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Heinz Bude sucht das neue Soziale

Soziologie Heinz Bude sucht das neue Soziale

Der Neoliberalismus ist eine Ideologie von Selbstbewusstsein und Kraft? Teils, teils, sagt der Soziologe Heinz Bude. Vor allem aber lauert auf seinem Boden eine große Angst, etwas zu verpassen und das eigene Leben zu verhauen. Die These passt damit gut in die Konferenz „Angst machen“ des Potsdamer Einstein-Forums.

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Der Soziologe Heinz Bude sprach in Potsdam.

Quelle: dpa

Potsdam. Ist das nur ein Zufall oder Ausdruck großer geschichtlicher Zyklen? Vor fast genau zehn Jahren sprach man am selben Ort noch über „Apatheia, Coolness, Besonnenheit“. Ein altes Veranstaltungsplakat vom Dezember 2007 verrät es. Jetzt aber herrscht im Einstein-Forum Am Neuen Markt die nackte Angst. Sie starrt uns auf den Fluren an in Form von Filmplakaten von „Scream“, „Peeping Tom“ und „The Tingler“, sie steckt in den auf Monitoren flimmernden Nachrichten von Foxnews über illegale Einwanderungen ganzer mexikanischer Gangs und sie ist Gegenstand jeden Vortrags des vergangenen Wochenendes.

Auch der Neoliberalismus ist von Angst beherrscht

„Angst machen – Koproduzenten eines Gefühls“ so der Titel der Konferenz, zu der Susan Neiman und ihre Kollegen die Fachwelt selbst aus Amerika nicht lange bitten mussten. Angst kann überaus attraktiv sein. Und sie lauert sogar dort, wo sie niemand vermutet, zum Beispiel am Grunde des einst so energisch auftretenden Neoliberalismus’, wie einer der prominentesten Redner der Konferenz, der Kasseler Soziologe Heinz Bude, feststellt.

Die neoliberale Epoche, die Bude in vier Zäsuren seit dem 11. September 2001 Stück für Stück zusammenbrechen sieht, bestand im wesentlichen in der Entfesselung der subjektiven Handlungsmacht und in der Erweiterung der subjektiven Rechte. Der Neoliberalismus hat laut Bude, anders als viele Kritiker meinen, sogar ein Gesellschaftsmodell gehabt. „Das Grundmotiv ist die Idee: Eine gute Gesellschaft ist eine Gesellschaft starker Einzelner.“ Die Politik habe in diesem Modell die Aufgabe, die Durchsetzung des Einzelnen zu unterstützen.

Die Angst, nicht die richtige Wahl zu treffen

Was sich nach Kraft, Power, Selbstbewusstsein anhört – und auch oft genug so verkauft wurde – hat aber eine Schattenseite. Im Kern ist nämlich auch der rationale Egoist von nackter Angst beherrscht, nämlich von der Angst auf das Falsche zu setzen. Falsche Bildung, falsche Karriere, falsche Wohngegend – um am Ende sitzt er als prekär verdienender Trottel am Gartenzaun des verwöhnten Strahlemanns, der an der Hochschule doch auch nicht viel besser abgeschnitten hatte. Da helfe es auch nichts, alles unter dem Begriff „Risiko“ zu verbuchen. „Am Boden des rationalen Egoisten ist die Angst, nicht das Richtige gewählt zu haben“, so Bude. Die treibt auch noch so subtile politische Bearbeitung nicht aus.

Und es geht sogar noch schlimmer. Manchmal kann ich in der liberalen Welt gar nicht wählen, sondern muss gewählt werden. In der Liebe zum Beispiel. „Ich habe Angst, dass ich nicht mehr gewählt werde“, so Bude. Dies beschreibe zum Beispiel derzeit seine Soziologen-Kollegin Eva Illouz in so äußerst erfolgreichen Büchern wie „Warum Liebe weh tut“. All diese Ängste fließen zusammen zur Grundangst, „sich selber zu verfehlen“, mit anderen Worten: Wegen seinem völlig daneben gegangenen Leben in die tiefe Depression zu rasseln.

