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Heiner Geißler über Kohl, Luther und Gott

Ex-CDU-Generalsekretär stellt Buch vor Heiner Geißler über Kohl, Luther und Gott

Heiner Geißler zweifelt an Gott, hält aber Jesus in Zeiten von Spekulanten für eine Provokation und Nächstenliebe für eine Pflicht. Und was die Politik betrifft, so ist er froh, wenn dort überhaupt gedacht wird. Am Sonntag stellt der ehemalige CDU-Generalsekretär sein Buch „Was müsste Luther heute sagen?“ in Reckahn vor.

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Heiner Geißler.

Quelle: dpa

Reckahn. Am Sonntag wird Heiner Geißler (87), ehemaliger CDU-Generalsekretär und Bundesminister, im Schloss Reckahn (Potsdam-Mittelmark) aus seinem Buch „Was müsste Luther heute sagen?“ lesen. Anschließend diskutiert er unter anderem mit Feridun Zaimoglu.

Herr Geißler, glauben Sie an Gott?

Ob Gott existiert, weiß kein Mensch. Das weiß auch nicht der Papst. An Gott kann man nur glauben. Der Glaube aber hat durch das unendliche Leid seit Jahrtausenden große Löcher bekommen, so dass immer mehr Menschen an Gott zweifeln. Zu denen gehöre auch ich.

Kann man sich auf Gott in der Politik noch berufen, oder ist die Politik für jemanden wie Gott zu karrierehungrig, zu ruppig und zu weltlich in ihrem Machtkalkül geworden? Selbst in Ihrer Partei, die sich Christlich Demokratische Union nennt?

Nein, Sie müssen zwei Perspektiven auseinander halten: Im Gegensatz zu Gott weiß man von Jesus, dass er existiert hat. Und man weiß, was er gesagt hat. Das Evangelium, nicht das Alte Testament, auch nicht die Apostelbriefe, gibt uns ein Bild vom Menschen: das christliche Menschenbild. Dieses Bild ist das Fundament der Politik in der CDU. Das ist eine knallharte Angelegenheit. Nach Karl Marx muss der „eigentliche“ Mensch zur richtigen Klasse, bei den Nazis zur richtigen Rasse, bei den Nationalisten von heute zum richtigen Volk, bei den Fundamentalisten zur richtigen Religion gehören und er darf keine Frau sein, sonst ist er ein Mensch zweiter Klasse und wird gegebenenfalls liquidiert, vergast, gesteinigt oder sonst wie umgebracht. Die falschen Menschenbilder sind die Ursache für die schwersten Verbrechen, die Menschen begangen haben. Das richtige, umfassende Menschenbild gibt uns das Evangelium. Die Würde jedes Menschen ist unantastbar, egal ob Deutscher oder Ausländer, Mann oder Frau, Christ oder Jude, alt oder jung, arm oder reich.

Ihnen wurde gerade in den letzten Jahren nur selten Parteidisziplin nachgesagt. Sie gelten als Querdenker. Ist der Rebell Luther für Sie ein Vorbild?

Naja, Querdenker. Ich bin froh, wenn in der Politik überhaupt gedacht wird. Ich gehöre nicht zu denen, die alles nachbeten. Politik ist für mich auch ein Grenzgang. Meine Heimat grenzt an das Elsass. Ich war nie so vermessen zu glauben, dass meine Partei die Wahrheit gepachtet hat, sondern wusste, dass auch andere Parteien etwas Richtiges formulieren.

Was würde Luther heute zu den wirtschaftlichen und geistigen Grundlagen in Deutschland sagen?

Er müsste sagen: Macht nicht dieselben Fehler wie wir damals. Redet miteinander, und zwar auf Augenhöhe. Er müsste die Kirchen heute fragen: Warum leistet ihr nicht denselben Widerstand, den wir damals der Kurie gegenüber gezeigt haben, und den ihr heute gegen die globale Wirtschafts- und Finanzordnung richten müsstet. Denn das kapitalistische System ist heute die Ursache für die Bürgerkriege, Armut und die Hungersnöte, die wir auf der Erde haben. Die Menschen warten darauf, dass die Kirchen dazu Stellung beziehen, statt sich auf die Gottesanbetung und das Posaunenblasen auf den Türmen ihrer Kirchen, die immer leerer werden, verlassen. Sie sollen sich endlich auf die Nächstenliebe, oder genauer: auf die politische Dimension der Nächstenliebe besinnen – die laut Jesus genauso wichtig ist wie die Gottesliebe.

