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Kultur Gropius Bau zeigt umstrittene Gurlitt-Sammlung
Nachrichten Kultur Gropius Bau zeigt umstrittene Gurlitt-Sammlung
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18:43 13.09.2018
Die Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt“ im Gropius Bau empfängt die Besucher mit einer Zeitungswand. Quelle: Ralf Hirschberger/dpa
Berlin

„Der Nazi-Schatz“ titelte 2013 der Focus. „Raubkunst im Wert von einer Milliarde Euro gefunden“, lautete die Schlagzeile bei FAZonline. So wie man 70 Jahre nach Ende des „Tausendjährigen Reichs“ immer noch Weltkriegsbomben in der Erde findet, schien auch die Entdeckung von 1500 Kunstwerken in Wohnungen in München und Salzburg eine klare Sache. War doch ihr Besitzer, Cornelius Gurlitt (1932-2014), der Sohn eines dubiosen Kunsthändlers. Hildebrand Gurlitt (1895-1956) galt als Profiteur der Nürnberger Rassengesetze und agierte ab 1943 sogar für Adolf Hitler als Chef-Einkäufer für Kunst in den besetzten Gebieten.

Doch während sich eine Fliegerbombe relativ einfach entschärfen lässt, indem man den Zündmechanismus entfernt, erweist sich der Gurlitt-Nachlass als anhaltender und hoch komplizierter Schwelbrand. Ganze Heerscharen von Wissenschaftlern versuchen die Provenienz der einzelnen Bilder zu erforschen, möchten also herausbekommen, wann wer zu welchen Bedingungen Eigentümer von einem Bild geworden ist.

Erster kompletter Überblick

Heute öffnet im Berliner Gropius Bau eine Schau mit dem Titel „Bestandsaufnahme Gurlitt“. Nach eingeschränkten Vorgänger-Ausstellungen in Bonn und Bern handelt es sich um einen ersten kompletten Überblick. Die Kuratoren wollen die Öffentlichkeit über den Stand der Erkenntnisse unterrichten – mit dem schönen Nebeneffekt, dass vergessene Originale von so berühmten Künstlern wie Claude Monet, Max Liebermann oder Ernst Ludwig Kirchner zu sehen sind. Jeder Besucher kann in dem stilistischen Gemischtwarenladen etwas entdecken, Porträts hängen neben Stillleben, neobarocke Motive neben expressionistischen Holzschnitten, Drucke neben Ölbildern. Doch darum geht es nicht. Entscheidend sind die Geschichten, die von den Kuratoren zu den einzelnen Bildern erzählt werden. In den sieben Themenräumen werden viele Aspekte angeschnitten, die mit der Familie Gurlitt und dem Schicksal der Kunst in der Nazi-Diktatur verbunden sind.

So einfach, wie man 2013 dachte, liegen die Dinge nämlich nicht. Trotz enormer Bemühungen ließ sich in den letzten fünf Jahren gerade einmal in sechs Fällen nachweisen, dass es sich um „Raubkunst“ handelt. „Ich gehe davon aus, dass sich nach mehr als 70 Jahren vieles nicht mehr aufgeklärt lässt“, sagte Rein Wolf, einer der Kuratoren. Aber das Bewusstsein über die Bedeutung der Provenienz sei gestiegen, meinte er. Ein Bild von ungeklärter Herkunft sei heute auf dem Kunstmarkt nichts mehr wert.

Die Ausstellung präsentiert erschütternde Fallbeispiele. Henri Hinrichsen (1868-1942) war ein renommierter Kulturbürger in Leipzig. Sein Musikverlag C.F. Peters wurde 1938 „arisiert“. Um die „Judenvermögensabgabe“ entrichten zu können, war er gezwungen, auch seine Kunstsammlung zu einem Spottpreis zu veräußern. Hildebrand Gurlitt erwarb von ihm die Zeichnung „Das Klavierspiel“ von Carl Spitzweg. Hinrich wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Seine Söhne wandten sich nach 1945 an Gurlitt und dessen Frau, um die Zeichnung zurückzubekommen. Doch das Ehepaar leugnete, noch im Besitz zu sein. Die Zeichnung fand sich dann aber 2013 in der Sammlung und wurde an die Familie zurückgegeben.

Handel mit „Entarteter Kunst“

500 Werke aus der Gurlitt-Sammlung zählen zu jenen 20 000 Exponaten, die Hitler als „Entartete Kunst“ aus den deutschen Museen entfernen ließ. Händler wie Gurlitt durften sie erwerben, um sie für gute Devisen ins feindliche Ausland zu verkaufen. Als Museumsdirektor gerade in den 1920er Jahren hatte sich Gurlitt, der als Mischling zweiten Grades galt, da er eine jüdische Großmutter hatte, immer für avantgardistische Kunst eingesetzt. Die Berliner Ausstellung widmet auch seiner Schwester, Cornelia Gurlitt, ein Kapitel. Die expressionistische Künstlerin brachte sich 1919 im Alter von 29 Jahren um.

Gurlitt erwarb also Bilder von verfemten Malern wie Otto Mueller, Otto Dix oder Max Beckmann, was vielleicht auch deren Rettung bedeutet hat. Ein Beispiel: Das Aquarell „Pferde in Landschaft“ von Franz Marc hing im Städtischen Museum für Kunst und Kunstgewerbe in Halle. Auf dem Schild unter dem Bild steht: „8. Juli 1937 Beschlagnahme durch RMfVP. 21. März 1941 erworben durch Hildebrand Gurlitt. 6. Mai 2014 Erbgang an das Kunstmuseum Bern“. Die Provenienz ist leider sehr bürokratisch formuliert. RMfVP bedeutet „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“. Nach dem Tod von Hildebrand Gurlitt im Jahr 1956 hielt Cornelius Gurlitt das Franz-Marc-Original im Konvolut der ganzen Sammlung versteckt, bis sie 2013 von Steuerfahndern bei Haussuchungen entdeckt wurde. Dem Sohn, der dann die umstrittene Sammlung aus nicht geklärten Gründen dem Kunstmuseum Bern vermacht hat, war aber juristisch kaum ein Vorwurf zu machen. Der historische Skandal ist vielmehr der, dass sein Vater Hildebrand nach 1945 von den Amerikanern entnazifiziert wurde und fast übergangslos in Düsseldorf als Leiter eines Kunstvereins und als Kunsthändler weitermachen durfte, als wäre nichts geschehen.

Von einem „milliardenschweren Nazi-Schatz“, wie es vor fünf Jahren noch hieß, kann offenbar nicht die Rede sein. So viel wert sind die Bilder dann doch nicht. Und die Vorgänge um sie sind so verästelt und komplex, dass der Ausstellungsbesucher viel Zeit und Geduld mitbringen sollte.

Von Karim Saab

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