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Goethefan mit Hang zum Gegenwärtigen

Nachruf auf Regisseur Egon Günther Goethefan mit Hang zum Gegenwärtigen

Seinen letzten großen Auftritt hatte er im Herbst 2013 in Babelsberg, wie immer im Jeansanzug. Mit seinen Filmen ist er früh schon angeeckt – bereits mit seinem Regiedebüt „Lots Weib“ 1965. Später verlässt er die DDR. Nach dem Mauerfall kehrt er „heimwehkrank“ ins Märkische zurück. Unser Autor Frank Starke erinnert an den unbequemen Filmemacher.

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„Wenn du groß bist, lieber Adam“ ist eine DEFA-Komödie von Egon Günther, die 1965 gedreht wurde. Der Film – Szenenfoto mit Manfred Krug (oben) und Fred Delmare – wurde noch vor der Fertigstellung 1966 verboten und die Tonspur teils zerstört. Nach seiner Rekonstruktion hatte der Film 1990 Premiere.

Quelle: Foto: defa

Potsdam. Seinen letzten großen Auftritt hatte er im Herbst 2013 in Babelsberg, wie immer im Jeansanzug. In der Filmhochschule wurde ein Porträtband über den Regisseur Egon Günther vorgestellt. Zwei Mitarbeiterinnen des Filmmuseums Potsdam hatten das Kompendium voller Dokumente über ein bewegtes Leben zwischen Ost und West zusammengestellt. Der Titel: „Ich war immer ein Spieler“. Kino, so sagt Günther darin, sei für ihn immer Spiel gewesen. Eine Haltung, die ihm geholfen habe, „sich den Anforderungen der Tagespolitik, der Verwirklichung des sozialistischen Menschen oder wie das hieß“, bewusst zu entziehen.

1958 war Günther, Arbeitersohn aus dem sächsischen Schneeberg, nach einem Germanistikstudium in Leipzig als 31-Jähriger zur Defa nach Potsdam-Babelsberg gekommen, zunächst als Dramaturg und Drehbuchautor.

Wegen „formalistischer Experimente“ schnell nicht mehr in Kinos

Doch bald reizte es ihn, selbst Filme zu machen. Aber bereits mit seinem Regiedebüt „Lots Weib“ 1965 eckte er an. Das war nicht der Film über eine heile Familienwelt, wie sie die SED-Oberen sehen wollten. Und seine nächste Arbeit, „Wenn du groß bist, lieber Adam“, eine surreale Märchenkomödie über das Lügen, wurde gleich ganz verboten. 1968 drehte er „Abschied“ nach einem Roman von Johannes R. Becher, den er selbst für seinen liebsten und wichtigsten Film hielt. Wegen seiner „formalistischen Experimente“ verschwindet er schnell aus den Kinos.

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Er war „Schlosser, Lehrer, Lektor, Lyriker, Romancier, Drehbuchautor, Regisseur und Professor“. So fasst die Defa-Stiftung Egon Günthers Lebensweg zusammen. Am Donnerstag starb der Regisseur, Schauspieler und Autor im Alter von 90 Jahren nach langer Krankheit in Potsdam.

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In den Folgejahren gelingen Günther inmitten all der Defa-Zwänge Filme, die eine ganze Zuschauer-Generation in der DDR prägten. Vor allem sein Film „Der Dritte“ über starke Frauen in ostdeutschen Alltag wurde Kult. Und seine Hauptdarstellerin Jutta Hoffman wurde zum Star.

Ost-Lebensgefühl in Goethe-Adaption mit Katharina Thalbach

So sehr Günther stets dem Gegenwärtigen zugewandt war, so sehr lag ihm doch auch daran, die sogenannten Klassiker lebensnah auf die Leinwand zu bringen. Seine Goethe-Adaption der „Leiden des jungen Werthers“ mit der jungen Katharina Thalbach hatte denn auch viel vom Ost-Lebensgefühl in den Siebzigern. Eine regelrechte Sensation landete der Regisseur 1975 mit der Thomas-Mann-Verfilmung von „Lotte in Weimar“ – in der Titelrolle der eigens aus Hollywood angereiste Kinostar Lilli Palmer. Es ist dies der erste Defa-Film, der zu den Filmfestspielen nach Cannes eingeladen wurde.

Mit einem weiteren Klassiker kam es zum endgültigen Zerwürfnis mit dem DDR-System. „Ursula“ nach Gottfried Keller, eine Koproduktion mit dem Schweizer Fernsehen, war den DDR-Oberen um einiges zu freizügig, als dass man es hätte auf Ostbildschirmen zeigen dürfen.

Der unbequeme Filmemacher, der mit seinen so berührenden wie kompromisslosen Filmen immer wieder Maßstäbe setzte, spürte: In diesem Land ist kein Platz mehr für mich. 1978 geht Günther mit DDR-Pass nach München, behält aber sein Haus in Groß Glienicke, wo er seit 1960 lebt. Er dreht weiter, aber nicht mehr jeder seiner Filme wird zum Ereignis.

Nach der Wende kehrt Egon Günther zurück nach Potsdam

Nach dem Mauerfall kehrt er „heimwehkrank“ ins Märkische zurück. Und wendet sich noch einmal Goethe zu: 1999 dreht er mit Veronica Ferres „Die Braut“ über des Dichterfürsten dereinst vielgescholtene Liebe zu Christiane Vulpius. Eine Zeit lang unterrichtet er nach der Wende auch als Professor an der Filmhochschule Babelsberg.

In all den Jahren seit seiner Studentenzeit war Egon Günther nebenher immer auch Buchautor, wenn auch längst nicht mit so durchschlagenden Erfolg wie im Filmmetier, mit Titeln wie „Der Pirat“ und „Reitschule“. Wie der Aufbauverlag in Berlin mitteilte, ist Egon Günther am Donnerstag nach langer schwerer Krankheit verstorben.

Von Frank Starke

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