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Grenz-Geschichten vom Ankommen und Wandel

Ausstellung in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung in Potsdam Grenz-Geschichten vom Ankommen und Wandel

Im letzten Jahrzehnt verdreifachten sich die Zuzüge aus Polen in Dörfern des Nordostens Brandenburgs. Die Neuankömmlinge kauften und renovierten verwaiste Häuser in Orten wie Mescherin und Staffelde. Die Potsdamer Ausstellung „Pizza aus Polen – Neue Nachbarn in alten Häusern“ widmet sich ihren Geschichten und dem Wandel in der Grenzregion.

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Die Grenzpfosten auf einem Feld bei Staffelde.

Quelle: Andreas Kämper

Potsdam. Marta Szuster ist eine „Kümmertante“. Ständig kommen die Dorfleute zu ihr, wollen dies und das, bitten um Rat. Die 36-Jährige ist seit Mai 2014 im Gemeinderat von Mescherin (Landkreis Uckermark). Das hat vor ihr noch kein Pole geschafft. Mit ihrem Mann Krzysztof, den drei Kindern und der 85-jährigen Großmutter lebt sie seit sechs Jahren in Staffelde. Als sie acht war, zogen ihre Eltern mit ihr von Stettin nach Hamburg. Sie hatte sich vorgenommen: Wenn sie volljährig ist, geht sie zurück. Wieder in Stettin, vermisste sie Deutschland.

Und dann der Zufall: Sie fuhr in der Grenzgegend herum und sah in Staffelde dieses Schild: Haus zu verkaufen. Sie hielt an, sah sich um. Die Szusters nahmen einen Kredit auf, zogen ein. Seitdem stimmt ihr Lebensgefühl. Jetzt hat sie beides. Polen ist ja keine vier Kilometer entfernt.

Marta Szuster mit ihrem Mann Krzysztof und den Kindern

Marta Szuster mit ihrem Mann Krzysztof und den Kindern.

Quelle: Andreas Kämper

Kaum angekommen, klingelte Marta Szuster an jeder Tür: Ich bin die Neue, ich wohne jetzt hier. Die Uckermärker sind ja eher abwartend. Marta kommunikativ. Erst hat sie das Osterfeuer organisiert. Das hatte es lange nicht gegeben. Dann das Erntefest. Frances Miseler aus dem Ort half sie, in Polen ihr Brautkleid auszusuchen. Marta dolmetschte. Sie sagt: „Ich würde mir wünschen, dass wir nicht mehr von polnischen und deutschen Nachbarn sprechen, sondern nur noch von Nachbarn. Die Sprache ist die einzige Barriere, die besteht.“

Von den 400 Mescherinern sind inzwischen 15 Prozent Polen

Marta Szuster hat auch so manches Gespräch eingefädelt für die sehenswerte Ausstellung „Pizza aus Polen – Neue Nachbarn in alten Häusern“, die man sich seit Dienstag in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung in Potsdam anschauen kann. Martina Schellhorn, Kuratorin der Schau, fuhr im Sommer mehrere Tage in die Grenzregion. „Ich wollte mir angucken, wie das Leben vor Ort so ist zwischen den deutschen Einheimischen und den hinzugezogenen Polen.“ Seit den 1990ern war auch in Mescherin die Einwohnerzahl gesunken, mehr und mehr Häuser standen verwaist. Seit sechs Jahren nun wird gebaut und renoviert. Inzwischen sind von den 400 Mescherinern rund 15 Prozent Polen.

Die Zuzüge aus Polen haben sich verdreifacht

Anlass der Ausstellung war, dass vor 25 Jahren, am 17. Juni 1991, der „Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“ geschlossen wurde. Im letzten Jahrzehnt verdreifachten sich die Zuzüge aus Polen in Dörfern des Nordostens Brandenburgs. Im Landkreis Uckermark sind 1600 polnische Staatsbürger gemeldet.

Info: „Pizza aus Polen – Neue Nachbarn in alten Häusern“, bis 19. 4. 2017, Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Heinrich-Mann-Allee 107, Potsdam, Mo-Mi 9 bis 18 Uhr, Do/Fr 9 bis 15 Uhr

