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Götz George – der Figuren-Inhalierer

Ausnahmeschauspieler Götz George – der Figuren-Inhalierer

Er war der ewige Schimanski – und doch war Götz George so viel mehr. Die Rolle des raubeinigen „Tatort“-Kommissars verfolgte ihn über Jahrzehnte. Aber unbestritten war George einer der größten deutschen Schauspieler. Ein Nachruf auf den mit 77 Jahren verstorbenen Ausnahmeschauspieler

Mit Kult-Kutte: George bei Dreharbeiten der 45. „Schimanski“-Folge „Schuld und Sühne“.
 
 

Berlin.  Götz George liebte es, er selbst zu sein. Eigen, manchmal ruppig und meist unbequem, begegnete er seinem Gegenüber. Seien es nun Film- und Fernsehjournalisten, Fans oder Kollegen. Kurz vor seinem 75. Geburtstag – vor fast drei Jahren – gab es auch so einen dieser besonderen George-Momente voller Schnodderigkeit. Als er in Berlin den Film „George“ über seinen Vater Heinrich vorstellte, ließ er sich zwar aufs Podium bitten, schmetterte vor dem gespannten Premierenpublikum aber jede Frage gnadenlos ab. Sie sei falsch gestellt, dazu könne er nichts sagen und überhaupt sei er nicht der richtige Ansprechpartner. Punkt und Rumms.

 Götz George durfte das, musste es zuweilen sogar. Vielleicht war es sein Schicksal. Der Ausnahmeschauspieler pflegte stets sein Image als Raubein – und das Publikum liebte ihn dafür. Klar, wer 32 Jahre lang mit abgewetztem Parka als Ruhrpottkommissar Horst Schimanski vor der Kamera stand, musste einfach ein krasser Typ sein und möglichst oft „Scheiße“ sagen. So einem verzeiht man das.

Die wichtigsten Stationen Georges

23. Juli 1938 Geburtstag

1953 Erste Filmrolle in „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“

1955-1958 Ufa-Nachwuchsstudio

1958-1963 Deutsches Theater Göttingen

1962 „Der Schatz im Silbersee“

1981-1991 Kommissar Horst Schimanski im ARD-„Tatort“

1989-1993 „Schulz und Schulz“

1992 „Schtonk!“

1995 „Der Totmacher“

1997-2013 ARD-Reihe „Schimanski“

1997 „Rossini“

1999 „Nichts als die Wahrheit“

2003 „Mein Vater“

2007 „Der Novembermann“

2007 Deutscher Fernsehpreis für sein Lebenswerk

2008 „Meine fremde Tochter“

2011 „Nacht ohne Morgen“

2013 „George“

2014 Bundesverdienstkreuz

2015 „Böse Wetter“, sein letzter Film

19. Juni 2016 Todestag

 Mit dem gebrochenen Draufgänger aus Duisburg hat der gebürtige Berliner George Fernsehgeschichte geschrieben. Anders als die distinguierten, abgeklärten Herren, die vor und neben ihm in deutschen Krimis ermittelten, verkörperte er 1981 erstmals einen schnodderigen Cop, der mit lockeren Sprüchen, harten Prügeleien und reichlich Bier auf Verbrecherjagd geht. „Was quatschst du mich so blöd an, du Spießer, nur weil ich 'ne Fahne habe?“, raunzte der attraktive Kommissar sein Gegenüber einmal an.

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Ein eingespieltes «Tatort»-Team: Eberhard Feik (l) als Thanner und Götz George als Schimanski (1987).

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29 „Schimmi“-Folgen liefen zwischen 1981 und 1991 im Rahmen der ARD-Krimireihe „Tatort“. Zweimal war er im Kino sehen und 1997 widmete das Erste seinem erfolgreichen Helden eine eigene Reihe mit dem Kult-Logo „Schimanski“. Der war zwar inzwischen Rentner und hatte einen Gang zurückgeschaltet, aber immer noch ein Straßenfeger. Allein die erste Folge „Die Schwadron“ sahen fast 13 Millionen Menschen. Im Jahr 2013 war dann Schluss damit, nach 48 Folgen.

Er spielte Josef Mengele, einen Taschendieb, einen Öko-Aktivisten, usw.

