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Grenzüberschreitung als Kunstform

Tanztage in Potsdam Grenzüberschreitung als Kunstform

Einbeziehen, nicht ausgrenzen! Mit diesem Motto starteten die 26. Potsdamer Tanztage der „Fabrik“ vor eineinhalb Wochen. Diesem bleiben sie auch am letzten spektakulären Abend treu. Unterschiedlichste Kulturen und Kunstformen werden integriert. Selbst das Publikum ist nicht einfach nur Publikum – und hat großen Spaß beim Überschreiten der Bühnengrenze.

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Alleingelassen im Meer der Technik: Felix Mathias Ott in seiner „ Odyssey Complex“.

Quelle: Tanztage/Kirchner

Potsdam. „Wenn Sie einen der Tänzer am Vorhang sehen, dann kommen Sie und gesellen sie sich zu uns“, sagt die junge Frau während sie neben dem hochgezogenen Flickenteppich steht. Dann reiht sie sich in die schnörkellos getanzte Choreographie ein. Keine Sperenzchen, klaren und gut lesbaren Modern Dance zeigen uns die drei Männer und drei Frauen in der Fabrik. Tageslichthell beleuchtet ist die schmucklose Halle, als wollte das Ensemble von Yasmeen Godder sagen: Seht her, wir sind ehrlich, Tricks und Schnörkel haben wir nicht nötig. Punktgenau tanzt die Gruppe ihre Abfolge, die sich verändern und immer mehr befremdliche Elemente aufnehmen wird.

Eine Riesenamöbe wabert über die Bühne

Und plötzlich ist es so weit. Einer der Tänzer schert aus und bleibt lächelnd neben dem Vorhang stehen. Tatsächlich kommen Leute aus dem Publikum und gehen hinter den Vorhang. Zunächst werden noch einfache Dinge verlangt: In einer Kette, geführt von einem Tänzer, vorbei an einem auf dem Boden liegenden Akteur defilieren. Später soll sich eine Frau in die Arme einer der Tänzerinnen begeben und sich vorsichtig von ihr zu Boden legen lassen. Gegen Ende muss eine große Gruppe über Arme, Schultern, Hände miteinander verknüpft wie eine Riesenamöbe über die Bühne wabern und dann im Kreis sitzend noch jeweils einen Satz über einen momentanen Eindruck äußern.

 Common Emotions, choreographiert von  Yasmeen Godder aus Tel Aviv

Common Emotions, choreographiert von Yasmeen Godder aus Tel Aviv.

Quelle: Maurice Korbel

„Common emotions“! Die israelische Choreographin Godder nimmt ihr Stück wörtlich. Gemeinsame Emotionen wie Glück, Ausgelassenheit und Trauer erleben nicht nur ihre sechs hoch disziplinierten Akteure, auch die Zuschauer lassen sich verführen. Es ist ein Spiel, bei dem Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, Virtuellem und Authentischem ständig aufgelöst werden. Es gelingt! Keiner der auf die Bühne gegangenen Zuschauer-Akteure muss passen. Wer auf dem Boden zu liegen und zu lachen hat, liegt und lacht, wer rufen und schreien soll, tut es. Und eine Zuschauerin, der ungefragt einer der zusammengekauerten Tänzer auf den Schoß gelegt wird, tröstet den Wimmernden sogar. Grenzüberschreitung als Kunstform.

Publikum geht auf eine Reise in archaische Zeiten

Grenzüberschreitungen anderer Art wagt der Berliner Felix M. Ott mit seiner „Odyssey Complex“ anschließend im T-Werk. Er mischt alle heute zur Verfügung stehenden Mittel von der Videoinstallation über das Sprechtheater bis zur Performance und dem Tanz, um die Zuschauer in eine archaische Reise in das Herz der Odyssee zu führen. Auch Ott spielt mit dem Publikum, wenn er es am Anfang foppt und mit einem missratenen Referat über den Hintergrund von Homers Odyssee beginnt. Doch dann wandelt sich die Szenerie und wir finden uns in einem wahren Rausch moderner Theatertechnik. Da verwandelt sich ein Menschenkörper in ein Lichtgebilde, die Darstellung geht in die Videoinstallation über, es flirren Motive der Odyssee auf und es gibt auch wunderschöne Bilder. Etwa das des auf seinem Schiff-Schreibtisch in allerstärkstem Theaterregen, beleuchtet nur vom videoinstallierten Vollmond, um sein Leben paddelnden Odysseus. Und trotzdem fehlt dem Technikreigen ein wenig die Seele.

14 Vorstellungen ausverkauft

7600 Besucher zählten die Veranstalter bei den 26. Potsdamer Tanztagen. 14 der 21 Vorstellungen waren ausverkauft. Das internationale Potsdamer Festival des zeitgenössischen Tanzes war damit im Jahr 2016 eines der bisher erfolgreichsten seiner Geschichte.

Neu war der sogenannte Dom , ein igluartiges Zelt auf dem Rasenplatz neben der „Fabrik“, der Hauptspielstätte. Im schneeweißen Dom fanden die Publikumsgespräche statt.

Ein Service waren auch Aufwärmübungen der Akteure zusammen mit den Zuschauern. So konnte sich das Publikum in Bewegungsmuster einfühlen.

Die bringen die aus Ungarn stammenden Genfer Joszef Trefeli und Gabor Varga in ihrer Open-air-Performance mit. Mit leichter Sohle mischen die rhythmisch perfekt aufeinander abgestimmten Tänzer in diversen Kostümen ethnische Traditionen. Mal meint man afrikanische Schamanen den Regen beschwören, mal Kendo-Kämpfer gegeneinander antreten zu sehen. „Wir mögen es, wenn Leute an möglichst viele Traditionen denken“, sagt Jozsef Trefeli hinterher. Dabei speise sich der Keim dieses Tanzes allein aus ungarischen Traditionen.

Verwischte Grenzen

Einbeziehen – mit diesem Motto starteten die 26. Tanztage vor gut eineinhalb Wochen. Damit endeten sie auch. Grenzen soll es nicht mehr geben, nicht mehr zwischen Kulturen, nicht zwischen Künsten, nicht zwischen privat und öffentlich. Tanz hat keine Lösungen für eine unübersichtliche Welt zu bieten. Ästhetische Antworten auf sie hält er aber noch jede Menge bereit.

Von Rüdiger Braun

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