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Kultur Gorillaz machen Wehmut tanzbar
Nachrichten Kultur Gorillaz machen Wehmut tanzbar
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09:58 20.11.2017
Damon Albarn, Sänger und Mastermind der Gorrilaz   Quelle: POP-EYE
Berlin

 Die Welt steht mal wieder am Abgrund und der Sänger tut es auch. Es ist ein zerbeulter Punk, der mit Klampfe auf einem letzten Fleckchen Erde hockt und singt. Um ihn herum wird geballert, Landschaften gehen in Flammen auf, es gibt böse Monster und gute Musik.

  

Der einsam wirkende Comic-Held heißt „2D“, zu sehen ist er auf einer großen Leinwand in der Berliner Max-Schmeling-Halle. Davor sitzt ein Mann am Keyboard, der ihm die Stimme leiht. Nicht irgendeiner, sondern Damon Albarn. Und der ist - damit’s mal klar ist - der beste Sänger unserer Zeit. Er schrieb für Blur kurze, lange, laute, leise Pop-Hits, die die Grenzen des Pop-Hits ausloteten. Mit der Allstar-Band The Good, the Bad & the Queen kreierte er einen nie dagewesenen Mix aus Afrobeat und knarzigem Rock. Trotz der hohen Wahrscheinlichkeit daran zu scheitern, gelang es dem Multi-Instrumentalisten auch, zwei Opern zu komponieren ohne albern oder überambitioniert zu klingen. Und selbst das Blur-Comeback ging gänzlich unpeinlich über die Bühne und geriet nicht zum Ausverkauf, euphorisch feierten Band und Fans das eigene Werk.

Und dann wäre da noch die besagte Comic-Band rund um den fiktiven Sänger „2D“: die Gorillaz. Ende der 1990er kamen Albarn und sein Kumpel, der Comic-Zeichner Jamie Hewlett –unter den Einfluss des einen oder anderen Rauschmittels - auf die Idee zu dem Gesamtkunstwerk. Hewlett erfand eine Band bestehend aus einer Handvoll ramponierter Anti-Helden, Albarn schrieb Songs für die erfundene Band. Gemeinsam dachten sie sich Biografien zu den Charakteren aus. Der Erfolg ist überwältigend: fünf millionenfach verkaufte Alben und ein Guinness-Buch-Eintrag als „erfolgreichste virtuelle Band“.

Hip-Hop-Legenden De La Soul und Chef Damon Albarn

Von der Idee, bei Konzerten nur die Comichelden zu zeigen, ist allerdings nichts übrig geblieben. In der seit Monaten ausverkauften Max-Schmeling-Halle erscheinen haufenweise Gastmusiker, überragend ist der Auftritt der Hip-Hop-Legende De La Soul, und Damon Albarn ist der eindeutige Chef. Er dirigiert Band und Fans meist wortlos und mit dem Gestus von Fußballern, die die Fans im Block aufpeitschen wollen. Die Gorrillaz spielen Hits wie „Clint Eastwood“ und „Feel Good Inc.“, aber auch neue Songs wie „Andromeda“ und „Strobelite“ im 70er-Jahre-Disco-Sound. Sie verbinden Funk, Rap und Indie-Pop und verbreiten eine seltsame Mischung aus Party-Stimmung und Melancholie.

Ein ergreifender Höhepunkt ist „Melancholy Hill“. Damon Albarn, der immer wieder unter Depressionen litt, singt vom Hügel der Melancholie, auf dem er neben einem Plastikbaum steht und wartet. Das Comic-Video spielt Unterwasser, aus dem Körper eines der Helden dringen die Tentakel einer Krake hervor. Das Wesen befreit sich und fällt auf den Boden des U-Boots, Albarns Alter Ego „2D“ fürchtet sich. Es gibt Patienten, die ihre Depression wie eine Krake beschreiben, deren Fangarme sie nicht kontrollieren können. Albarn sitzt am Keyboard, singt zu der poppigen Melodie des Songs traurig und eindringlich. Er kann halt beides: Rampensau und Ruhepol. Und die traurigen Momente sind die schönsten.

Von Maurice Wojach

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