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Hannes Wader gibt Abschiedskonzert in Berlin

Bloß kein Pathos Hannes Wader gibt Abschiedskonzert in Berlin

Hannes Wader verzichtet beim letzten Konzert seiner Abschiedstour im Berliner Tempodrom weitgehend auf eine große Show. Ein Konzert, das so einiges über den gefeierten Liedermacher aussagt.

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Der Musiker und Liedermacher Hannes Wader.

Quelle: dpa (Archiv)

Berlin. Wer immer ihn dabei erwischt, ein Bad in der Menge zu nehmen, solle ihn erschießen – das hat Hannes Wader mal gesagt. Ob er dabei auch bedacht hat, sich einmal unter lautem Jubel ganz von der Bühne zu verabschieden? Nach rund zweieinhalb Stunden im ausverkauften Berliner Tempodrom applaudieren Fans und Weggefährten im Stehen, ein paar zieht es zum Bühnenrand. Hannes Wader hätte es verdient, sich minutenlang feiern zu lassen und dann mit noch einer und noch einer Zugabe noch einen und noch einen Vergötterungsjubel zu entfachen. Will er aber nicht. Der Sänger greift sich einen Blumenstrauß und tritt schnellen Schrittes von der Bühne ab.

Waders Abgang beim allerletzten Abschiedskonzert sagt einiges über seine rund 50 Jahre lange Karriere aus. Er hat sich stets als der Junge aus der Unterschicht verstanden. Frei nach dem Philosophen Pierre Bourdieu: Man kann seiner Klasse nicht entkommen, man kann sie nur verraten. Der Ostwestfale ist kein Chansonnier oder Popstar, sondern ein Liedermacher – so wie Schuhmacher, Glasmacher, Büchsenmacher. Nie hat er die Unlust aufs Rampenlicht so ganz verdrängen können. In den 70er-Jahren überforderten ihn die Prominenz und der plötzliche Reichtum. Der Marxismus sollte den hochgejubelten Songschreiber erden, er wurde Mitglied in der DKP, sang vor streikenden Gewerkschaftlern Arbeiterlieder und trat in der DDR beim Festival des politischen Liedes auf. Angebliche Kontakte zur RAF bescherten ihm Ermittlungsverfahren, die später fallengelassen wurden, und Vorverurteilungen in den Medien. Die Karriere knickte, doch Wader hielt durch. Er lebte in einer Windmühle in Nordfriesland, nahm Platten auf, die den wenigen Käufern umso mehr bedeuteten. Eine neue Ära begann, Wader sang Volkslieder, einige davon auf Plattdeutsch. Der Liedermacher erspielte sich nach vorübergehender Erfolgslosigkeit wieder ein Publikum. Vor ein paar Jahren erhielt der meilenweit vom Mainstream entfernte Anti-Star sogar einen „Echo“ für das Lebenswerk. Sein Auftritt wirkte so unpassend wie eine Teilnahme am Dschungel-Camp.

Am Donnerstagabend vor seinen 3000 Abschiedsgästen ist er dagegen ganz bei sich. Textständer, Klampfe, ein Glas Wasser – mehr braucht ein Wader nicht. Er spielt eine melancholisch gedämpfte Version des von KZ-Häftlingen erschaffenen Liedes von den „Moorsoldaten“ und erinnert mit dem „Bürgerlied“ an die Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert. Bissige Beobachtungen aus jüngerer Zeit unterbrechen den gesungenen Geschichtsunterricht. In „Ankes Bioladen“ nimmt er allzu verkrampftes Vegetariertum auf die Schippe: „Anke lächelt schmerzlich wie ein welkender Salat, der die Nichtigkeit des Seins am eignen Leib erfahren hat.“ Er spielt auch „Kokain“, eine Satire im Song-Format. Der Text veräppelt die ständigen Polizei-Kontrollen, in die Wader ohne allzu viel eigenes Zutun immer wieder geriet. „Ich kam von Frankfurt nach Berlin / Drei Koffer voll mit Kokain / Cocaine, all around my brain!“ Wader schafft es, dem Bierernst gesellschaftskritischer Lieder Humor einzuhauchen. Lyrisch lustig karikiert er das Verhalten liebessuchender Männer auf der Reeperbahn und beschreibt die Atmosphäre im Bordell: „Das Zimmer riecht nach Fichtennadelspray und es ist schwül / Auf dem Bett ein Leopardenfell fast echt nur aus Acryl.“

Der Sound ist trotz der Größe des Saals so handgemacht wie Kartoffelbrei mit Stücken drin. Waders Finger quietschen über den Gitarrenhals, seine im hüftsteifen Stehen erhobene Stimme klingt sonor wie eh und je. Er singt „Heute hier, morgen dort“, viele andere Hits spart er sich. Stattdessen stimmt er fremdgeschriebene Hymen an, etwa „Bella Ciao“, das Lied der italienischen Partisanen. Ganz zum Schluss vorm unsentimentalen Abgang singt der 75-Jährige die an sich so sentimentale Friedenshymne „Sag mir, wo die Blumen sind“.

Dann geht das Saallicht an, jetzt bloß kein Pathos oder gar Kitsch. Die Fans ersparen dem Meister lästige „Zugaben“-Rufe und verlassen prompt ihre Plätze. Das war’s also, nun hat sich Hannes Wader vom Tour-Alltag befreit. Und wenn’s im Ruhestand mal öde wird, kann sich Wader mit den eigenen Texten übers Altwerden trösten, zum Beispiel dem hier: „Schön ist die Jugend, so sorglos und frei / Gott sei Dank ist sie endlich vorbei.“

Von Maurice Wojach

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