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Günther Uecker über Verletzlichkeit

Ausstellung Günther Uecker über Verletzlichkeit

Der Werk-Zyklus „Der geschundene Mensch“ war für den Maler und Objektkünstler Günther Uecker der Reflex auf die Gewalt während des Pogroms von Lichtenhagen 1992. Seitdem ist die Schau durch die Welt gereist und fand 350 000 Besucher. Seit kurzem ist sie in der Rostocker Kunsthalle zu sehen.

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Günther Uecker arbeitet mit Nägeln, Stein, Erde, Asche – und Sand. Seine „Sandmühle“ ist 1970 entstanden.

Quelle: DPA

Rostock. Der Werk-Zyklus „Der geschundene Mensch“ von Günther Uecker, der jetzt in der Rostocker Kunsthalle gezeigt wird, ist der Reflex des Künstlers auf die Gewalt während des Pogroms von Lichtenhagen 1992. Seitdem ist die Schau, die dem Deutschen Institut für Auslandsbeziehungen gehört, durch die Welt gereist und hat 350 000 Besucher angezogen.

Die 14 „befriedeten Gerätschaften“, wie Sie die Arbeiten nennen, sind Ihre Antwort auf die Gewalt und den Rassismus. Ihr Werk reiste um den Globus. Was ist nun Ihr Fazit?

Günther Uecker: Es werden um 60 Länder sein, die wir besucht haben. Mein Fazit? Das Schlimme ist ja, dass das Thema bleibt und sich vermehrt hat im Rechtsradikalismus und einer nationalen Denkweise. Der Erfolg dieser Ausstellung ist leider auch eine Entwicklung, die man sich nicht wünscht. Die Ermutigung, dass man dieses Gedankengut offen mit sich trägt und bekundet, ist stärker geworden.


Es gab Stationen wie Sydney, wo 4900 Besucher kamen, und Taipeh oder Havanna mit 50 000 Gästen.

Uecker: Das ist interessant, dass der Ansturm in Ländern wie Australien nicht so groß war. Da könnte man einen psychologischen Aspekt sehen, eine Korrespondenz zu dem Werk. Das mag ein Grund sein, dass in theokratisch dominierten Ländern die Menschen denken, er meint uns. In St. Petersburg kamen zu einer Ausstellung von mir – das war aber eine Retrospektive – mal 250 000 Besucher.

Die Reaktionen waren weltweit sehr unterschiedlich. Von Begeisterung bis Unverständnis. Sie thematisieren die Schwäche der Unterdrücker und Gewalttäter. Sind Sie persönlich angegangen worden oder Repressalien ausgesetzt gewesen?

Uecker: Dass Menschen sagen, sie verstehen das nicht, gibt es ja überall. In Usbekistan wurden mal Gegenstände aus der Rüstungsindustrie einfach in die Ausstellung gestellt. Mit der Begründung, dass ginge wegen Renovierungsarbeiten nicht anders. Das geschah einfach. Ich hatte keine Vorstellung davon, dass es eine solche Art von Bedrängnis gibt. Die Ausstellung ist von der Thematik mit der Realität, dem Alltag der Menschen verzahnt. Sie verbeißt sich. 1993 habe ich in Chile den Preis für die beste Ausstellung in Südamerika bekommen. Da wirkt diese Ausstellung in eine Welt hinein, wie ich sie mir vorher gar nicht vorstellen kann. Ich erfahre das wie eine Korrespondenz. Liebesbriefe an einen Unbekannten über einen Berg geweht und zerrissen angekommen.

Sollte die Schau dauerhaft in Rostock bleiben und zu sehen sein?

Uecker: Ja, weil sich in Rostock der Kreis schließt. Der Weg eines Künstlers, sich mit seinen Aussagen in die Welt zu bewegen und seine Widersprüche offen zulegen. In diesen widersprüchlichen Annäherungen findet man einen Dialog.

Ernsthaftigkeit und Humor, Brutalität und Zartheit. Lebt Ihr Werk, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht, vom Widerspruch?

Uecker: Was Schutz ist, kann Bedrohung sein. Das ist wohl der Kern, dass die Schutzbedürftigkeit des Menschen dazu führt, dass man sich einen Schutzraum baut, aber auch eine Diktatur befördert, die einen bedrängt und einsperrt. Die Auflösung der Formen und der Gegenstände sind Krücken, die ich verwende. Eine Prothese der menschlichen Behausung. Kunstwerke sollten die menschlichen Eigenschaften, den humanen Charakter in sich tragen. So dass diese Körpersprache im Ausdruck eine Art von Brief ist an den Betrachter. Dass der Betrachter das Werk erst wahrnimmt und merkt, darin ist eine humane Geste enthalten, die an ihn gerichtet ist.

1961: Stunde null – Zero. Das Ende der Kunst – und Ihre Antwort der Künstlergruppe „Zero“ um Sie, Heinz Mack und Otto Piene auf das Massenmorden im Zweiten Weltkrieg. Wo stehen wir jetzt?

Uecker: Damals war das auch eine Todessehnsucht. Weil man mit denen, mit denen man lebte, die ältere Generation, das waren ja auch die Mörder, nicht leben wollte. Jene, die das große Völkervernichten betrieben haben. Die waren stumm, haben mit ihren Kindern, den nachfolgenden Generationen, nicht reden können. Sie konnten eigentlich nur Zuschlagen. Da gab es eben eine nekrophile Phase, dass man lieber mit denen, die da umgekommen waren in den Konzentrationslagern sein wollte, als mit denen, die überlebt haben. Ein Konflikt, den ich besonders erlebt habe, als ich 1953 in den Westen ging, weil man dort die konservative Reduktion intensiv betrieb. Die DDR hatte zwar diesen Antifaschismus. Aber in einer Form des Auswendiglernens. Wir haben das ja als Schüler aufsagen müssen. Als ich 1953 wegen der Niederschlagung der Aufstände in Berlin und auch Grevesmühlen in den Westen gegangen bin, habe ich eine äußerst konservative Welt kennengelernt.

