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Hanna Delf von Wolzogen übergibt Leitung an Peer Trilcke

Fontane-Archiv Hanna Delf von Wolzogen übergibt Leitung an Peer Trilcke

Mit einer unkritischen, glorifizierenden und vereinnahmenden Dichterfürst-Verehrung ist es ein für alle Male vorbei. Das hofft Hanna Delf von Wolzogen, die nach 21 Jahren die Leitung des Theodoer-Fontane-Archivs an ihren Nachfolger Peer Trilcke abgibt. Welche Aufgaben muss er stemmen?

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Hanna Delf von Wolzogen und ihr Nachfolger Peer Trilcke.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. In der Stadt kennt er sich schon aus. Seit einem Jahr lehrt Peer Trilcke an der Universität Potsdam als Juniorprofessur für deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts. Wie sich aber die Tür der Villa Quandt mit Hilfe einer Fernbedienung öffnen lässt, das müssen ihm die sechs Mitarbeiter des Fontane-Archivs noch beibringen.

Der Jungakademiker mit dem gepflegten Vollbart sitzt an einem großen Tisch, zwei Stockwerke über dem Nachlass des großen deutschen Schriftstellers. Allein mehrere tausend Blatt Originalhandschriften liegen im klimatisierten Keller. Ein sanfter Klingel-Dreiklang verweist auf die satte Ruhe, die in Potsdams großbürgerlicher Wohngegend am frühen Abend herrscht. Der 36-Jährige spurtet die Treppe runter, um seine Vorgängerin, Hanna Delf von Wolzogen, ins Haus zu lassen. Die 66-Jährige wird am heutigen Mittwoch in einer Feierstunde von Kulturministerin Martina Münch (SPD) nach 21 Jahren Leitungstätigkeit verabschiedet.

„Das Fontane-Archiv gewann unter ihrer Leitung nachhaltig an wissenschaftlichem Renommee“, schreibt die Universität, der die Einrichtung 2014 unterstellt wurde. „Als ich 1996 mein Amt antrat, schlug mir noch der Geist des 19. Jahrhunderts entgegen“, meint die Literaturwissenschaftlerin, der man die Anstrengungen ihres Arbeitsleben wahrlich nicht ansieht. „Der offizielle Briefkopf zeigte damals einen schnurrbärtigen Fontane und auch die Fontane-Blätter unterzog ich erst einmal einer gründlichen Layout-Reform.“ Mit „19. Jahrhundert“ meint sie eine unkritische, glorifizierende und vereinnahmende Dichterfürst-Verehrung, wie sie vor allem in den beiden deutschen Diktaturen im 20. Jahrhundert praktiziert wurde.

Hanna Delf von Wolzogen machte sich auf insgesamt sechs Potsdamer Tagungen für eine Forschung stark, die den Lebenskontext Fontanes beim Studium seiner Texte einbezog. „Fontane war Dichter, Journalist, Briefe-, Tagebuch- und Notizenschreiber und zuletzt Romancier. Alle seine Texte hatten eine Funktion. Für Fontane war es wesentlich, dass er von unfertigen Stoffen umgeben war. Vieles blieb auch fragmentarisch.“ Auch Tabus, wie antisemitische Töne in Fontanes Werk, wurden von ihr eingehend untersucht. Mit Stolz kann sie darauf verweisen, dass das Archiv unter ihrer Regie wichtige Autografen und große Briefsammlungen erwerben konnte.

Peer Trilcke hat gerade einen Kurs im Arbeitsrecht absolviert. Er weiß, dass er künftig neben seiner Lehrtätigkeit und den Verwaltungs- und Repräsentationspflichten für das Fontane-Archiv kaum noch Zeit für die Forschung haben wird. Aber er freut sich ungemein auf die großen Aufgaben. Das Fontane-Jahr anlässlich des 200. Geburtstages 2019 soll gebührend gefeiert werden. Und das Werk Fontanes muss angemessen ins digitale Zeitalter hinübergebeamt werden und in frei zugänglichen Datenbanken angemessen präsentiert werden.

Mit der Digitalisierung wurde 2002 begonnen. „Wir waren sogar ein Pilotprojekt. Doch damals gab es noch nicht die Möglichkeiten von heute, es fehlten die Metadaten“, gibt Hanna Delf von Wolzogen ihrem Nachfolger mit auf den Weg. Der weiß natürlich, dass es um viel mehr geht als nur darum, Dokumente aufs Fontane-Portal hochzuladen: „Wir müssen uns fragen, was macht die Digitalität mit unseren Dokumenten. Wir brauchen die Faksimile genauso wie den Volltext, der die Suchfunktionen ermöglicht. Ungeahnte Verknüpfungen lassen sich herstellen, viele Kommentare einarbeiten. Unsere Hauptaufgabe ist es, die Quellen zitierfähig zu halten. Denn wir wissen auch, wie schnell sich Handschriften auf digitalem Wege manipulieren lassen.“

Demnächst soll erst einmal der Katalog des Fontane-Archivs online gehen, also eine Übersicht über alle Dokumente, die in der Villa Quandt liegen und in der Bibliothek eingesehen werden können. Das nächste Ziel ist dann eine Gesamtedition aller Brieftexte. Einige Tausend der vermutlich etwa 7000 Fontane-Briefen wurden zwar bereits in einzelnen Printausgaben veröffentlicht, ein Gesamtbild des Briefschreibers Fontane fehlt aber noch. „Es gibt viel zu tun. Unsere Personalausstattung ist noch an den analogen Gegebenheiten orientiert. Ein digitaler Datenbestand muss aber in hohem Maße gepflegt werden und zieht auch viele Service-Aufgaben nach sich“, so Trilcke.

Es sieht nach einem reibungslosen Übergang aus. Doch dann kommt dem Nachfolger ein Wort über die Lippen, das seine Vorgängerin nicht unwidersprochen stehen lassen möchte. Trilcke spricht von einer „Kulturerbe-Einrichtung“. „Ich habe nicht von einem kulturellen Erbe gesprochen“, sagt sie, „das war ein Begriff der SED-Kulturpolitik. Ich spreche lieber vom Gedächtnis, also von einer Gedächtnisinstitution.“

Der Neue

Peer Trilcke , der in Potsdam einen Lehrstuhl für die Literatur des 19. Jahrhunderts inne hat, kennt sich bestens aus in der deutschen Gegenwartsliteratur. Er promovierte über das Werk des avantgardistischen Sprachpoeten Thomas Kling (1957-2005) und gab 2016 einen „Text+Kritik“-Band über die Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe heraus.

Neben seiner akademischen Karriere war er auch als Literaturkritiker tätig. Er rezensierte vor allem Lyrikbände. 2010 war er Mitgründer von „Litlog“, einem eMagazin für Literatur an der Universität Göttingen.

Er moderierte bereits bei Veranstaltungen Autoren wie Feridun Zaimoglu und Marcel Beyer sowie Literaturkritiker wie Ina Hartwig, Helmut Böttiger und Ijoma Mangold.

Von Karim Saab

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