 Trotzdem hat sich George nie gern in die Krimischublade stecken lassen. Mit Ehrgeiz, Spielfreude und unglaublicher Vitalität profilierte er sich in seiner langen Karriere als einer der vielseitigsten deutschen Schauspieler. Er spielte den KZ-Arzt Josef Mengele („Nichts als die Wahrheit“) und einen an Alzheimer erkrankten Busfahrer („Mein Vater“), einen Taschendieb („Das Trio“) und einen blinden Klavierlehrer („Der Novembermann“), einen Öko-Aktivisten („Lüg weiter, Liebling“) und einen todgeweihten Staatsanwalt („Nacht ohne Morgen“). Eine seiner berühmtesten Rollen hatte er als homosexueller Massenmörder Fritz Haarmann in „Der Totmacher“, der 1995 das Filmfestival von Venedig eröffnete. Zugleich bewies er in Satiren wie „Schtonk!“ oder „Rossini“ auch sein komödiantisches Talent. 2007 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Deutschen Fernsehpreis geehrt, 2014 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

 Erst „George“, der Film über seinen legendären, wegen seiner Karriere in der Nazi-Zeit aber auch umstrittenen Schauspieler-Vater Heinrich George (1893–1946), aber machte deutlich, wie sehr der Sohn zeitlebens von dem „Übervater“ geprägt war – und getrieben. „Du hast mich halt immer überholt. Du warst halt immer besser, besessener“, sagte George in einer ARD-Dokumentation anlässlich seines 75. Geburtstages im Jahr 2013 an die Adresse seines toten Vaters. Von der Lieblingsrolle des Vaters, Goethes „Götz von Berlichingen“, hatte er auch seinen Vornamen.

Mit elf steht er erstmals auf der Bühne

 Der kleine Götz ist acht, als der Vater in sowjetischer Gefangenschaft stirbt. Für ihn und den älteren Bruder Jan wird die Mutter Berta Drews zur zentralen Bezugsperson. Selbst Schauspielerin, weckt sie auch in ihrem „Putzi“, wie sie den Sohn bis an ihr Lebensende nennt, die Liebe zum Theater. Mit elf steht er erstmals auf der Bühne, mit 15 hat er neben Romy Schneider seinen ersten Filmauftritt in der Romanze „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“. 40 Hauptrollen auf der Bühne und 120 Kino- und Fernsehfilme folgen – angefangen von den Karl-May-Abenteuern in den 1960er Jahren bis zum ARD-Krimidrama „Böse Wetter“, das noch nicht ausgestrahlt ist.

Der Schauspieler Götz George lächelt in die Kamera (Foto aus den 60er Jahren)

Der Schauspieler Götz George lächelt in die Kamera (Foto aus den 60er Jahren).

Quelle: dpa

Seine physische und psychische Präsenz, seine Wandlungsfähigkeit und sein Rollenverständnis trugen ihm immer wieder gute Kritiken ein. „Ich muss die Figuren inhalieren, anders kann man es gar nicht sagen, ich inhaliere sie, ohne intellektuell darüber nachzudenken“, verriet er einmal.

Zu den Medien hatte George trotz seines Erfolgs ein gespanntes Verhältnis; dem Fernsehen warf er mal vor, „nur noch auf Kohle und Quote“ zu schauen. Schlagzeilen machten ein schwerer Badeunfall 1996 und eine Herzoperation 2007. Vor knapp zwei Jahren verkündete George, er wolle sich weitgehend aus dem Filmgeschäft zurückziehen. Es sei einfach zu viel Stress. So machte er sich in den Öffentlichkeit rar, drehte nur noch wenig und erfüllte sich selbst einen Wunsch: „Auf der Bühne, wie es bei Schauspielern immer heißt, will ich sicher nicht sterben.“ Götz George starb am 19. Juni im Alter von 77 Jahren.

Von Nada Weigelt

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Medien
Der Schauspieler Heinrich George (l) und sein Sohn Götz George (1998). Fotos: dpa

Der Schauspieler Götz George (74) hat das Mitwirken seines Vaters Heinrich George in Propagandafilmen im Dritten Reich verteidigt. "Der musste mitschwimmen, um nicht unterzugehen", sagte George dem Nachrichtenmagazin "Spiegel".

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