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20:37 16.03.2018
Der Schriftsteller Torsten Schulz in seinem neuen Zuhause in Caputh (Potsdam-Mittelmark). Quelle: ANNETTE HAUSCHILD / OSTKREUZ
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Caputh

Mit dem Roman „Boxhagener Platz“, der auch verfilmt wurde, macht sich Torsten Schulz als Erzähler einen Namen. Auch sein neues Buch „Skandinavisches Viertel“ spielt im Prenzlauer Berg, wo Schulz aufwuchs. Heute lebt er in Caputh (Potsdam-Mittelmark).

Herr Schulz, Ihr Romanheld ist ein Wohnungsmakler. Ist das ein ehrenwerter Beruf?

Torsten Schulz: Es kann ein ehrenwerter Beruf sein. Man sitzt an einem Machthebel und kann, wie es mein Protagonist tut, Gutes bewirken. Ich habe mich manchmal gefragt, was ich getan hätte, wenn ich nicht meinen beruflichen Weg eingeschlagen hätte. Vielleicht wäre ich Makler geworden. Da braucht man eine gewisse Intelligenz und Eloquenz und keine konkrete berufliche Ausbildung. Ich habe bei meinen Recherchen einige Makler mit DDR-Hintergrund kennengelernt, die etwa Marxismus/Leninismus unterrichtet hatten und damit nach 1989 nicht weiter tätig sein konnten. Das Image dieses Berufes ist denkbar schlecht, aber man macht interessante Entdeckungen, wenn man die Menschen hinter der Fassade sieht.

Kennen Sie in der Literatur bereits eine Makler-Figur?

Meines Wissens gibt es keine. Sollte ich erstmals in der deutschsprachigen Literatur einen Makler als Hauptfigur haben, wäre das doch ein Grund mehr, den Roman zu lesen!

Exklusive Lesung im MAZ Media Store

Am 19. März, 19 Uhr, stellt Torsten Schulz seinen neuen Roman exklusiv im MAZ Media Store Potsdam in der Friedrich-Ebert-Straße 85/86 vor.

Moderiert wird die Veranstaltung von MAZ-Redakteur Karim Saab.

MAZ-Abonnenten zahlen für die Lesung 5 Euro Eintritt, für Nichtabonnenten kostet der Abend 7 Euro.

Da die Plätze begrenzt sind, empfiehlt sich eine Anmeldung – telefonisch 0331/97 9303 40. Oder per E-Mail: mediastore@MAZ-online.de

Torsten Schulz: Skandinavisches Viertel. Klett Cotta, 264 Seiten, 20 Euro.

Ihr Held Matthias war vorher freier Journalist. Hätte er nicht rechtzeitig den Beruf gewechselt, würde er heute prekär leben. So geht es ihm materiell recht gut, was ein Glücksfall ist.

Ich mag die ungewöhnlichen Zusammenhänge und Ergebnisse. Eine Geschichte muss nicht wahrscheinlich, sie muss aber möglich sein. Möglich ist es durchaus, dass man durch seine Tätigkeit Menschen kennenlernt, zu denen sich eine tiefergehende Beziehung ergibt. Matthias kommt auf diese Weise recht günstig zu vier Eigentumswohnungen. Er ist in dieser Hinsicht ein Glückskind, während er mit den Frauen nicht so klarkommt. Das gehörte für mich zur poetischen Dialektik der Figur.

Sie erzählen seine Kindheit im Prenzlauer Berg und seine erste unglückliche Begegnung mit einem Mädchen als Jugendlicher. Wollen Sie psychologisch erklären, warum Matthias zu einer Bindung unfähig scheint?

Das schwingt vielleicht im Text mit, aber erklären will ich gar nichts. Solche Deutungen sollen im Kopf des Lesers stattfinden. Natürlich gibt es psychologische Prägungen, mit denen Matthias leben muss. Was seine Familie betrifft, ist er nicht ganz bei sich. Und die Dinge, die ihm widerfahren sind, hat er nicht wirklich aufgearbeitet. Das trägt dazu bei, dass er eine Beziehung mit einer Frau nicht gut führen kann. Das beobachte ich auch bei vielen Menschen, die ich kenne.

Wie verkracht ist die Familie, aus der er stammt?

Durchschnittlich, wenn man’s soziologisch nimmt. Doch für jemanden mit einer ordentlichen Portion Sensibilität ist es mehr als durchschnittlich. Am Anfang steht der Verrat am Onkel, der treibt ihn um. Matthias hat die Neigung, Schuldgefühle zu entwickeln und schleppt diesen Brocken wie Sisyphos durch sein Leben. Er findet auch keine Brücke zu seinem Vater. Er fühlt sich erst frei, als der Vater gestorben ist.

Wie viel Torsten Schulz steckt in der Figur?

Es sind viele Motive und Details aus meinem persönlichen Leben in das Romangebilde eingeflossen, wenngleich das grundsätzlich fiktional und die Figur nicht mein Alter Ego ist. Ich glaube, dass ich selber nicht so verkapselt bin und im Umgang mit Frauen nicht so unglücklich disponiert. Da lief und läuft schon einiges besser. Der Charakter der Figur, so wie ich ihn anvisiert habe, bekommt durch die Geschichte seine Eigendynamik. Aber Mentalität, Humor, der Blick auf die Welt und auch die Art, sich durch bestimmte Zusammenhänge hindurch zu mogeln, haben sicher mit mir zu tun. Das muss ja irgendwo herkommen. Ich beziehe den Stoff zum großen Teil von mir selber.

Gab es bei Ihnen den frühen Tod oder die Demenz eines Elternteils?

