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Kultur Harald Hauswald: So war die DDR wirklich
Nachrichten Kultur Harald Hauswald: So war die DDR wirklich
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00:21 10.11.2018
Immer authentisch: Harald Hauswalds Ausstellung „Voll der Osten“ Quelle: Harald Hauswald/Ostkreuz
Potsdam

 Auch auf den zweiten Blick hat man noch nicht ganz überschaut, warum man diese Fotos liebt. Auf den dritten Blick denkt man: Von welchem fernen Land wird da erzählt? Man bohrt und überlegt. Und auf den vierten Blick wird klar, dass Harald Hauswald seine Bilder vor unserer Haustür aufgenommen hat. Die Heimat kann exotisch sein.

„Schwarz-Weiß-Hauswald“, wie man ihn nannte, hat uns die Schminke abgewischt, hat generell die Farbe rausgenommen und abgewartet, bis wir das Fotolächeln ausgelächelt haben. Bis wir wieder Mensch sind – nicht mehr diese sorgsam arrangierte Figur, für die wir uns mitunter halten und deren Pose wir auf Fotos gerne proben.

Harald Hauswald hat in der DDR oft gegen das Ideal der Partei gearbeitet und sich seinen eigenen Blick bewahrt. Ungeschönt und zärtlich, zeigt die Landeszentrale für politische Bildung seine Fotos.

Wenn man zu der Einsicht kommt, dass Hauswalds Fotos unseren Alltag wie Röntgenbilder durchleuchten, stöhnen wir auf. Vor Schreck, weil sie uns den Glamour nehmen. Und vor Erlösung, weil wir uns endlich ohne Maske sehen.

Geniale Erzählkraft

In der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung in Potsdam, wo man eigentlich immer einen Hauch von Pädagogik und einen klugen Hinweis auf weiterführende Literatur erwartet, zeigt Hauswald seine Bilder von der späten DDR angenehm nüchtern. Er will nicht belehren, nicht entlarven. Alles, was er zeigt, tut er beiläufig. Fast wie ein Cellist, der Brahms-Sonaten so leichthändig greift, als spiele er mit einem Jojo. Natürlich ist das hohe Kunst, eine der höchsten. Und selbstverständlich gilt das auch für Hauswalds Fotos, die in ihrer Erzählkraft etwas Genialisches haben. Kann man diesen Blick erlernen, wie eine Cellosonate? Oder ist das eine Frage von Geduld, Kaltblütigkeit und Intuition, wann man den Auslöser drücken muss? Kommt das mit der Erfahrung oder – im Gegenteil – durch die Ungeduld?

Hauswald ist ein ruhiger Mensch, einer, der sich nicht treiben lässt von den Ereignissen, sondern sie bündelt. Er zwingt sie, auf ihn zu warten. Vom Zusammenbruch der DDR berichtet er auf seinen Fotos so präzise wie ein Wissenschaftler – und doch mit einer Poesie, die man nur dann in seine Bilder mischen kann, wenn man wirklich etwas weiß vom richtigen Moment, in dem die Politik mit dem Privaten kollidiert, der Altbau mit der jungen Liebe.

„Wo Lüge, Stumpfsinn und Unfreiheit regieren.“

Die Landeszentrale hat die Ausstellung „Voll der Osten“ mit Hauswald-Fotos von der Bundesstiftung für Aufarbeitung der SED-Diktatur übernommen, sie aber sehr klug ergänzt. Die Schau der Stiftung widmet sich der DDR vor dem Mauerfall, Hauswald dekliniert die Temperamente durch, unter den Überschriften „Abschied“, „Flucht“, „Gemeinsamkeit“, „Heiterkeit“, „Jugend“ und vielen weiteren. Der Reigen endet mit „Zärtlichkeit“, die Texte hat der Historiker Stefan Wolle geschrieben. Zum Bild einer nackten Mutter, die ihr Baby auf dem Arm trägt, aufgenommen 1985, schreibt er: „Wo Lüge, Stumpfsinn und Unfreiheit regieren, ist die Zuwendung zum anderen vielleicht kein Widerstand – doch ein lebenswerter Freiraum fern der Macht.“

Martina Schellhorn, die in der Landeszentrale mit den Hauswald-Fotos nun ihre letzte Ausstellung kuratiert hat und in Ruhestand geht, hat die Schwarz-Weiß-Bilder der Vorwendezeit, die Hauswald stets ohne Auftrag und auf eigene Faust aufnahm, mit dessen Fotos zwischen Mauerfall und Einheit ergänzt. Die Fotos sind farbig, weil Hauswald für das westdeutsche Magazin „Geo“ Ost-Berlin porträtieren sollte und aus dieser Arbeit Farbfilme, die ihm gestellt wurden, übrig hatte.

Es gibt kein „peinlich“

Die Temperatur der Fotos nach dem 9. November 1989 ist anders, sie liegt höher, treibt zuweilen in die Hysterie, wenn ein Mann wie beseelt – oder doch eher wie besoffen – mit seinem 100-Westmark-Schein wedelt, tief versunken, als schwinge er ein Zepter, auf das die Welt nun hört. Dann wieder zeigt Hauswald einen Pulk, der aufs Begrüßungsgeld wartet. Von hinten, überall Haare, die uferlos langen Frisuren der späten 80er-Jahre. Es sieht aus wie eine Herde wilder Tiere. Das wirkt nicht despektierlich, es ist sehr menschlich. So menschlich, dass es uns mitunter Angst macht. Wo es etwas zu holen gibt, da fürchten Menschen, alles zu verpassen. Sie verzerren die Gesichter, kaum jemand zeigt das so distanzlos, und doch mit kühlem Kopf, wie Harald Hauswald.

Stefan Wolle schreibt zu den Fotos der Währungsumstellung: „Zu mitternächtlicher Stunde hatten sich Tausende auf dem Alex versammelt, um als erste ihre Westmark zu erhalten. Es kam zu einer Massenpanik mit mehreren Verletzten und Bildern, die an Peinlichkeit kaum zu überbieten waren.“ Das Thema „Peinlichkeit“ ist relativ. Ein Historiker wie Wolle fasst diese Freude der Menschen über eine neue Währung mit spitzen Fingern an. Hauswald aber kann nur arbeiten, wenn er als Fotograf ein Wort wie „peinlich“ aus dem Repertoire streicht. Er wertet nicht. Er drückt nur drauf. In diesem „nur“ steckt all die Kunst, die nun in der Landeszentrale zu sehen ist und deren Größe, Wärme und Akkuratesse, aber auch deren Schönheit uns mitunter sprachlos macht.

Harald Hauswald wurde 1954 in Radebeul geboren, er beendete in Dresden seine Fotografenausbildung und zog 1978 nach Ost-Berlin. In den 80er-Jahren fotografierte er, was andere Fotografen übersahen oder für uninteressant hielten: einsame und alte Menschen, verliebte Pärchen, Rocker, Hooligans und junge Leute, die sich in der Kirche für Frieden und Umweltschutz einsetzten.

Die Ausstellung „Voll der Osten“ von Harald Hauswald mit Texten von Stefan Wolle ist bis 31. Mai 2019 in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung zu sehen. Öffnungszeiten: Mo-Mi 9-18 Uhr, Do/Fr 9-15 Uhr. Heinrich-Mann-Allee 107 (Haus 17), Potsdam.

Von Lars Grote

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