Solidarität, die andere ausschließt

Aus dieser Erkenntnis speise sich auch heute linke wie rechte Kritik am Neoliberalismus, sagt Bude. „Die Situation ist nicht einfach“, gibt er ratlos am Katheder zu. Keine politische Richtung weiß so recht, wie sie ein durch solche Erfahrungen dominant gewordenes Bedürfnis bedienen könne: das Bedürfnis nach Schutz. Natürlich gibt es Versuche. Trump schart die Verlierer um sich, indem er sie durch Grenzmauern nach Mexiko und durch Strafzölle gegen China zu schützen verspricht. Und die europäische Rechte verspricht den Schutz der eigenen Kultur gegen den als fremd empfundenen Islam. Bude nennt diese Lösung „exklusive Solidarität“. Das ist natürlich nicht das, was Bude vorschwebt. Denn er ist sicher: Die vermeintlichen Heilsbringer machen Versprechen, die sie nicht halten können.

Bude sieht ein neues Bedürfnis nach Bindung, nach Kollektiven. Aber woher soll das „ersehnte Soziale“ herkommen, wenn sich die Bürger nicht mehr mit nur ein bisschen Wohngeld abspeisen lassen und der Westen zugleich – mit dem Aufstieg Chinas – „das Monopol auf Zukunft“ verloren hat? In seinem Vortrag selbst findet Bude keine Lösung für diese durchaus angstmachende Beschreibung des 21. Jahrhunderts. Sie kristallisiert sich aber aus der anschließenden Diskussion heraus.

Wir bleiben aufeinander angewiesen

Bude glaubt zum Beispiel, dass wir Europa schon weiter bringen können, „wenn wir verstehen, dass wir uns nicht verstehen“ – und es zum Beispiel mit der Verteilung von Flüchtlingen nicht ganz so genau und nach Beschluss der EU-Kommission nehmen. Und er meint auch, man muss und kann selbst die Gewinner des Rennens davon überzeugen, dass alleine niemand weiter kommt. „Wir werden Politik nur noch machen können, wenn wir merken, dass wir aufeinander angewiesen sind.“ Und weil man aufeinander angewiesen sei, könne man auch gemeinsame Anstrengungen voneinander verlangen.

Bude spricht im Verlauf der Debatte sogar von der Möglichkeit der Zukunftsgewinnung. Auch wenn der Westen sein Monopol verloren habe, er könne sich rechtzeitig seinen Platz, am weltweiten Verhandlungstisch sichern, um gemeinsam über die Zukunft zu verhandeln. Dass diese noch nicht ganz verloren scheint, bemerkt Bude unter anderem an der Tatsache, dass auch kluge und akademisch gebildete Frauen wieder mehr Kinder kriegen. Der blanke Egoismus – inklusive seiner Versagensangst – sei offenbar nicht mehr alles: „Sie entdecken Bindung als ein Thema, was für sie existenziell ist.“

Da kann man nur sagen: Habt keine Angst, es geht schon irgendwie weiter. Bude bestätigt mit seinem Angstvortrag letztlich, was sein Vorredner Frank Biess von der Universität von Kalifornien, San Diego, andeutete. Angst ist ein konstituierender Bestandteil des alltäglichen Politikgeschäfts – und man kann mit Angst sogar unterm Strich eine ganz gute Politik zustande bringen, wie etwa die Geschichte der Umweltbewegung zeigt. So könnte auch die heutige Herrschaft der Angst durchaus in eine lichte Zukunft führen. Vorläufig herrscht sie aber auch noch – in Budes Aussicht auf die nähere Zukunft, wir auch im Einstein-Forum selbst. Eine der kommenden Veranstaltungen der Einrichtung ist ein Konzert. Aufgeführt wird zeitgenössische „Musik aus der Dunkelheit“.

Von Rüdiger Braun

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