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Kultur Handys in Konzerten: Spaß oder Zumutung?
Nachrichten Kultur Handys in Konzerten: Spaß oder Zumutung?
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00:21 10.02.2018
Das Handy schaut auf die Konzerte, als mache es die Show noch schöner und das Glück noch wahrer Quelle: DPA
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Potsdam

Pop ist kein Salonstück, sind wir uns da einig? Auf die Konzerte geht man nicht im Abendkleid, man kreischt ein angetrunkenes „Yeah“, auch wenn man sonst aufs Leben differenzierter schaut. Natürlich wissen wir, dass so ein zügelloser Ur-Laut nicht ins Streichquartett von Schubert passt. Für Schubert ist ein anständig gestimmtes „Bravo“ vorgesehen. Präzise zwei Sekunden nach dem letzten Ton.

Pop kennt keine Benimmregeln

Popkonzerte sind sittenwidrig, das Bier kostet fünf Euro, der Eintritt oft das halbe Kindergeld (und für ein Paar eben das ganze). Die Leute auf der Bühne haben Löcher in der Hose, manche tragen Make-Up, für das man seine Tochter mal zur Unterredung in die Küche bitten würde. Das alles ist in Ordnung, weil Pop keine Benimmregeln an seine Türen hängt. Pop ist organisierte Untugend, die nach dem Motto lebt: Tu nicht so erwachsen! Es gibt nur diese eine Fußnote im Kleingedruckten, die uns aufruft, keinen Nebenmann, keine Nebenfrau zu stören oder zu belästigen.

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Der Mensch soll, um es kurz zu machen, auf Konzerten nicht erzogen werden. Er hat das Recht, ein Kind und ein Primat zu sein, dieses zwei Stunden währende Privileg ist teuer bezahlt. Warum fordern trotzdem immer mehr Künstler, jetzt gerade der Gitarrenheld Jack White, früher bei den White Stripes, die Handys auf Konzerten zu verbieten?

„Ich stehe wirklich leibhaftig hier“

Auch Adele will keine Handys. Adele, die wir neulich auf dem Konzert für cool gehalten haben, als sie mit rauer Stimme versaute Witze erzählt hat. Anderswo gibt sie offenbar die Gouvernante. „Könnten Sie bitte aufhören, mich zu filmen? Ich stehe wirklich leibhaftig hier“, sprach sie 2016 während eines Auftritts in Verona zwischen zwei Songs ins Mikrofon, an eine Frau im Publikum gewandt. „Das ist nämlich keine DVD, das ist ein richtiges Konzert. Ich wünsche mir, dass Sie meine Show genießen, denn draußen stehen eine Menge Leute, die das auch gerne würden, aber keine Karte mehr bekommen haben.“ Fühlt man sich nicht herrlich ausgeschimpft, so wie früher im Kindergarten, als man dem Jungen sein Würstchen klaute, weil er einen mit Legosteinen beworfen hatte?

Die Künstler haben Handys untersagt

Der Rockmusiker Jack White, früher Sänger bei den White Stripes, spricht sich aktuell für ein Verbot von Handys auf Konzerten aus. Bela B., Schlagzeuger der Ärzte, hat ihn unterstützt.

Schon Guns N’Roses und Alicia Keys haben je auf ihren Konzerte vor zwei Jahren Handys untersagt.

Das Start-Up Yondr bietet Taschen an, die Handys während der Konzerte versiegeln können, für die Zeit des Auftritts also unbenutzbar machen.

Am Ende ist es eine hochnäsige, bürgerlich-bornierte Attitüde, sich die Handys zu verbitten, weil darin die Botschaft liegt: Leute, ich mache hohe Kunst, ihr entwertet sie mit euren doofen Telefonen – ich möchte euch andächtig sehen, eure Augen sollen glänzen, ihr sollt mich würdigen, macht euch gerne Notizen in euren Blöcken, um das Konzert nachher zu diskutieren.

Show-Clips befeuern Hysterie auf Facebook

Ja, Handys auf Konzerten können stören, doch dort stört auch Achselschweiß, ein überlaufender Bierbecher und Menschen, die größer als zwei Meter sind und durch die Sichtachse tanzen. Popkonzerte sind eine Zumutung. Eine der schönsten, die wir haben.

Mit einem abschätzigen Lächeln wird das Handy auf Konzerten abgetan: „Die Filme guckt sich hinterher sowieso keiner an. Und die Qualität ist schlecht.“ Stimmt, trotzdem sind Menschen, die auf Konzerten keine Fotos machen, nicht die sensibleren Besucher. Wer glaubt an das Märchen, dass Menschen, die einen Song filmen, vom ihm nichts mitkriegen?

Es gibt Ausnahmen, da verbaut das Handy buchstäblich die Bühne. Bei Justin Bieber, dem Teeniestar, ist das der Fall. Vor lauter Telefonen sieht man dort die Show nicht mehr. Doch Bieber lebt exakt von dieser Hysterie auf Facebook, wo all die Fotos und die Filme landen, die bei seinen Gigs entstehen.

Persönliche Momente trägt man im Herzen

Warum lieben wir Woodstock, obwohl wir nicht dort gewesen sind? Weil der Film uns fasziniert. Pop lebt immer von Bildern, in Zeiten der Videoclips ist das noch offensichtlicher. Warum soll man nicht den eigenen kleinen Clip drehen, wenn man auf Konzerten ist, solange man dem Nachbarn nicht das Handy vor die Nase hält? Diese kleinen, trashigen Filme könnten auch für jene etwas transportieren, die keine 80 Euro für den Auftritt von Adele bezahlen können.

Ein Handyverbot auf Konzerten abzulehnen, bedeutet nicht, dass man die Handys überall und jederzeit willkommen heißt. Wenn sich Freunde auf dem Standesamt das Ja-Wort geben, wenn die Tochter unterm Weinnachtsbaum „Oh du Fröhliche“ auf der Flöte spielt und der Sohn dem Vater zum 80. Geburtstag eine Rede hält, sollte jeder , der Taktgefühl und so etwas wie Menschliebe hat, das Handy ausschalten. Es sind einmalige Momente, persönlich und intim. Die trägt man im Herzen, nicht auf der Speicherkarte.

Ein Popkonzert aber wird jeden Abend vor anderem Publikum gegeben, in gleicher Reihenfolge. Man erkauft sich den Eintritt, es ist eine kommerzielle Veranstaltung, kein persönliches Fest.

Klar ist: In Adeles Wohnzimmer würden wir das Handy umgehend ausschalten.

Von Lars Grote

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