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Kultur Hartmut Dorgerloh soll eine monströse Leerstelle ins Humboldt Forum verwandeln
Nachrichten Kultur Hartmut Dorgerloh soll eine monströse Leerstelle ins Humboldt Forum verwandeln
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00:39 26.03.2018
Humboldt Forum Quelle: SHF / Webcam
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Berlin

Der Neubau des Berliner Stadtschlosses soll Ende 2019 fertig sein. Nach seiner Eröffnung wird er täglich Zehntausende Besucher anlocken. Sie werden kommen, allein schon um die 44 300 Quadratmeter Nutzfläche in Augenschein zu nehmen. Vielen Besuchern wird es zunächst ziemlich egal sein, ob sie in den Ausstellungsräumen aztekische oder polynesische Masken, alte Berlin-Stiche oder Skizzenbücher der Gebrüder Humboldt vorgeführt bekommen. Zumal sie nicht einmal Eintritt bezahlen müssen. Das ist aber auch schon alles, was bereits definitiv geregelt ist.

Den Rest soll nun in Windeseile Hartmut Dorgerloh hinbekommen. Den noch amtierenden Potsdamer Schlösser-Direktor erwartet als Generalintendant des Humboldt Forum in Berlin eine Herkulesaufgabe. Er soll Machtstreitigkeiten und divergierende Interessen schlichten, hochpolitische Konflikte über die inhaltliche Ausrichtung moderieren und das Humboldt Forum profilieren und positionieren.

Viel zu lange bestimmten Äußerlichkeiten die öffentliche Debatte. Am Anfang stand der Entschluss der Schröder-Merkel-Generation, in der Mitte der wieder gewonnenen Hauptstadt den DDR-Palast der Republik abzureißen und dafür ein Gebäude in der Kubatur des fast vergessenen Hohenzollern-Schlosses zu errichten. Das Repräsentationsbedürfnis der neuen Berliner Republik orientierte sich an der alten preußischen Großmannssucht. Die Befürworter eines historistischen Schloss-Imitats setzten durch, den Betonbau an drei Seiten mit einer Barockfassade zu verblenden. Schließlich wurde auch noch über das Kreuz auf der Kuppel mächtig gestritten.

Welchen Sinn und Zweck das 600 Millionen teure Bauvorhaben erfüllen könnte, schien die längste Zeit weniger wichtig. Die Stiftung Humboldt Forum unter der Federführung von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) beauftragte im Mai 2015 drei Experten, Strukturen festzulegen. Die Gründungsintendanten riefen eine Kultur-GmbH ins Leben und legten fest, dass das Land Berlin in der ersten Etage eine Dauerausstellung eingeräumt bekommt. In den Sälen sollen Diskussionsveranstaltungen der Humboldt-Universität sowie Theater-, Film- und Tanzveranstaltungen stattfinden. Und in den oberen Etagen dürfen die Staatlichen Museen ihre umfangreichen ethnologischen Sammlungen präsentieren.

Noch ist völlig unklar ist, was dort in welcher Absicht gezeigt wird. Erhebliche Bedenken wurden aber schon zahlreich angemeldet. Die Exponate des geplanten „Weltkulturmuseum“ wären ohne kolonialistische und imperialistische Raubzüge nie nach Berlin gekommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach am 8. Juni 2016 das Problem an: „Ich habe Angst davor, dass nur ein Völkerkundemuseum entstehen könnte. Aber ich bin inzwischen davon überzeugt, das wird es nicht, sondern es wird mehr werden; vielleicht auch ein Ort, an dem Debatten über die Globalisierung und ihre Auswirkungen stattfinden können.“

Reichlich spät wird nun also über inhaltliche Zielsetzungen diskutiert. Die außereuropäischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz umfasst etwa eine halben Millionen Objekte. Dorgerlohs Arbeitergeber möchten, dass die Speere, Elfenbeinskulpturen und Armringe so inszeniert werden, „dass Deutschland aus seiner Selbstbezüglichkeit heraustritt und sich als Partner in der Welt empfiehlt“. Außerdem soll die große Schau nicht wie ein „steriles Upper-Class-Angebot“ wirken.

Die Herkunft der Objekte lässt sich im Einzelfall nur schwer nachweisen. Dafür müsste ein Aktenbestand von fast einer Millionen Seiten gesichtet werden. Da es sich dabei auch um sakrale Objekte handelt, die sich preußische Offiziere und Forscher in Groß Friedrichsburg (heute Ghana), auf der Krabbeninsel (heute Puerto Rico) oder in St. Thomas (Karibik) im Tausch oder gewaltsam angeeignet haben, melden oft Nachkommen der fremden Völker Besitzansprüche an.

Ein repräsentatives Museum soll nun Ordnung und auch political correctness in eine Welt bringen, die durch Multikulti, Nationalismus und Krieg chaotischer denn je scheint. Hartmut Dorgerloh wird sich bei diesem Auftrag auf Lars-Christian Koch stützen müssen, der gerade zum neuen Direktor des Ethnologischen Museums berufen wurde, nachdem die Stuttgarter Altamerikanistin Inés des Castro den Job abgelehnt hat.

Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy zog sich im Juli 2017 aus dem Museumsbeirat zurück. Unter der Überschrift „Das Humboldt-Forum ist wie Tschernobyl“ sagte sie in der Süddeutschen Zeitung: „Nichts passt zusammen. Die Architektur nicht zum Inhalt, das Kreuz auf der Kuppel nicht in unsere Zeit und eine so belastete Sammlung nicht zu den kläglichen Best-of-Ausstellungen, die dort geplant sind.“

Dorgerloh muss mit viel Eigensinn rechnen. Der Direktor des Berliner Stadtmuseums, Paul Spies, möchte sich keinem Generalintendanten unterordnen. Und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz unter ihrem Präsidenten Hermann Parzinger leistet sich schon verbitterte Gefechte mit der Kultur-GmbH des Humboldtforums. Ein „Prüfauftrag“ im neuen Koalitionsvertrag der Großen Koalition könnte sogar bedeuten, dass die Stiftung zerschlagen wird.

In der Kopie des Hohenzollern-Stadtschlosses in Berlin wird es bei weitem nicht so harmonisch zugehen wie in der Potsdamer Verwaltung der Hohenzollern-Schlösser. Aber ein Lieblingswort wird Hartmut Dorgerloh auch künftig oft im Munde führen: „Weltkulturerbe“.

Von Karim Saab

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