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Hanns-Josef Ortheil liebt Champagner und Wasser

Literatur Hanns-Josef Ortheil liebt Champagner und Wasser

Beim Literaturfestival LIT:potsdam könnte der deutsche Romancier Hanns-Josef Ortheil auch italienisch parlieren.Was hat ihn mehr geprägt? Seine Vorliebe für die romanischen Länder? Oder sein Interesse für die deutschen Regionen? Ein Gespräch.

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Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil.

Quelle: dpa

Potsdam. Hanns-Josef Ortheil ist 2017 „Writer in Residence“ in Potsdam. Der Schriftsteller wohnt ab diesem Donnerstag für eine Woche in der Stadt und stellt sich in drei Veranstaltungen vor.

Herr Ortheil, Brandenburg liegt außerhalb des weströmischen Reiches, in dem Sie sich kulturell verorten. In Ihrem aktuellen Bekenntnisbuch „Was ich liebe und was nicht“ fehlt Potsdam in der Liste jener Orte, die Sie noch einmal besuchen wollen. Wie viel Champagner, „gute Speisen und noch besseren Wein“ hat man Ihnen versprochen, dass Sie hier Writer in Residence werden?

Hanns-Josef Ortheil: Für mich ist das eine schöne Gelegenheit, bereits Bekanntes neu zu sehen. Wenn ich früher länger in Berlin war, bin ich oft ins Umland gefahren, schon zu DDR-Zeiten. Im Laufe der Jahrzehnte habe ich mir den Raum bis zur Küste hoch erschlossen. Das geht bei mir immer recht langsam, weil ich lange an einzelnen Orten bleibe.

Wie werden Sie von Stuttgart anreisen?

Mit dem Zug. Ich mag das Zugfahren, da habe ich Zeit für Lektüren. In Potsdam werde ich eine ganze Woche privat wohnen, zum Glück handelt es sich nicht nur um eine Einzellesung. Ich werde mit dort lebenden Bekannten einiges unternehmen und viel Neues über die Gegend erfahren.

Planen Sie auch eine kleine Flucht nach Berlin ein?

Nur kurz. Berlin und Potsdam sind für mich völlig verschiedene Welten. Potsdam steht für die preußische Urgeschichte, die im vielfältigen Berlin nicht so eindeutig präsent ist. Außerdem habe ich ein ungutes Berlin-Gefühl, das hat mit der Geschichte meiner Familie zu tun. Meine Eltern haben 1939 bis 1945 in Berlin den Krieg erlebt. Mit meinem Vater bin ich danach in den sechziger Jahren noch einmal nach Berlin gefahren, um diese Kriegsjahre zu rekonstruieren. Das habe ich in meinem Buch „Die Berlinreise“ dokumentiert. Für meine Mutter war Berlin traumatisch besetzt.

Ihre vier älteren Brüder sind alle gestorben, bevor Sie 1951 als Nachzügler auf die Welt kamen.

Der erste Bruder ist bei einem Luftangriff in Berlin ums Leben gekommen. Danach ist meine Mutter aufs Land weit in den Westen geflohen. Doch es half alles nichts. Mein zweiter Bruder ist 1945 beim Einmarsch der Amerikaner ums Leben gekommen, und zwei weitere Brüder sind in den Nachkriegsjahren gestorben.

Sie lieben es wegzudriften und plädieren eher für Hedonismus als für preußisches Pflichtbewusstsein. In Potsdam gibt es viele lauschige Parks mit verführerischen Abwegen. Besteht die Gefahr, dass Sie sich einfach krank melden?

Nein, bestimmt nicht. Ich habe noch nie eine Veranstaltung ausfallen lassen, und mein angeblicher Hedonismus ist höchstens eine Spielart immenser Arbeit, mit deren Hilfe ich mir einige Freiheiten vorgaukle.

Welcher historische Abschnitt der Potsdamer Geschichte ist Ihnen am nächsten?

Ich komme von der Musik. Mozart hat eine Berlin-Reise unternommen, er war auch in Potsdam und hat dort Stücke für den Hof komponiert. Über diesen Aufenthalt habe ich in meinen beiden Mozart-Büchern geschrieben. Mich interessierte immer, welche Rolle die Kultur an einem Hof spielt. Das späte 18. Jahrhunderts ist mir am nächsten. Meine historischen Romane spielen auch zwischen 1786 und 89, also vor den großen europäischen Veränderungen.

Ihr Roman „Der Typ ist da“, der im August erscheint, schlägt einen Bogen zwischen Venedig und Köln. In Potsdam werden Sie vielleicht auf Donna Leon treffen, die für ihre Venedig-Krimis berühmt ist. Worüber würden Sie mit ihr reden?

Ich würde gerne darüber sprechen, wie sie die Venezianer im Alltag erlebt. Ich kenne Venedig seit Anfang der 1970er Jahre, und es verblüfft mich noch immer, an welch archaischen Lebensformen gerade auch die jungen Venezianer festhalten.

Vielleicht werden Sie sogar Italienisch parlieren?

Donna Leon spricht, glaube ich, nicht sehr gern Italienisch. Aber wir werden sehen.