Es sind wunderbar authentische Geschichten, die in der Ausstellung in zwei Räumen erzählt werden. Welche, die das Leben schrieb. Und die Bilder von dem Rangsdorfer Fotografen Andreas Kämper – fröhlich, unverstellt. Da hat sich keiner extra in Schale geschmissen. Martina Schellhorn hat das Aufnahmegerät einfach auf den Tisch gestellt. Die Leute erzählten frei von der Leber. Es sind Geschichten über den Wandel in dieser Grenzregion, das Wurzeln-Schlagen, Sich-Kennenlernen. Volker Schmidt-Roy, 47-jähriger Unternehmer und Ortsvorsteher, sagt: „Die Polen waren für Dörfer wie Mescherin und Staffelde die Rettung. Die vielen alten Häuser, die es hier gab, wären inzwischen zusammengefallen.“ Und Axel Biseke, 60, fotografiert mit Hund und am Staketenzaun lehnend, meint, dass er mit den Polen nie Probleme hatte. „Die einen kann man riechen, die anderen nicht. Man muss sich ein bisschen beschnuppern, dann geht das schon.“ Und. „Eins muss ich sagen: Die Polen machen mehr auf ihren Grundstücken wie wir. Und die sind auch viel exakter. Aber das kann auch altersstrukturell bedingt sein. Früher hab ich auch mehr gewirbelt.“

Der 60-jährige Axel Biseke, der in Staffelde lebt

Der 60-jährige Axel Biseke, der in Staffelde lebt.

Quelle: Andreas Kämper

Einer dieser Akkuraten ist Ireneusz Janicki, 36, aus Staffelde. Er und seine Frau arbeiten im Kraftwerk „Dolna Odra“ in Gryfino, jenseits der deutschen Grenze. Man sieht ihn mit Spaten vor seinem neuen Daheim. Penibel hat er den Gehweg gepflastert. Nachbar Biseke will ihn manchmal stoppen. Er rackere zu viel.

Janicki erklärt: „Wir sind wegen der Kinder hierher gekommen. Sie sollen Deutsch lernen und dadurch bessere Chancen haben. Vielleicht finden sie später in Deutschland eine Arbeit.“ In der Kindertagesstätte „Abenteuerland“ in Tantow sind mittlerweile 41 polnische Kinder und 26 deutsche. Renate Pintschovius, Leiterin der Kita, sagt: „Darüber sind wir sehr froh, sonst müssten wir eine Erzieherin entlassen.“

Wegen der Natur und der deutschen Ordnung

Als Martina Schellhorn und Andreas Kämper nach einem Recherchertag abends in Mescherin im „Parkrestaurant“ einkehrten und polnische Piroggen aßen, war bald klar, dass auch Robert Kulak in die Ausstellung gehört. Mit dem Lokal, das er umgebaut hat, hat sich der 48-Jährige einen Traum erfüllt. Robert war in Hamburg Koch, nach 30 Jahren in Deutschland zog es ihn wieder in seine alte Heimat Stettin. „Doch es ist nicht mehr meine Stadt, nicht mehr meine Mentalität und meine Ordnung. Ohne deutsche Ordnung kann ich nicht mehr leben.“

Joanna Kot mit ihrer Familie

Joanna Kot mit ihrer Familie.

Quelle: Andreas Kämper

In der Ausstellung erfährt man auch von Freundschaften. Bei Joanna Kot und den Tegats fing sie mit Joannas Fahrradunfall vor deren Anwesen an. Sie sind sofort raus. Wie können sie helfen? Der Deutsche Fred Tagat kann Polnisch. Von Fred Tegat kam auch die Inspiration für den Titel der Ausstellung. Martina Schellhorn meinte, es gäbe in der Gegend keinen Imbiss, wo man eine Bockwurst oder Pizza bekomme. Darauf Fred Tegat: „Die Pizza bestellen wir in Polen. Ist kein Problem, die kommen aus Gryfino. Wenn unsere Enkel da sind, machen die das drei- bis viermal die Woche. Der Pizzabote kennt die schon mit Namen.“ Gryfino ist der nächste Ort auf polnischer Seite, gleich hinter der Brücke von Mescherin.

Joanna Kot und ihr Pawel wollten auch deswegen von dort nach Mescherin. „Es ist schön hier und vor allem so ruhig.“ Von der Natur dieses begnadeten Fleckchens schwärmten etliche der Porträtierten. Und so wird auf Tafeln auch diese Landschaft gezeigt. Wie der Nationalpark Unteres Odertal, der hinter den letzten Häusern von Staffelde beginnt. Wo Biber, Fischotter und die seltene Teichfledermaus leben. Auf einer anderen Tafel sind die schmalen Grenzpfosten im Gras zu sehen, die den kleinen Übergang Richtung Pargowo markieren. Und da ist aber ebenso der heruntergekommene Bahnhof von Tantow abgebildet. Hohes Gras wuchert am Vorplatz. Auf dem schmiedeeisernen Zaun davor steht in roten Lettern noch immer „Konsum“.

Von Angelika Stürmer

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