Haben Sie eine praktikable Alternative zum kapitalistischen System, das Sie für die Nöte der Menschen verantwortlich machen?

Wir haben eine klare Alternative. Sie wurde bereits vor 60 Jahren in Deutschland realisiert. Darum geht es den Deutschen teilweise deutlich besser als anderen Staaten. Denn die soziale Marktwirtschaft ist eine Kombination aus freier Wirtschaft, katholischer Soziallehre und evangelischer Sozialethik. Das wichtigste Buch, das der frühere Wirtschaftsminister und Kanzler Ludwig Erhard geschrieben hat, heißt: Wohlstand für alle. Nicht für einige wenige. Nicht für Zweidrittel. Sondern für alle! Wir haben in Deutschland keinen Klassenkampf, weil wir Partnerschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern durch die Tarifpartner und die Betriebsräte schaffen. Wir haben einen ausgebauten Sozialstaat und vielleicht gerade deswegen eine erfolgreiche Wettbewerbswirtschaft. Das macht uns unschlagbar gegenüber anderen Staaten. Deshalb müssen wir Grundzüge der sozialen und ökologischen Marktwirtschaft übertragen auf die globale Wirtschaft. Denn sie ist etwas völlig anderes als der Kapitalismus, auch wenn das einige nicht kapieren.

Können Sie Christ sein, wenn Sie an Gott zweifeln müssen, wie Sie in Ihrem aktuellen Buch fragen?

Natürlich kann ich Christ sein. In einer Zeit der Börsen-Shopper, Spekulanten, der Wertpapierhändler, in einer Zeit, in der Rang, Name und Titel die entscheidenden Aussagen sind, ist dieser Jesus natürlich eine totale Provokation. Die Kirchen lassen sich die Chancen aus der Hand nehmen, mit den Werten dieses Provokateurs eine neue Ordnung in der Welt zu verlangen. Nächstenliebe darf nicht als Gefühlsduselei missverstanden werden. Sie ist eine Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind. Diese Grundsätze müssen auf die gesamte Weltwirtschaft übertragen werden.

Haben Sie erwogen, als Katholik evangelisch zu werden, wenn Sie Luther so schätzen – also zu Luthers Religion zu konvertieren?

Das macht heute keinen großen Unterschied mehr aus, jeder intelligente Katholik ist innerlich immer auch ein Protestant.

Ist es ein Manko für den Osten, dass die kirchliche Bindung in der DDR so stark verloren ging?

Das ist eine Folge der staatlichen Regulierung von Schul- und Bildungspolitik, das darf in einer wertegebundenen Demokratie nicht sein. Der Oberministerialrat oder Funktionär einer Partei hat nicht zu bestimmen, wie die Lehrinhalte in den Grundsätzen aussehen. Er hat dafür kein Mandat. Die Inhalte müssen sich orientieren am Grundgesetz, in der DDR gab es das eben nicht. Im Grundgesetz steht, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, niemand darf an der Entwicklung seiner Persönlichkeit gehindert werden, alle Religionen gelten dort als gleichberechtigt und dürfen nicht unterdrückt werden, genau so, wie der Atheismus sich entfalten darf. Das sind Menschenrechte, davon konnte in der DDR nicht die Rede sein.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der verbreiteten konfessionellen Ungebundenheit und den höheren Wahlergebnissen für linke und rechte Populisten in Ostdeutschland?

Das hat nicht unbedingt etwas mit der kirchlichen Gebundenheit zu tun, denn religiöse Werte können auch ohne den Glauben an Gott verankert sein. Die Rechtsradikalen haben kein ethisches Fundament, ihr Nationalismus ist eine Ideologie, die Linke hat sich verrannt und läuft Putin hinterher.

Sie sprachen vom ethischen Fundament. Ist dieses Fundament in Ihrer Freundschaft zu Helmut Kohl zerbrochen, als es zum Krach kam und Sie 1989 von Kohl nicht mehr als Generalsekretär nominiert wurden?

Ich äußere mich dazu nicht. Ich will nur Eines sagen: Wir waren gute Freunde, die Politik hat diese Freundschaft zerstört. Aber das muss ja nicht über den Tod hinausdauern.

Von Lars Grote

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