Sie gelten als Vertreter der gehobenen Gegenwartsliteratur. Ist Ihnen eine Krimiautorin nicht suspekt, die schon 26 Bücher mit den gleichen Hauptfiguren geschrieben hat?

Im Gegenteil, ich habe davor großen Respekt. Donna Leon ist eine serielle Schriftstellerin und in ihrem Genre so manisch wie andere Autorinnen in dem, was Sie „gehoben“ nennen. Unterschiedliche Genres sind für unterschiedliche Leseinteressen, und wo kämen wir hin, wenn wir uns als Leser immer nur in einem Genre bewegten.

In Ihrem Buch „Was ich liebe und was nicht“ kommen viele snobistische Probleme zur Sprache. Sie erklären Ihre Vorliebe für Champagner, Ihre Aversion gegen Wassertrinken im Restaurant, gegen laute Bisse in knackige Äpfel und Ihren Hass auf Frühstücksbüfetts. Wie weit haben Sie sich von dem Jungen entfernt, der erst mit sieben Jahren sprechen lernte?

Ich habe mich von diesem Jungen nie entfernt, keinen Millimeter. Ich lebe sehr asketisch und zurückgezogen, ich schreibe und veröffentliche viel und bin stark an mein Zimmer und meine Arbeit gebunden. Außerdem unterrichte ich auch noch. Wenn ich in den Büchern hedonistische Motive ins Spiel bringe, ist das eine Art Gegenwelt, die sich vom Schreiben löst. Ich bin derart fokussiert auf die Arbeit, dass ein Schluck Champagner die Welt nicht wesentlich verschiebt.

Sind Sie jemand, der sich gerne belohnt?

Manchmal möchte ich wenigstens einmal für zwei Stunden nicht an das Schreiben denken. Aber wenn ich schon mal Champagner oder ein Glas Wein trinke, erlebe ich, wie die neuen Ideen erst recht nur so sprudeln.

Aus Gedichten, die Sie als zehnjähriger Junge geschrieben haben, spricht eine ungeheure Klarheit. Wünschten Sie sich nicht manchmal diesen puristischen Blick zurück?

Ich beobachte und empfinde heute noch genau so. Mich treiben keine Ideen oder Programme. Ich versuche, alles, was mich umgibt, in seiner einzigartigen Besonderheit zu erfassen. Das verläuft fast zwanghaft, wie ein Versuch, den Menschen und Dingen besonders nahe zu sein.

Aber „Roomservice im Hotel“ oder eben Champagner – sind das nicht Motive, die auf normale Leser schnell abgehoben wirken?

Den Roomservice habe ich nur einmal in Anspruch genommen, als ich in Köln das alte Domhotel wegen eines Staatsbesuchs nicht verlassen durfte und darauf angewiesen war. Im Übrigen spricht nichts gegen einen Roomservice, manche Menschen benötigen Hilfe in Situationen, die andere eben allein meistern.

Trump und Erdogan, Brexit, Terrorismus und Klimawandel – Gehören Sie zu denen, die politisch beunruhigt sind?

Ja, ich bin sehr beunruhigt und habe keine Idee, wie all diese vielen quer laufenden Dinge zu bewältigen sind. Wenn ich nur daran denke, dass ich früher viel ruhiger reisen konnte als heute. Ich meine gar nicht mal die Angst vor Anschlägen, sondern den Verlust an Freizügigkeit und die vielen widerstreitenden Interessen, denen man auch im Alltag begegnet. Die Probleme erscheinen mir viel weitreichender, ungelöster und komplizierter als früher.

Sollte Deutschland mehr an sich denken?

Nein, das wäre gefährlich. Ich selbst habe eine ganz starke Bindung an Frankreich. Im Herbst veröffentliche ich ein Buch mit dem Titel „Paris, links der Seine“. Ich erzähle darin vom fünften und sechsten Arrondissement, dem alten Herz dieser Stadt, einer Urzelle der europäischen Kultur. Ich habe auch lange in Italien gelebt. Die Prägung durch andere Länder ist bei mir mindestens genau so stark wie die durch deutsche Regionen.

Können Sie den aktuellen politischen Umbruch in Frankreich verstehen?

Bei jedem Paris-Besuch habe ich immer die Klagen über die Erstarrung und Unbeweglichkeit der alten Herrschaftseliten in Frankreich vernommen. Als ich hörte, dass mit Macron eine junge Figur außerhalb der großen Parteien antritt, ahnte ich, dass er das Rennen macht.

Herr Ortheil, in Ihrem Buch steht auch, dass Sie nicht gern telefonieren. Brauchen Sie jetzt wirklich, ich zitiere: „mindestens drei Gläser Wein, um mich von dem Gespräch wieder gründlich zu befreien und alles zu vergessen“?

Ich glaube, Sie nehmen die satirisch-selbstironischen Passagen in meinen Büchern zu wörtlich. Ich trinke gerne mit Ihnen in Potsdam ein Glas Wasser – und dann beißt jeder von uns herzhaft in einen knackigen Jonagold-Apfel. Sie werden staunen: Ich kann auch das sehr genießen…

Interview: Karim Saab

Von Karim Saab

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