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Glaubhafte Räuberpistolen

„Bilder deiner großen Liebe“ am Hans-Otto-Theater Potsdam Glaubhafte Räuberpistolen

Wolfgang Herndorf, Autor des Kult-Romans „Tschik“ hat sich 2013 das Leben genommen. Am Hans-Otto-Theater in Potsdam wird nun Herndorfs posthum erschienener Roman „Bilder einer großen Liebe“ inszeniert. Unser Autor hat das Stück am Freitag gesehen und war angetan. Vor allem, weil eine Figur mit einer sympathischen Überzeugungskraft glänzt.

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Nina Gummich als Isa

Quelle: HL@HLBOEHME.COM

Potsdam. Was sind schon Erfahrungen? Um gute Bücher zu schreiben, braucht man nur die richtigen Worte. Erfahrungen lassen sich auch vortäuschen. Mit dieser recht hochmütigen Haltung machte sich nach der Jahrtausendwende die digitale Bohème ans Werk. Kathrin Passig gründete 2002 die Zentrale Intelligenz Agentur (ZIA), zu der bald auch Wolfgang Herrndorf hinzustieß. Mit einem Monolog über eine Person, die im Schnee erfriert, gewann Passig 2006 sogar das Wettlesen in Klagenfurt. Mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis schien der Beweis erbracht: Authentizität lässt sich jederzeit behaupten, die richtigen Worte sind nur eine Frage der Intelligenz.

Recherchen im Szene-Café

Auch Wolfgang Herrndorf folgte diesem Prinzip. Er pendelte zwar oft zwischen Hamburg und Berlin, betrat aber nie brandenburgischen Boden, etwa um für seinen Jugendroman „Tschick“ (2010) zu recherchieren. Die Odyssee zweier Jugendlicher durch die „Walachei“, durch ganz konkrete Orte des Wilden Ostens, ließ sich auch glaubwürdig darstellen, wenn sich der gebürtige Hamburger in einem Berliner Szenecafé an sein Laptop setzte und sich über Google-Earth ins Bild setzte.

Der Autor Wolfgang Herndorf

Geboren 1965 in Hamburg, studierte Wolfgang Herrndorf zunächst Malerei in Nürnberg und arbeitete später für die Satirezeitschrift Titanic.

Sein Debütroman „In Plüschgewittern“ (2002) wurde der Poplitertatur zugeordnet. 2007 publizierte er „Die Rosenbaum-Doktrin“. Dabei handelt es sich um ein fiktives Interview mit dem Kosmonauten Friedrich Jaschke. Das Buch spielt auch mit Science-Fiction-Elementen.

Sein Erfolgsroman „Tschick“, dessen Hauptfiguren 14 Jahre alt sind, stand 2010 über ein Jahr lang auf den Bestsellerlisten. Ein Jahr später brachte Herrndorf „Sand“ heraus, eine recht skurriler, existenzialistischer Agentenroman.

2012 erhielt Herrndorf den Preis der Leipziger Buchmesse, den er wegen seiner schweren Krankheit nicht selbst entgegennehmen konnte. Bis zuletzt führte er ein digitales Tagebuch. Der Blog „Arbeit und Struktur“ berichtet über sein Leben mit dem Hirntumor und erschien im Dezember 2013 in Buchform.

Herrndorf erschloss sich am 26. August 2013 in Berlin. Er wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt.

In den überwältigenden Erfolg, der „Tschick“ beschieden war, platzte dann eine grausame Diagnose. In Herrndorfs Kopf wuchs ein bösartiger Tumor. Ihm stand eine unvorstellbare Leidenserfahrung bevor, an der kein Weg vorbeiführte. Im August 2013 nahm er sich das Leben.

