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Hagemeister: Ein introvertierter Impressionist

Buch „Karl Hagemeister – In Reflexion der Stille“ Hagemeister: Ein introvertierter Impressionist

Introvertiert und bescheiden: Der Werderaner Maler Karl Hagemeister (1848-1933) war ein Impressionist, der seine Motive vor allem in seiner geliebten Heimat rund um den Schwielowsee und an der Havel fand. Die Berliner Kunsthistorikerin Hendrikje Warmt forscht seit zehn Jahren über ihn. Vor Kurzem ist ihre Monografie samt Werkverzeichnis der Gemälde erschienen.

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Mit großer Farbfrische: Karl Hagemeisters Bild „Landschaft bei Ferch am Schwielowsee“, um 1886.

Quelle: Stiftung Stadtmuseum Berlin

Potsdam. Ganz geduckt steht das alte Haus mit der Gedenktafel, in dem Karl Hagemeister (1848 - 1933) aufwuchs und lange Jahre lebte, in der Kirchstraße von Werder (Havel) in Potsdam-Mittelmark . Hier und da bröckelt der Putz. An seinem 80. Geburtstag säumten Gratulanten mit Tulpen den Eingang. In ihrer Mitte der Jubilar mit dicker Joppe und Pudelmütze. Wie man auf einem der Fotos in der vor Kurzem über den Maler erschienenen ersten wissenschaftlichen Publikation „Karl Hagemeister – In Reflexion der Stille“ von Hendrikje Warmt sieht.

Kunsthistorikerin Hendrikje Warmt

Kunsthistorikerin Hendrikje Warmt.

Quelle: Angelika Stürmer

Die Berliner Kunsthistorikerin erzählt von einem Schlüsselerlebnis, von seiner „Landschaft bei Ferch am Schwielowsee“ (um 1886). Gerade im zweiten Semester an der Freien Universität, war sie 1998/99 Praktikantin im Stadtmuseum Berlin. Für eine Ausstellung wurden Gemälde ausgepackt. Da war auch dieses Bild von ihm, mit 117 mal 180,5 Zentimetern ziemlich groß. „Motivpimpeleien“ – wie er es ausdrückte – waren ihm ein Gräuel. „Mich hat’s sofort gepackt. Diese unglaubliche Farbfrische. Ich spürte regelrecht, wie der Wind die Gräser streift auf dieser Wiese mit Sumpfdotterblumen vor einem Birkenwäldchen.“ Sie fragte den Restaurator, wie der Maler heiße. „Der antwortete: Hagemeister. Ein Kauz aus Werder, über den man wenig weiß, aber ein nicht zu unterschätzender Landschaftsmaler seiner Zeit“, entsinnt sie sich. Und sie begann zu recherchieren.

Zwei Pappkisten im Berliner Bröhan-Museum mit Schätzen

Im Bröhan-Museum in Berlin gibt es eine große Hagemeister-Sammlung. Dort stellte man ihr zwei Pappkisten hin. Die eine mit Briefen, Artikeln, die zu seinen Lebzeiten über ihn erschienen, sowie Fragmenten seiner Tagebuchaufzeichnungen. Die andere war mit Schwarzweiß-Werkfotos gefüllt. Nach der Magisterarbeit über Hagemeister wollte sie dann weitermachen. Ergebnis: ihre Dissertation – diese beachtliche Monografie und das Werkverzeichnis seiner Ölgemälde. Wichtig für Museen sowie die Provenienzforschung.

Der Maler

Karl Hagemeister wurde am 12. März 1848 in Werder (Havel) geboren. Seine Eltern waren Obstzüchter. Er war von 1868 bis 1871 Volksschullehrer in Berlin-Pankow und besuchte von 1871 bis 1873 dann die Fürstliche freie Zeichenschule in Weimar. Ab 1872 führten ihn Studienreisen u. a. nach Rügen, Holland, Italien.

Zwischen 1878 und 1892 lebte und arbeitete er in Ferch am Schwielowsee, wo er die Havelländische Malerkolonie mitbegründete. Einen wichtigen Einfluss auf ihn hatte der Maler Carl Schuch, mit dem er zusammen zum Beispiel im nahen Kähnsdorf malte. 1891 zog er nach Wildpark in den Entenfang am Werderschen Damm. Auf der gegenüberliegenden Seite der Havel ist Werder. Er wollte seiner kranken Mutter näher sein und konnte von dort mit seinem kleinen Boot rasch hinüber zu ihr. 1911 zog er wieder in das elterliche Haus nach Werder zurück. Am 5. August 1933 starb der Maler.

