazu, sondern sogar ein Babelsberger Yoga-Studio.

„Wir zählten dann etwas als religiöse Gruppe, wenn sie unterstellt, dass es eine zweite Welt gibt, die sich von unserer empirisch erfahrbaren Welt unterscheidet“, sagt Hafner. Das sei sowohl bei den traditionellen Kirchen der Fall, aber eben auch zumindest bei den Leitern der Reiki und der Yoga-Gruppe. Trotz der enormen Vielfalt dieser in Potsdam aktiven religiösen Gemeinschaften sieht Hafner eine Grundthese nicht widerlegt. Und die lautet: Potsdam gehört wie auch sonst weite Teile Ostdeutschlands zu den am meisten säkularisierten Regionen Mitteleuropas, ja der Welt. Und Potsdam wird, wie andere Regionen des Westens, sich noch weiter säkularisieren. Das belegten die unaufhaltsamen Kirchenaustritte.

In Potsdam gibt es 80 religiöse Gemeinden

„80 religiöse Gemeinden ist für eine Stadt von der Größe Potsdams nicht sehr viel“, entkräftet Hafner den ersten Eindruck. Viele Gruppen haben nur ein Dutzend Mitglieder. Das wichtigste Argument laute aber: Abgesehen von den Zeugen Jehovas, Baptisten und einigen Pfingstgemeinden haben diese Gemeinschaften aufgegeben, sich durch aktive Missionsarbeit zu vergrößern, sie haben sich mit ihrer Minderheitenposition abgefunden. „Die erste Vermutung wäre: Die religiösen Gruppen werden alle missionarisch“, so Hafner. Das beobachte man aber bis auf wenige Ausnahmen nicht. „Sie bleiben vielmehr unter sich und verzichten auf eine übertriebene Öffentlichkeit.“ Ihr Fazit laute schlicht: Es ist nicht mehr zu holen in Potsdam. Ihre Mitgliederzahl bleibt auf einem konstant niederen Niveau. Wer sich aber in solchen kleinen verbliebenen Gruppen engagiere, engagiere sich dafür viel stärker als es früher die Mitglieder traditionellen Kirchen taten. Nur tue er es eben für den Erhalt der Gruppe – und nicht um die Religiosität weiter zu verbreiten. Besonders Gruppen, die keinen festen Gemeinderaum über längere Zeit verfügten, wüchsen oft zu einer Art Schicksalsgemeinschaft zusammen. So sähe sich zum Beispiel die nur 30 Mitglieder zählende Nehemia-Gemeinde.„Ich möchte fast von einem Überwinterungsmodus sprechen“, sagt Hafner. Die vielen kleinen Gruppen, die zum Teil völlig unbemerkt in Potsdam operieren, könnten zum Modell für die Reaktion verbliebener Religionsgemeinschaften in einem zunehmend säkularen Umfeld werden.

„Die These, dass der Anteil der gelebten Religiosität gleich bleibt, sich aber nur die Form der Religion ändert, stimmt nicht“, sagt Hafner. Der deutsch-amerikanische Soziologe Thomas Luckmann hatte zum Beispiel 1991 in seinem Buch „Die unsichtbare Religion“ noch behauptet, dass Religion auch in modernen Gesellschaften keineswegs ihre Funktion verliere. Sie nähme nur andere Formen an, indem sich die Menschen etwa aus den verbliebenen Traditionsresten oder aus Ritualen ihre Privatreligion bastelten. Das geben die religionssoziologischen Daten aber nicht her. Auch wenn man seine eigenen weiten Kriterien für Religion anwendet, glauben die meisten Potsdamer eben an nichts, zumindest an nichts Überweltliches. Sie seien zwar nicht religionsfeindlich, sondern zeichneten sich eher durch eine freundliche Indifferenz aus. Sie interessieren sich sogar für Religiöses und informieren sich über die auffallend breite Berichterstattung in den Medien. „Aber das hat eher etwas Museales“, so Hafner. Die Zahlen sprechen laut dem Religionswissenschaftler Hafner eine eindeutige Sprache: Ständige Kirchenaustritte, weniger Kirchgänge, immer weniger Leute, die sich explizit zu religiösen Inhalten bekennen.

