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Großes Buch, großer Film

Weltpremiere von „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ Großes Buch, großer Film

Das Buch „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ galt lange als unverfilmbar – doch am Donnerstag hat der Film auf der Berlinale Weltpremiere gefeiert. Dem Filmemacher Matti Geschonnecks und dem Drehbuchautoren Wolfgang Kohlhaase ist ein großartiges Werk gelungen. Im Zentrum steht eine Geburtstagsfeier, die ganz anders endet, als erhofft.

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Die ganze Familie ist versammelt bei der Party zum 90. Geburtstag des unbelehrbar überzeugten Kommunisten Wilhelm Powileit (Bruno Ganz).

Quelle: fOTO: vERLEIH

Potsdam. Ostberlin im Herbst 1989. Lotti Powileit (Hildegard Schmahl) ist nervös. Der 90. Geburtstag ihres Mannes Wilhelm (Bruno Ganz) steht an, zahlreiche Gäste werden in der leicht heruntergekommenen Villa erwartet und der große Tisch für das Buffet ist noch nicht aufgebaut. Das übernimmt traditionsgemäß Enkel Sascha, doch der lässt sich nicht blicken. Stattdessen geben sich Nachbarn und Genossen die Klinke in die Hand, singen Junge Pioniere ein Ständchen. Jubilar Wilhelm Powileit lässt alles stoisch über sich ergehen. Was hat der alte Mann nicht schon alles erlebt? Seit 75 Jahren überzeugter Kommunist, ist er einst aus Nazi-Deutschland geflohen und war im Exil in Mexiko. Jetzt zeigt er Anzeichen von Demenz und hat keinen Sinn für die Blumensträuße der Gratulanten, deren Namen ihm auch schon mal entfallen.

Bruno Ganz spielt das Familienoberhaupt Wilhelm

Bruno Ganz spielt das Familienoberhaupt Wilhelm.

Quelle: Verleih Hannes Hubach

Auch die Glückwünsche im Neuen Deutschland nimmt das hochdekorierte SED-Mitglied mit Gleichmut zur Kenntnis. Als Genossen ihm den Stern der Völkerfreundschaft in Gold an den Kragen heften, sieht man ein Lächeln auf seinem Gesicht. Wilhelm ist ein unbelehrbarer Kommunist, der hartnäckig leugnet, dass sein Ideal einer besseren Welt nur eine Chimäre war. Nur einmal raunt Wilhelm leise „es geht bergab“ und lässt sich seufzend in den Sessel fallen.

Regisseur Matti Geschonnecks

Regisseur Matti Geschonnecks

Quelle: Verleih/ Daniela Incoronato

Das Geburtstagsfest ist das letzte Aufbäumen der Elite eines dem Untergang geweihten Landes und Mittelpunkt von Matti Geschonnecks Bestsellerverfilmung „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, die heute auf der Berlinale Weltpremiere feiert. Der Debüt-Roman von Eugen Ruge, der in Potsdam und Kleinmachnow aufgewachsen ist und seine eigene Familiengeschichte aufgeschrieben hat, gewann 2011 den Deutschen Buchpreis und galt bislang als unverfilmbar. Die Geschichte vom Niedergang einer DDR-Vorzeigefamilie erstreckt sich über 50 Jahre und reicht geographisch von Russland bis Mexiko. Doch Wolfgang Kohlhaase, diesem großartigen Drehbuchautor, gelingt ein Coup: Er konzentriert sich auf die Feier und verhandelt dort die großen Themen. Herausgekommen ist eine filmische Studie über verlorene Utopien und zerbrochene Lebensentwürfe, brillant besetzt bis in die Nebenrollen.

Eine Beerdigungsszene aus dem Film

Eine Beerdigungsszene aus dem Film

Quelle: VerleiH/Hannes Hubach

Lottis Sohn Kurt (Sylvester Groth) etwa ist ein verstockter Intellektueller, der 1954 aus den Arbeitslagern der Sowjetunion in die DDR kam und in Ostberlin als Historiker arbeitet. „Erwähne bloß nicht Ungarn oder Polen“, raunzt seine Mutter ihm noch ins Ohr. Harmonisch soll der Tag werden, nicht getrübt durch die politisch unruhigen Zeiten. Doch bald brechen sie auf, die Wunden, über die immer geschwiegen wurde. So ist Kurt nie darüber hinweggekommen, dass sein Bruder im Gulag ums Leben kam. Mutter Lotti verbittet sich bis heute jedes Wort darüber und doch sieht man ihr das lebenslange Leiden an.

Überhaupt liegt über den meisten Figuren eine stille Verzweiflung, es geht etwas steif zu auf diesem Fest. Irina, (Evgenia Dodina) Kurts russische Gattin, die er betrügt, betäubt ihr Unglück mit Schnaps. Andere versuchen vergebens für etwas Stimmung zu sorgen, indem sie für französischen Käse aus Brandenburg werben. „Ostkäse, der wie Westkäse schmeckt“ könnte doch die Republik noch retten.

Iwanowna (Nina WAntonowa) & Kurt Umnitzer (Sylvester Groth)

Iwanowna (Nina W.Antonowa) & Kurt Umnitzer (Sylvester Groth)

Quelle: VerleiH/Hannes Hubach

Matti Geschonneck gelingen trotz des schweren Stoffs rührende und komische Szenen. In diesem Kammerspiel, gedreht in Potsdam-Babelsberg, ist man ganz nah an den Menschen, erkennt ihre Wege und Irrwege. Gern hätte er seinen Vater Erwin Geschonneck in der Rolle des Patriarchen und Parteimitglieds Wilhelm gesehen. „Doch der lebt ja leider nicht mehr.“ Der 63-jährige Grimmepreisträger hat dem Schweizer Bruno Ganz die Rolle anvertraut und der macht seine Sache fabelhaft.

Wilhelms erwachsener Enkel Sascha (Alexander Fehling), der für den Tischaufbau zuständig gewesen wäre, kommt nicht mehr. Er ist in den Westen abgehauen. Noch ein verlorener Sohn – das wird diese Familie nicht überstehen. Matti Geschonneck findet auch dafür das passende Bild: Der Tisch, aufgebaut vom 90-jährigen Wilhelm, bricht samt Buffet auseinander.

Sascha Umnitzer (Alexander Fehling) & Kurt Umnitzer (Sylvester Groth)

Sascha Umnitzer (Alexander Fehling) & Kurt Umnitzer (Sylvester Groth)

Quelle: VerleiH/Hannes Hubach

Von Claudia Palma

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