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Heiland und Anti-Star

Bob Dylan gibt drei Konzerte in Berlin Heiland und Anti-Star

Bob Dylan ist eine Legende und mit 72 Jahren noch immer auf Tour. Für drei Tage gastiert er in Berlin: Donnerstag, Freitag und Sonnabend spielt der Mann mit der krächzenden Stimme im Tempodrom. Zuletzt war er vor zwei Jahren da.

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Bob Dylan

Quelle: dpa

Berlin. Bob Dylan hat Sinn für Humor. Er trat mal in einem Reklamespot für die Modemarke Victoria’s Secret auf. Wie ein alter Straßenkater umschnurrte der heute 72-Jährige ein junges Model in Unterwäsche, während sein Song „Love Sick“ lief. Ihm wird vorher bewusst gewesen sein, dass die Weltverbessererszene gar nicht darüber lachen, sondern „Ausverkauf!“ schreien würde. Er hat sich sicher amüsiert.

Dylan beehrt wieder Deutschland. Donnerstag, Freitag und Sonnabend tritt er im Berliner Tempodrom auf. Zuletzt, vor zwei Jahren, (ver)zweifelten manche am Meister. Sie waren enttäuscht, dass der aktuelle Dylan nicht der Sixties-Ikone entspricht, an die sie sich erinnern. Sogar treue Fans regten sich über den Gesang auf. Über „heiseres Sprechgekrächze“ empörte sich einer hinterher in einem Internetforum: „Irgendwo auf seiner ,Never Ending Tour‘ ist dem Mann die Stimme abhandengekommen, und niemand hatte den Mut, es ihm zu sagen.“

Darf man über die Legende lästern? Wo doch sonst fast nur Lob zu lesen ist über den „heiligen Bob“? „Elvis hat den Körper befreit – Bob Dylan den Geist“, sagte Bruce Springsteen über die einstige Stimme der Bürgerrechtsbewegung, den Folk-Gott, der gleich auch noch den Rock ’n’ Roll neu definierte und den Beatles vormachte, wie man komplexe Songtexte schreibt. Die „New York Times“ feierte ihn als „Shakespeare seiner Generation“. Kritiker und Fans lieben auch sein Spätwerk.

Obwohl er Sänger und Songschreiber ist, wird er seit Jahren für den Literaturnobelpreis gehandelt. Zuletzt verlieh ihm Barack Obama für seine Verdienste die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der USA. Wieso riskiert dieser hochdekorierte Musiker bei Konzerten so viel – und spielt plötzlich Punkversionen seiner Songs? Ist das Kunst – oder Kacke?

Durch seine metaphernreichen Texte hat er einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, dass Popsongs überhaupt als Kunstform angesehen werden. Vor Dylan textete man schlichter: „She loves you, yeah yeah yeah“. Er formulierte: „Ramona come closer / Shut softly your watery eyes.“ Aber schon damals haben ihn nicht alle immer verstanden. In der „Desolation Row“ etwa driften Figuren aus der Literatur- und Weltgeschichte, darunter Ophelia, Cinderella und Robin Hood, durch das Chaos. „Alle machen Liebe oder warten auf Regen. Bis auf Kain und Abel und den Glöckner von Notre Dame.“ Manche hielten das für Quatsch. Auf andere wirkte schon der junge Dylan so, als wisse er mehr als alle anderen.

Fest steht: Bob Dylan könnte live schöner singen. Das macht er ja auch auf seinen Aufnahmen. Wer sein aktuelles Album „Tempest“ gehört hat, wird dies bestätigen. Man könnte meinen, dass ihm seine Fans egal sind, aber das stimmt nicht. Egal sind ihm nur die Erwartungen an ihn. Er braucht seine Fans sogar: „Im Studio werden Songs nicht zum Leben erweckt, man versucht sein Bestes, aber immer gibt es dieses eine Element, das fehlt – das Publikum“, sagte er im vorigen Jahr in einem „Rolling-Stone“-Interview.

Aber er bleibt auf Distanz. Seit den Sechzigern wehrt er sich gegen die eigene Vergötterung und Vereinnahmung. Als Martin Luther King am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington „I have a dream“ rief, stand Bob Dylan nur wenige Meter weiter. Mit Joan Baez zusammen sang er dort „We Shall Overcome“. Er war gegen seinen Willen der Klassensprecher einer ganzen Generation geworden. Danach versuchte er sich loszureißen, indem er verkündete: „Folgt keinen Führern, beobachtet lieber Parkuhren.“

Er gilt heute als unkorrumpierbar, weil er Autoritäten ablehnt, alle, außer vielleicht Gott. Der Preis ist, dass er selbst oft wie eine Parkuhr wirkt, so emotionslos gibt er sich auf der Bühne. Seine einzige Aufgabe sei es, sagt er, „dass die Leute ihre eigenen Gefühle entdecken“. Er bietet nur die Songs an – nichts anderes. Man kann mitsingen, aber ein Interesse hat er nicht daran. Wer eine Punkversion nicht aushält, der soll ruhig gehen. Es ist wie im Kunstmuseum. Wem ein Bild nicht gefällt, der kann ja wegschauen.

So konsequent sich selbst überlassen wie bei Dylan wird man bei keinem anderen populären Musiker. Dafür wird man aber auch nicht bevormundet oder manipuliert. Auf der Bühne vertritt er keinerlei Ideologie, was ihm vor zwei Jahren ausnahmsweise großen Ärger einbrachte. Weil er sich bei seinen Konzerten in China nicht zur Inhaftierung des regimekritischen Künstlers Ai Weiwei äußerte, noch nicht einmal „Blowing In The Wind“ spielte, warfen ihm Kommentatoren vor, seinen Job nicht erledigt zu haben. Die Londoner „Financial Times“ spottete, die Zeiten hätten sich tatsächlich geändert, Dylan sei alt, satt und angepasst: „Blowing with the Wind“.

Die Zahl der Bewunderer ist dennoch konstant hoch. Nicht wenige heften sich sogar an die Fersen des weltweit operierenden, fahrenden Sängers und reisen mit, als fänden sie nur bei ihm eine gewisse Geborgenheit – ausgerechnet bei ihm. Doch das ist kein Widerspruch. Dylan sieht sich als „Erbe der Kultur der vierziger und fünfziger Jahre“ – und das hört man all seinen späten Alben deutlich an. Sie sollen nach früher klingen – und werden ihm dadurch selbst Halt geben. „Die Fünfziger waren eine einfachere Zeit – zumindest für mich und meine damaligen Umstände“, schwärmt er. „Gefühle wie Trauer, Angst oder Unsicherheit schienen nicht zu existieren.“ Man kann sich gut vorstellen, wie der junge Robert damals in seiner Heimatstadt Hibbing Hank Williams’ „I’m So Lonesome I Could Cry“ hörte und sich für immer berauschte: nachts, die Eltern schliefen schon, das Radio neben seinem Bett. Die Radioshows waren für ihn eine feste, verlässliche Größe. Die gleiche Funktion hat er heute für viele Fans: Er ist durch sein regelmäßiges Touren eine Konstante in einer unübersichtlichen, komplizierten Welt. Was auch fasziniert: Dylan altert anders als die eigenen Eltern oder Großeltern.

1988 begann seine „Never Ending Tour“, die wohl erst endet, wenn er körperlich nicht mehr in der Lage dazu ist, auf die Bühne zu marschieren. Er nimmt die Mühen des Reisens immer noch auf sich – er legt im Schnitt pro Jahr hundert Auftritte hin – und bleibt dadurch buchstäblich beweglich. Wie ein Rolling Stone.

Von Mathias Begalke

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