Kleine Gruppen solidarisieren sich

Eine weitere Beobachtung sei, dass die kleinen religiösen Gruppen sich inmitten eines säkularen Umfelds solidarisierten und viel interreligiösen Austausch pflegten.  Es gibt auch in Potsdam die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen, es gibt die Initiative „Anders als du glaubst“, an der sich auch die Kirchen beteiligen, es gibt die ökumenische Gebetswoche – und es gibt Muslime, die sich zum Beispiel in der Al Farouq Moschee Am Kanal gerade auch für christliche Besucher als sehr gesprächsbereit zeigten. Untereinander sei die Einwirkung sehr groß, doch auf die religiös indifferente Mehrheit wirken die Potsdamer religiösen Gruppen kaum ein – es sei denn als Veranstalter von Events. 

Dieser Abstieg der Religion, der in Ostdeutschland unter anderem der real existierende Sozialismus mit seiner explizit atheistischen Stoßrichtung beförderte, sei letztlich kein Sonderfall. Hafner sieht ihn sogar im sonst so frommen Amerika belegt. Dort stellten Forscher fest, dass zumindest die Zahl der Kirchgänge oder die Teilnahme an anderen religiösen Ritualen vor allem in der jungen Generation abnehme. Selbst in stark religiös geprägten Gegenden deute sich also an, was hier in Potsdam schon in vollem Gange sei: Entschlossene Hinwendung zum Innerweltlichen.

Der Anteil der Christen könnte von 32 auf zehn Prozent schrumpfen

Hafner schließt nicht aus, dass selbst die beiden großen christlichen Kirchen auf eine Minderheit von etwa 10 Prozent der Bevölkerung schrumpfen. Das ist in etwa der heiße Kern der heutigen protestantischen und katholischen Gemeinden. Da helfe wahrscheinlich auch keine Strategie mehr. „Die großen christlichen Kirchen haben schon alles getan“, sagt Hafner. Sie haben die Liturgie verändert, ihre Pastoral zielgruppenorientiert ausgerichtet, sich zu aktuellen Themen geäußert, konnten aber den Bestand der 1950er und 60er nicht halten. In konfessionelle Schulen schicken die Leute ihre Kinder. weil es dort gute Bildung gebe, nicht weil sie fromm werden sollen. Sie wählen konfessionelle Krankenhäuser, weil sie dort gute Pflege vermuten, nicht, weil sie Kranken- oder Sterbesakramente erwarten. Ein Aufstylen der Religion etwa durch Popelemente wie das die amerikanische Fernsehprediger machten, könne den Prozess verzögern, aber nicht verhindern.

Im 20. Jahrhundert hat die Angst vor einer endgültigen Verwerfung durch Gott immer weiter abgenommen. „Wann haben Sie das letzte Mal eine Höllenpredigt gehört?“, fragt Hafner. Zwar gebe es noch einen weit verbreiteten Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod, aber Himmelssehnsucht sei weniger handlungsleitend als Höllenangst. „Die Welt ist besser geworden“, nennt Hafner als einen weiteren Grund für die Abwendung von der Religion. Kriege sind unwahrscheinlicher, immer mehr Krankheiten behandelbar geworden, soziales Elend wird durch Sozialsysteme stärker aufgefangen, zumindest in Mitteleuropa. Das Sterben wurde durch Palliativmedizin erträglicher. Es bleiben Hafner zufolge aber zwei Phänomene, die auch ein perfekter Sozialstaat und ein perfektes Medizinsystem nicht lösen können: Die Endlichkeit des Lebens und die Unwiderruflichkeit des Tuns. Der Tod und die Schuld werden weiterhin Glutkerne religiösen Lebens anfachen, sei es in Potsdam oder anderswo.

Von Rüdiger Braun

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