Nein. Aber es gab die versoffene Familie. Und meine Eltern, die da rauswollten. Meine Cousins, die mich ins Leben auf der Straße eingeführt haben, sind heute alle schon tot. Sie haben sich schlicht und ergreifend totgesoffen. In dem proletarischen Milieu meiner Herkunft wurde viel gelacht und viel gestritten – Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Beerdigungen waren immer dazu da, Katharsis zu erleben. Vorher hatte man sich beschimpft, in der Trauer fiel man sich wieder in die Arme. Alles mit Galgenhumor garniert. Ein echter Fundus, für den ich heute dankbar bin. Abgesehen von wirklich deklassierten Leuten gibt es diese Verhältnisse heute kaum noch. Aber auch damals schon war ich als Arbeiterkind auf der Erweiterten Oberschule ein Außenseiter. Wenngleich psychisch bestimmt weitaus gesünder als Mitschüler aus verlogenen, opportunistischen DDR-Funktionärs-Elternhäusern.

Matthias streift immer wieder durch das Viertel und verändert für sich die Namen einiger Straßen, sodass schließlich alle Straßen skandinavische Namen haben. Warum?

Das ist sehr kindlich und poetisch, auch eine kleine Allmachtfantasie und Überlebensstrategie. Ich habe zum Beispiel als Kind ein Heft geführt, in das ich jeden Abend Zensuren für meine Eltern, Geschwister und Großeltern reingeschrieben habe. Die brachten zum Ausdruck, wie sie sich am Tag mir gegenüber benommen haben. Dadurch fühlte ich mich besser. Und durch meine Zensuren konnte ich ihnen auch wieder verzeihen, wenn’s nötig war.

Heute ist Matthias fünfzig und arbeitet als Makler im Skandinavischen Viertel in Prenzlauer Berg. Verfolgt er das Ziel, dass die Alteingesessenen wohnen bleiben können?

Es geht ihm nicht darum, den Charakter des Arbeiterbezirkes zu erhalten. Der Zug ist längst abgefahren. Er ist auch nicht auf Klassenverhältnisse fixiert. Er möchte, dass Leute dort leben, die eine Beziehung zu dem Viertel haben. Das können Leute aus dem Westen sein, die gespart haben und einen bestimmten Lebensentwurf mit dieser Gegend verbinden. Er ist kein Ostalgiker, aber ihn frustriert, dass das Geld der große Bestimmer ist. Er versucht, mit seinen begrenzten Mitteln dagegen zu steuern. Auch das ist sein Sisyphoskampf. Und was ihn besonders ärgert – und mich übrigens auch – ist, dass irgendwelche Leute zum Beispiel eine Menge Geld erben und sich dann Wohnungen in bestimmten Bezirken kaufen, weil das gerade Mode ist oder eine gute Kapitalanlage. Was die Gegend bedeutet, interessiert sie gar nicht. Oder die Zweitwohnung in Berlin, die dann weitgehend leer steht, und die Vorbewohner müssen an den Stadtrand ziehen. Das finde ich ungerecht, ohne aber eine ideologische Ebene zu eröffnen. Ich definiere mich nicht als links. Im Übrigen finde ich Eigentum eine positive Sache, weil Eigentum Verantwortungsgefühl ausprägt. Aber Eigentum sollte erschwinglich sein, der Staat sollte dafür sorgen, dass auch Normalverdiener Eigentum bilden können. Da ist vieles schiefgelaufen.

Ihr Makler weiß da Abhilfe zu schaffen?

Ein Makler kann dem Verkäufer vermitteln, dass eine Wohnung gar nicht so begehrt ist. Er kann dem Käufer hingegen vermitteln, dass es unendlich viele Mitbewerber gibt. Das ist schwer zu überprüfen. Das ist das Spiel und die Machtposition, die mein Makler mit seinem moralischen Anliegen ausnutzt. Ihm gelingt es zum Beispiel, den Preis zu drücken, als es ihm darum geht, dass ein ehemaliger Hausbesetzer kaufen kann. Für den Verkäufer ist er in diesem Falle nicht gerade eine verlässliche Person.

Machen Sie Maklern den Vorwurf, dass viele Ecken im Prenzlauer Berg heute luxussaniert sind?

Die Dynamik des Markes ist so stark, dass ein Einzelner so gut wie gar nichts dagegen ausrichten kann. Man kann nur punktuell Dinge tun, die sich gegen den Trend richten. Sicherlich gibt es bei den meisten Maklern den Faktor Sympathie, doch im Großen und Ganzen bestimmt das Geld. Äußerst seltene Ausnahmen bestätigen die Regel. Wie gesagt, Matthias Weber ist ein unwahrscheinlicher, aber möglicher Makler.

Würden Sie heute gern in Prenzlauer Berg leben?

Ein Teil von mir würde gern nach Berlin zurückziehen. Aber lieber nach Moabit zum Beispiel oder Schöneberg. Bötzow-, Wins- und Kollwitzviertel sind mir von der Bevölkerung her zu homogen. Heterogener ist die Bevölkerung im Norden Prenzlauer Bergs. Manchmal, wenn ich in Berlin bin, setz ich mich in den Schönhauser-Allee-Arcaden irgendwo hin und gucke, wer da so alles ein und aus geht. Immer noch abwechslungsreich und pittoresk.

Warum leben Sie heute am Schwielowsee?

Meine Frau, die Schriftstellerin Angelika Klüssendorf, und ich wohnen seit über einem Jahr im beschaulichen Caputh, zwanzig Autominuten von der Filmuniversität Babelsberg entfernt, wo ich arbeite. Das ist weder Stadt noch Land, das ist ein Vorort mit viel Idylle. Wir sind noch nicht so richtig heimisch geworden. Ich bin Stadtmensch. Und Angelika zieht es hinaus aufs Land, wo Felder und Tiere sind. Mal sehen, wie es weitergeht…

Von Karim Saab

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