In Schwerin soll mit dem Neubau die Aufhebung der Grundfrage abstrakt oder figurativ angegangen werden? Wie stehen Sie zu diesem Bilderstreit, der nach der Wende ausbrach und bei dem ostdeutsche Künstler bösartig angegangen worden sind?

Uecker: Nein, damit habe ich gar nichts zu tun. Die Quellen der Kunst sind außerhalb der Kunst. Ich schätze alles, was der Mensch hervorbringt, außer, dass er andere Menschen bedroht, einengt oder dominiert. Die Freiheit des Individuums steht im Zentrum, um die schöpferische Kraft des Menschen entwickeln zu können. Kunst kann das thematisieren. Das ist eine wechselhafte Reflexion. Wir haben uns nicht von der Dominanz der klerikalen Macht befreit, um jetzt dahin zurück zu fallen.

Wustrow – Heimat und Trauma. Sind die Ereignisse 1945, als sie mit 15 Jahren nach dem Untergang der „Cap Arkona“ Leichen am Strand begraben mussten, als Ausgangspunkt Ihres Werkes zu betrachten?

Uecker: Als Trauma existiert es in mir. Es ist auch inspirierend, dass man sich über die Vergänglichkeit klar wird. Das hat eine biografische Melancholie. Das kann man gern als Ausgangspunkt ansehen. Dieses Trauma, das ist wie mit dem Hasen und dem Igel: „Ick bin all da!“ Das Anzünden von Flüchtlingsunterkünften kehrt ja auch immer wieder. So wie das Anzünden der Synagogen und jüdischen Kaufhäuser damals der Anfang der Zerstörung war. Daher habe ich eine Empfindlichkeit gegenüber der Bedrohung anderer Menschen. In dieser Ausstellung benenne ich die Gerätschaften, die auf der Bedeutung der Verletzung der Menschen von Menschen beruhen. Wenn man sich darin wiederfindet, kann man sie zur Grundlage für ein Zwiegespräch, einen Dialog über die Verletzlichkeit des Menschen sehen. Ich stelle etwas bloß über die Schamgrenze hinaus.

Nagelbilder mit dreidimensionaler Wirkung

Der Maler und Objektkünstler Günther Uecker, geboren am 13. März 1930 in Wendorf, schuf erstmals 1956/1957 die für ihn typischen Nagelbilder: dreidimensionale, weiß bemalte Reliefs aus Nägeln.

Durch die Ausrichtung der Nägel und die Wechselwirkung von Licht und Schatten erhalten die Bilder ihre eigene Dynamik. Später versah Uecker Alltagsgegenstände wie Möbel mit Nagelreliefs.

Der Zyklus „Der geschundene Mensch“ ist noch bis zum 11. September zu sehen. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 8, ermäßigt 6 Euro.

Günther Uecker (86) schuf ihn als Reaktion auf die Übergriffe gegen Ausländer im Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen entstanden.

Im neu eröffneten Museumsanbau in Schwerin werden aktuell Tücher gezeigt, die der Künstler am Ostseestrand gefertigt hat. Die „Wustrower Tücher“ erinnern an seine Jugend zu Ende des Krieges. Damals musste Uecker mit einem Freund angespülte Leichen des untergegangenen Schiffes „Cap Arcona“ vergraben. Er habe dort, wo er sie verscharrt hatte, Tücher auf den Sand gelegt und bemalt.

Sie sollen verärgert gewesen sein, dass die Idee eines Uecker-Museums im Schweriner Marstall nie realisiert werden konnte?

Uecker: Ja, das war mein Wunsch. Ich war in dem Moment einverstanden, als mir der Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern mitteilte, dass dieses neues Gebäude in Schwerin ein Gewinn für das Land ist. Und ich war einverstanden, als ich erfuhr, dass dort ein Gebäude für die Kunst des 20. Jahrhunderts entsteht. Was gelungen ist. Ein Gebäude als Raum für einen Dialog der Kunst des 20. Jahrhunderts.

Arbeiten von Ihnen wie „Elektrischer Garten“ stehen in einem Raum mit Bildern von Wolfgang Mattheuer, Sigmar Polke, Bernhard Heisig und Künstlern aus MV wie Matthias Wegehaupt und Michael Wirkner. Sehr unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt.

Uecker: Es ist eine neue Bilderfahrung, wie die Ausstellung gehängt ist. Dass hat Kurator Gerhard Graulich toll gemacht. Diese Intuition in der Wahrnehmung der Bildvergleiche. Mattheuer zum Beispiel, den ich persönlich sehr gut kannte. Wir sind unterschiedlich, aber jeder drückt sich so aus, wie er kann.

Ärgert es Sie, wenn Sie auf den Nagelkünstler reduziert?

Uecker: Nein, das ist doch gut. Der Mensch ist doch befreit. Die Dinge sollen näher an die Augen treten. Das mit den Nägeln bildet sich als Marke zwar heraus. Aber es ist nicht mein Interesse, das zu interpretieren. Das ist eine Marginalie in der Kunst.

Von Michael Meyer

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