Tschick-Fortsetzung lag nahe

Postum erschienen „Bilder deiner großen Liebe“. Das unvollendete Romanmanuskript spinnt die Grundidee von „Tschick“ weiter und stellt die Nebenfigur Isa in den Mittelpunkt. Nachdem 30 Theater, darunter auch das Hans-Otto-Theater, mit einer Dramatisierung von „Tschick“ zehntausende Jugendliche in ihre Häuser lockten, lag es nahe, auch die Fortsetzung für die Bühne zu bearbeiten.

Intendant Tobias Wellemeyer übernahm in Potsdam die Inszenierung selbst und sein Ausstattungschef Matthias Müller sorgte für einen recht aufwändigen Bühneneinbau in der Reithalle. Aus einem Wasserhahn kommt echtes Leitungswasser und ein Spiegel über dem Waschbecken erweist sich als technisches Wunderwerk. Die Zuschauer sehen in das kühle Foyer einer Pflegeanstalt, einziges Möbelstück ist ein hoher Arzneimittelschrank. Sie blicken auf eine moderne Thermoglaswand, deren beiden mittleren Elemente sich als Doppeltür erweisen. Dahinter befindet sich ein Waldstück, bestehend aus sechs mächtigen Baumstämmen.

Reise durchs Pflegeheim

Anders als in Herrendorfs Roadmovie-Roman wird Isa im Theater die Anstalt nicht verlassen. Auch Herrendorfs Leben beschränkte sich in den letzten Monaten auf ein Pflegeheim. Dennoch wird der Zuschauer auf eine weite Reise mitgenommen, die viele intensive und obskure Erlebnisse bereithält. Das Zweipersonenstück lebt von Erfahrungsberichten, die auf der Grenze zwischen Realität und Wahnsinn angesiedelt sind.

Diese Isa ist nämlich zweifelsfrei eine Verrückte, die auf Psychopharmaka angewiesen ist. Nina Gummich, ein Neuzugang im 25-köpfigen Ensemble, stattet die Figur mit einer sympathischen Überzeugungskraft aus. Für ihre Besessenheit und dafür, dass hier überhaupt nur Theater gespielt wird, spricht allenfalls ihre unentwegte Beinarbeit. Wie ein wildes Kind rennt die 25-Jährige barfuß - mal mit harten, dann mit weichen Schritten - von links nach rechts und von hinten nach vorn und zurück. Nina Gummich geraten die vielen Worte, die Mimik und die Gesten so lebhaft, so spontan und untheatralisch, dass der Zuschauer ihrem übersteigerten Optimismus und ihren schillernden Wahrheiten gerne folgt. Sie verausgabt sich, ohne dass die Anstrengungen ihrer Schauspielkunst sichtbar werden.

Regisseur zieht mehrere technische Register

Der ungebrochene Realismus erfährt aber einen Bruch, wenn ihr Gegenüber die Bühne betritt. René Schwittay, hier einmal glatzköpfig, mimt ebenfalls einen Patienten der Anstalt, hat aber hat Mühe, das Schauspielhafte zu überwinden. Nach einigen Dialogen gewinnt er dann doch die nötige Naivität und würzt seine Räuberpistolen mit dem Charme eines alten Mannes. Immer wieder stellt sich dieselbe Frage: Ist seine Lebensbeichte, etwa die als Bankräuber, nur Flunkerei oder wahrhaftig? Wenn es Lügengeschichten sind, dann entspringen sie einer beneidenswerten Fantasie.

Regisseur Wellemeyer zieht zusätzlich mehrere technische Register. Der Halleffekt draußen im Wald, die Videoprojektionen und auch die Untermalung durch einen beständigen Elektromusikteppich bleiben aber diskrete Komponenten. Vier Akkorde (Musik: Marc Eisenschink) werden zur Erkennungsmelodie und verleihen der beachtenswerten Aufführung einen melancholischen Drive.

Nächste Aufführungen: 30. Jan. und 20., 21. Feb., 19.30 Uhr. Reithalle, Schiffbauergasse Potsdam. Karten unter 0331/ 98 11 900.

Von Karim Saab

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