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Globaler Winter durch Vulkanstaub

Tambora-Ausbruch von 1815 Globaler Winter durch Vulkanstaub

Vor 200 Jahren litt Europa unter dem „Jahr ohne Sommer“ mit Kälte, Missernten und Hunger. Verantwortlich war der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien, durch den Schwefel-Aerosole weltweit verteilt wurden. Eine solche Mega-Eruption könnte sich jederzeit wiederholen, so Geophysiker Birger Lühr vom Geoforschungszentrum Potsdam.

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Der Vulkan Tambora heute.

Quelle: dpa

Potsdam. Eigentlich hätte Europa im Jahr 1816 aufatmen können. Die napoleonischen Kriege, die Gewalt und Zerstörung gebracht hatten, waren vorbei und der Neuaufbau stand an. Aber es gab kein Aufatmen. Im Gegenteil: Der Kontinent versank erst recht im Elend. Dafür verantwortlich war das Wetter, das in diesem Jahr verrücktspielte, mit sintflutartigen Regenfällen im Frühling und Schnee im Sommer. Das Getreide verdarb auf den Feldern, das Vieh musste notgeschlachtet werden. Es kam zu Hungersnöten, denen Tausende zum Opfer fielen.

Mega-Eruption des Tambora

Erklären konnten sich die Menschen damals nicht, was in der Atmosphäre passierte. Verantwortlich war ein Vulkanausbruch, der sich schon fast ein Jahr vorher, im April 1815 im fernen Indonesien ereignet hatte. Der Tambora, ein schätzungsweise 4300 Meter hoher Vulkankegel, explodierte in einer gigantischen Eruption, die einen 2800 Meter hohen Kranz übrig ließ. Die unvorstellbare Menge von bis zu 100 Kubikkilometern Geröll, Asche und Staub wurden in die Luft geschleudert, sagt Birger Lühr vom Potsdamer Geoforschungszentrum (GFZ). Eine große Menge an Partikeln gelangte dabei in Höhen bis zu 70 Kilometern und verbreitete sich über den ganzen Erdball, vor allem Schwefel-Aerosole. „Solche Partikel sinken nur sehr langsam“, erklärt Lühr. Teilchen mit einer Größe von fünf Mikrometern etwa nähern sich dem Erdboden um gerade einmal 50 Meter pro Tag oder 19 Kilometer im Jahr, so der Geophysiker. Die Partikel blieben teilweise noch über Jahre in der Luft. Auch in den Eiskappen der Pole haben sie sich abgelagert.

Dauerhaft getrübter Himmel

Der Himmel war in diesen Jahren nie blau, sondern selbst an klaren Tagen weiß. Dafür gerieten die Sonnenuntergänge durch den Dunst in der Luft sehr farbenprächtig, wie etwa in einigen Gemälden von Caspar David Friedrich zu sehen ist.

Schwefel-Aerosole trübten die Luft, hier zu sehen im Bild „Neubrandenburg“, das Caspar David Friedrich 1816/17 malte

Schwefel-Aerosole trübten die Luft, hier zu sehen im Bild „Neubrandenburg“, das Caspar David Friedrich 1816/17 malte.

Quelle: Pommersches Landesmuseum

Die Durchschnittstemperatur in Europa ging um zwei bis drei Grad zurück, mit entsprechend katastrophalen Folgen. Aus dem Brandenburger Raum gibt es keine genauen Aufzeichnungen, aber auch hier scheint es zu verheerenden Ernteausfällen gekommen zu sein. Erst 1818 normalisierte sich die Lage wieder.

Eine genauere Vorstellung über die damaligen Vorgänge in der Atmosphäre haben die Geowissenschaftler seit dem Ausbruch des mexikanischen Vulkans El Chichón im Jahr 1982. Das war mit einem Ausstoß von 1,5 Kubikkilometern vulkanischen Materials eine der größten Eruptionen des zwanzigsten Jahrhunderts und auch hier verteilten sich die Aerosole weltweit. Wissenschaftler schätzen, dass die Temperatur in der Atmosphäre durch El Chichón zeitweise um 0,2 Grad gesunken ist.

Toba-Eruption dezimierte die Menschheit

Weit größere Ausbrüche gab es in vorgeschichtlicher Zeit. So erscheint es wahrscheinlich, dass durch eine Mega-Eruption des Toba auf der Insel Sumatra vor 74 000 Jahren, bei der sogar 2800 Kubikkilometer Staub und Aerosole in die Atmosphäre geschleudert wurden, die Erde in einen globalen vulkanischen Winter mit einer Abkühlung von bis zu fünf Grad gestürzt wurde. Die damals noch als Jäger und Sammler lebenden Menschen wurden bis an den Rand des Aussterbens dezimiert. „Solche Mega-Ereignisse sind selten, aber sie finden statt“, sagt Lühr, der selbst oft Forschungsreisen nach Indonesien unternimmt, vor allem zum besonders aktiven Vulkan Merapi auf der Hauptinsel Java. Indonesien ist Teil des sogenannten „Asiatischen Feuerrings“ und weist mit 127 aktiven Vulkanen die höchste Konzentration an Feuerbergen weltweit auf. Der Potsdamer Wissenschaftler ist sich sicher, dass es auch in der Zukunft ähnlich verheerende Eruptionen geben wird. „Die Erde ist ein veränderlicher Planet“, erklärt er. Am Asiatischen Feuerring trifft die Indo-Australische auf die Eurasische Platte, mit der vergleichsweise rasanten Geschwindigkeit von sieben bis acht Zentimetern pro Jahr. An diesen Stellen bilden sich auch die gefährlichsten Vulkane. Auch der Yellowstone-Komplex im US-Bundesstaat Wyoming oder die Phlegräischen Felder westlich des Vesuv sind Kandidaten für eine mögliche künftige Mega-Eruption. Ob ein solches Ereignis in einigen Jahrtausenden, in Jahrmillionen oder schon in ein paar Jahren stattfindet, das kann kein Wissenschaftler sagen.

Innovation durch die Not


hat seine Entstehung der Tambora-Eruption zu verdanken. Weil Pferde nach Massenschlachtungen in den Hungerjahren knapp waren, entwickelte der Forstbeamte Karl Drais aus Mannheim eine Laufmaschine, mit der er eine Geschwindigkeit von 15 Stundenkilometern erreichte – das erste Fortbewegungsmittel nach dem Zweiradprinzip.


einen ihrer Ursprünge im Jahr ohne Sommer. Die britische Schriftstellerin Mary Shelley und ihr Ehemann Percy verbrachten die unfreundlichen Sommermonate des Jahres 1816 im Haus ihres Freundes Lord Byron am Genfer See. In der unfreundlichen Atmosphäre verfasste Mary Shelley ihren Roman „Frankenstein“.

Von Ulrich Nettelstroth

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