Im Jahre 1898 war Hagemeister Gründungsmitglied der Berliner Secession. Von 1899 bis 1913 beteiligte er sich an deren verschiedenen Ausstellungen. 1912 stellte er in der Galerie Heinemann in München und in der Galerie Schulte in Berlin aus. Am 30. Januar 1914 wurde Hagemeister zum Königlich Preußischen Professor und am 2. Februar 1923 zum Ordentlichen Mitglied der Preußischen Akademie der Künste Berlin ernannt.

Hendrikje Warmt: Karl Hagemeister – In Reflexion der Stille. Monographie und Werkverzeichnis der Gemälde“, be.bra wissenschaft verlag, 528 Seiten, 48 Euro. Siehe auch: www.hagemeister-werkverzeichnis.de

„Er war ein Freilichtmaler,“ sagt Hendrikje Warmt, „Sohn eines Obstzüchters, bewandert in Pflanzenkunde. Als Kind ging er mit dem Vater zum Fischfang und zur Jagd.“ Als Mitbegründer der Berliner Secession 1898, der Künstler angehörten, die eine impressionistische Auffassung vertraten, malte er in der Natur. Frühmorgens zog er los. Winters mit dem Schlitten. Ein Werderscher Obstkorb drauf, gefüllt mit Malutensilien. Sommers fuhr er mit seinem Kahn, gelangte ins Dickicht der Uferzonen. Das sieht man auch bei seiner „Teichlandschaft mit auffliegender Stockente“ (um 1889). Äste, Blattwerk spiegeln sich im Wasser. Reflexion der Stille. Ein Gemälde ließ er in einem Zug entstehen. Zuweilen in 20 Minuten. Hagemeister notierte: „Ein Bild ist fertig, wenn der Maler sich seelisch ausgedrückt hat.“

Karl Hagemeisters „Herbstliches Fließ“, Pastell auf Leinwand, um 1900

Karl Hagemeisters „Herbstliches Fließ“, Pastell auf Leinwand, um 1900.

Quelle: Privatbesitz

Hendrikje Warmt sagt: „Er stellte sich zum Beispiel in Ferch auf die grüne Wiese und schaute sich um. Nahm die Himmelsfarbe wahr, die Wetterstimmung und sog dieses Naturgebilde eine Viertelstunde in sich auf. Dann fing er an. Er hat großflächig gemalt, tupfenartig mit dem Pinsel aufgesetzt, so dass die Bildfläche einen gewissen Rhythmus bekam, genau wie die Natur schwingt.“ Auch seine Handballen oder Hasenpfoten nahm er zur Hilfe. „Seine Bilder sind heute noch modern“, sagt Warmt. „Auch aufgrund des Wechselspiels zwischen dünn- und dickflüssigem Farbauftrag sind sie so lebendig.“ Hagemeisters Malweise hatte sich geändert, als er von Studienreisen, u. a. nach Holland, zurückkam. „Ich erkannte, dass nicht die Tonigkeit die Hauptsache für die Bilder sei, sondern das Licht, das ewig wechselt.“

Anspruchslos gekleidet wie ein Kossäte

Kunstkritiker Karl Scheffler verfasste 1910 einen Aufsatz über ihn in der Zeitschrift „Kunst und Künstler“. Er schrieb: „ Wir hatten nur gehört, er lebe unter den Werderschen Obstbauern wie einer ihresgleichen und er kleide sich anspruchslos wie ein Kossäte. Als jenseits des Wildparks ein kleiner Mann auf uns zukam, das Gesicht von einer Bartwildnis umrahmt, die Haut gegerbt von Sonne und Wind, ohne Kragen, bekleidet mit einem dunklen Wollhemd und einem verbrauchten fleckigen Dorfanzug, sagten wir aus einem Munde: ,Das kann er nicht sein!’ Er war es dennoch.“ Hendrikje Warmt sagt, Hagemeister hätte erwähnt, dass er Anerkennung bei den Leuten in Werder erst fand, als er zum Professor ernannt worden war. Bescheiden und introvertiert sei er gewesen. „Glücklich mit seinem einfachen Leben in der Natur.“ Wenn auch das Geld lange knapp war.

Hendrikje Warmt erzählt noch, was ihr ein betagter Bäckermeister aus Werder berichtete. „Bei dessen Vater hatte Hagemeister oft in der Backstube mit seiner Kunst bezahlt. Ein Bild gab er für drei Monate Brot.“

Von Angelika Stürmer

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