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Happy Birthday: 70 Jahre Aufbau Verlag

“Es wird nicht weniger gelesen“ Happy Birthday: 70 Jahre Aufbau Verlag

Einst war Aufbau das Flaggschiff der DDR-Kulturpolitik. Heute ist der Verlag im Besitz des umtriebigen Unternehmers Matthias Koch, der in Berlin-Kreuzberg das Aufbau-Haus errichtete. Mit welchen Büchern will man im digitalen Zeitalter bestehen? Der Leiter des Aufbau Verlags Gunnar Cynybulk hat mit der MAZ gesprochen über das Haus gesprochen.

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Gunnar Cynybulk

Quelle: Kat Kaufmann

Berlin. Der Aufbau Verlag darf jubilieren. 70 Jahre alt wird das traditionsreiche Haus. Verlagsleiter Gunnar Cynybulk ist ungleich jünger. Im Interview spricht der 45-Jährige über eBooks, literarische Avantgarde und Bestsellerpunkte.

MAZ: „Zum Verlegen von Büchern gehört eine gewisse Besessenheit“, hat Stephan Hermlin zum 40. Geburtstag des Aufbau Verlags gesagt. Muss ein Verlagsleiter heute eher kühl kalkulierender Geschäftsmann sein?

Gunnar Cynybulk: Nein, das ist gültig und modern, und das wird nie anders sein, hoffe ich. Auf die Zahlen musste man zwar immer schon schauen, heutzutage vielleicht umso genauer, weil die Buchverkäufe insgesamt rückläufig sind, weil wir eine große Transformation feststellen hin zum Digitalen.

Welchen Anteil haben eBooks bei Ihnen?

Gunnar Cynybulk: Wir sehen, dass Umsatzanteile vom Taschenbuch ins eBook gewandert sind. Wir machen 15 Prozent unseres Gesamtumsatzes mit eBooks, sie sind also ein wichtiger Umsatzgarant. 1000 haben wir im Programm. Das ist sehr wichtig für einen Verlag wie uns mit großem Rechte-Fundus und Stärken im Unterhaltungsbereich, wofür Reinhard Rohn, mein Co-Verlagsleiter, verantwortlich ist. Im Herbst wird ein neuer Leiter des Digitalbereiches seine Arbeit aufnehmen, er wird sich noch mehr um die Verwertung unserer Inhalte auf digitalen Plattformen, in digitalen Formaten kümmern.

Bis 1989 stand der Verlagsleiter, zuletzt Elmar Faber, auch unter politischem Druck. Welche Zwänge dominieren heute?

Gunnar Cynybulk: Es ist nicht so, dass Bücher heutzutage leicht ihren Weg machen können. Unsere literarische Öffentlichkeit hat sich tiefgreifend verändert. Wir haben Medienkonkurrenz bekommen, und da reden wir nicht nur vom Fernsehen. Es wird gegenwärtig überhaupt nicht weniger gelesen als früher. Alle lesen. Aber oft auf Bildschirmen. Unsere Aufgabe ist es, diese Lesebereitschaft auf den Bereich Buch oder eBook zu lenken, oder sagen wir mal grundsätzlicher: auf literarische und gute Sach-Inhalte.

Drängt das wachsende Segment der Sachbücher Literarisches an den Rand?

Gunnar Cynybulk: Nein. Zu Aufbau gehört ja auch der Blumenbar Verlag, dazu gehört unser Unterhaltungsverlag Ruetten & Loening und unser Taschenbuch Verlag. Wir versuchen, über diese Imprints alle Segmente abzubilden und stark in allen fiktionalen und nicht-fiktionalen Bereichen zu sein.

Elmar Faber hat 1988 „Aufbau – Außer der Reihe“ gegründet für eher avantgardistische Literatur. Damit war es vorbei, als sich 1989 der Buchmarkt geöffnet hat, kein Interesse mehr bestand. Kümmern Sie sich wieder um die Avantgarde?

Gunnar Cynybulk: Es ist immer wichtig, dass ein Verlag auf die modernsten Erzähltrends achtet, auf formal und formell spannende Erzähler. Wir müssen im Auge behalten, wohin sich die Kunst bewegt. Für das breite Publikum ist das oftmals nicht. Aber wenn ein Erzählinhalt, ein Erzählmuster oder eine Erzählstrategie überzeugen, werden wir uns damit auseinandersetzen. Wenn es relevant ist, findet sich ein Weg.

Gibt es Bücher, die Sie sich leisten, weil Ihre Bestsellern sie mitfinanzieren?

Gunnar Cynybulk: Eigentlich denken wir so nicht. Wir möchten keine subventionierten Bücher verlegen. Wir tun das bei den Klassikerausgaben, bei der großen Brandenburger Ausgabe, bei der Arnold-Zweig- oder Anna-Seghers-Gesamtausgabe. Das ist unsere Pflicht, da erfüllen wir einen Kulturauftrag. Aber grundsätzlich wäre das eine sehr unbefriedigende Konstellation.

Wie viele Neuerscheinungen haben Sie im Jahr?

Gunnar Cynybulk: Wir verlegen um die 180 Bücher, davon sind rund die Hälfte Neuerscheinungen. Der Rest sind eigene Lizenzen oder Fremdlizenzen, die als Taschenbuch erscheinen.

Die Geschichte des Verlags ist auch eine politische – sehen Sie sich in dieser Tradition?

Gunnar Cynybulk: Unbedingt. So verstehen wir unser Motto „Gestern. Heute. Aufbau.“. Ich meine, sagen zu können, dass wir noch selbstbewusster die Autoren und die Themen aus den neuen Bundesländern oder die Themen, die DDR-Bezug haben, suchen, finden und zum Erfolg führen, wie man in diesem Jahr sieht mit dem Buch von Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer. Oder mit Tom Pauls’ Autobiographie. Das ist für die Identität des Verlages, für seine Programmatik sehr wichtig. Gleichzeitig sind wir ein gesamtdeutscher Literaturverlag, der mit seinen Büchern im gesamten deutschsprachigen Raum präsent ist.

Wie haben Sie den Verlag erlebt, als Sie dort als Lektor anfingen?

Gunnar Cynybulk: Das erste Mal kam ich schon Mitte der 90er – als Praktikant. Das war sehr ehrfurchtgebietend. Ich habe bei Angela Drescher arbeiten dürfen, der großen Lektorin, die immer noch bei uns ist, die Christoph Hein und Christa Wolf betreut und Brigitte Reimann ediert hat. Es hat mich sehr beeindruckt, mit welcher Akribie an Manuskripten gearbeitet wurde. Ich hab das Glück gehabt, alle vier Aufbau-Standorte kennenzulernen. Mein Praktikum habe ich noch in der Französischen Straße absolviert. Am Hackeschen Markt bin ich eingestellt worden im Zuge des überraschenden, gigantischen kommerziellen Erfolges der „Päpstin“. Dann kamen die schwierigeren Zeiten mit der Insolvenz, die Lunkewitz-Ära, und eben jetzt die wieder solide Zeit hier am Moritzplatz.

Es geht dem Verlag finanziell also gut?

Gunnar Cynybulk: Wir haben ein erfolgreiches Jahr, der Verlag rangiert nach Zählung der Bestsellerpunkte beim „Börsenblatt“ auf Rang 14, das ist für einen unabhängigen Verlag wie uns ein großer Erfolg. Wir haben gerade Victor Klemperer „Revolutionstagebuch“ herausgebracht, „Auerhaus“ von Bov Bjerg, es kommt ein Buch von Landolf Scherzer über Bodo Ramelow, das für Furore sorgen wird. Das gehört sich auch so. Wenn man so ein 70. Jubiläum feiert, dann sollten die Dinge glücken und gelingen.

Mit dem Mauerfall war der Absatz in den alten Bundesländern zunächst sehr schwer. Hat sich das normalisiert?

Gunnar Cynybulk: Ja. Wir sind ein gesamtdeutscher Literaturverlag, nahezu 80 Prozent unseres Umsatzes manchen wir in den alten Bundesländern. Wir sind ein mittelgroßer, aber eben auch unabhängiger Verlag. Wir haben nicht die Größe, nicht die Strukturen und manchmal auch nicht die Mittel, die ein Konzernverlag hat, aber size doesn‘t matter, man kann wirklich in jeder Größe konzentriert und gut und klug agieren. Manchmal ist es nützlicher, flexibel zu sein, mehr Kapazitäten in der Kommunikation mit dem Autor und dem Buchhändler zu haben.

Die Bundesregierung beteiligt sich am Ersten Buchhandlungspreis. Wünschen Sie sich noch mehr Signale?

Gunnar Cynybulk: Was uns Sorgen bereitet, sind die TTIP-Gespräche. Da hat sich zwar Sigmar Gabriel auf den Buchtagen in Berlin beruhigend geäußert, dass weder der gebundene Preis gefährdet sei noch die Struktur des Buchhandels – aber so recht traut man dem Braten nicht. Unsere Befürchtung ist, dass es einen sehr großen Aderlass gäbe und dass diese vielfältige Landschaft völlig neu sortiert werden würde. Nicht zum Guten der Leser, nicht zum Guten der Verlage, nicht zum Guten der Literatur. Es geht grundsätzlich darum, wie wir mit regionaler Kultur umgehen, mit der kulturellen Autonomie, Souveränität eines Landes. Da wünsche ich mir ein ausgeprägteres Bewusstsein und mehr Courage in der Politik.

Von Janina Fleischer

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