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Heinz Strunk beschreibt eine krude Welt

Lesung in Potsdam Heinz Strunk beschreibt eine krude Welt

Den Verlierern dieser Welt gehört die volle Sympathie des Schriftstellers Heinz Strunk. In seinem neuen Roman „Der goldene Handschuh“ widmet er sich den versoffenen Existenzen einer Hamburger Absturzkneipe – und dem vierfachen Frauen-Mörder Fritz Honka. Am Donnerstag liest der Hamburger im Potsdamer Lindenpark.

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Heinz Strunk

Quelle: Imago

Potsdam. Besäße Heinz Strunk einen Hund, hätte der wohl nur drei Beine oder keinen Schwanz. Sein Herz gehört den Losertypen – und meistens schrieb der zuerst von Akne und später vom Alkohol geplagte Autor über sich selbst. In seinem neuen Roman „Der goldene Handschuh“ erzählt der 53-Jährige erstmals in der dritten Person. Er widmet sich den versoffenen Existenzen der im Buchtitel genannten Hamburger Absturzkneipe, die es wirklich gibt und die in einer Seitenstraße der Reeperbahn liegt. Alleine die Namen der Figuren – etwa Dornkaat-Willy, Ritzen-Schorsch oder SS-Klaus - verraten viel vom eindringlich beschriebenen Trinker-Milieu der 70er-Jahre. Im Fokus steht die Geschichte des vierfachen Frauen-Mörders Fritz Honka, der die Leichenteile jahrelang in der eigenen Wohnung versteckte.

Das feuchtfröhliche Elend einer Tanzkapelle

Viele Literaturkritiker beschreiben den Roman als ein Wunder. Sie schreiben vom Witzeerzähler, der sich als seriöser Schriftsteller entpuppt hat. Eine Annahme mit zwei Fehlern. Heinz Strunk war nie ein kalauernder Clown, er präsentierte nur die absurdesten Seiten unseres und seines Lebens – und das ist lustig. So wie in dem 500.000 Mal verkauften „Fleisch ist mein Gemüse“, in dem er das feuchtfröhliche Elend einer norddeutschen Tanzkapelle und ihres verpickelten Saxofonisten – gemeint ist Strunk selbst – auf die Schippe nimmt. Und seriös? Das wird Strunk wohl nie sein, zu irrwitzig ist das, was sein Drang zu Wortschöpfungen hervorbringt. Was er von vermeintlicher Seriosität hält, verrät er, indem er in einer Nebengeschichte in „Der goldene Handschuh“ das Treiben einer angesehen Reederfamilie beschreibt. Dort macht sich derselbe Trieb zur sexuellen Gewalt und dieselbe Abhängigkeit vom Suff breit wie in der Absturzkneipe nahe der Reeperbahn – nur im edleren Zwirn.

So rührend hat sich Strunk noch nie den Menschen zugewandt

Trotzdem hat Strunk mit dem neuen Buch seinem Künstlerleben ein neues Kapitel hinzugefügt. Nie hat der Autor, der sonst vor Welt-Ekel nur so strotzt, es geschafft, Menschen so rührend zu beschreiben, wie es ihm mit all den hoffnungslos verlorenen Figuren aus dem „Handschuh“ gelungen ist. Das ist mal zum Würgen, etwa, wenn es um die Vergewaltigung mit Hilfe einer Bockwurst und die vom In-Hose-Pissen wundgeriebene Haut der Säufer geht, und mal schlicht zum Heulen. Strunk beschreibt den Mörder Fritz Honka als kläglicher Rest dessen, was an Leben mal da war. Einer, der zehn Geschwister hat, dessen Aussehen von Zementkrätze und Alkolismus geschunden ist und der seine Jugend über drangsaliert und zur Schufterei gezwungen wird.

Arme Seelen, die auf dem Kiez havariert sind

Entschuldigt Strunk die Taten eines Mörders? Wer das denkt, verwechselt Empathie mit Sympathie und unterschätzt den Autor. „Der Fall ist so monströs, was soll man da noch bewerten“, sagt er. „Es geht doch gerade darum, Honka nicht so bestialisch zu zeichnen wie damals die Boulevardzeitungen, sondern zu erklären, wie es dazu kommen konnte.“ Wenn der Hamburger im näselnden Plauderton nach noch nicht gesagten Worten sucht, klingt es, als entstünde beim Reden der nächste Roman. Die in der Kneipe vom Mörder aufgegriffenen Frauen, sagt Strunk, waren „arme Seelen, die auf dem Kiez havariert sind“.

Bestseller-Autor liest in Potsdam

Heinz Strunk ist Schriftsteller, Komiker und Musiker.

Der Hamburger ist anfangs mit einer Tanzkapelle bei Schützenfesten aufgetreten, später hat er diese Erfahrungen sehr lustig und anrührend in seinem Buch „Fleisch ist mein Gemüse“, das 2008 auch verfilmt wurde, verarbeitet.


Mit dem Trio Studio Braun hat Strunk Telefonstreiche veröffentlicht und Theaterstücke, etwa am Hamburger Schauspielhaus und am Deutschen Theater in Berlin, inszeniert und auch mitgespielt.

Sein neuer Roman „Der goldene


Am Donnerstag tritt Heinz Strunk im Lindenpark Potsdam auf. Der Einlass zur Lesung aus „Der goldene Handschuh“ erfolgt ab 19 Uhr, Beginn ist um 20 Uhr. Der Eintritt kostet an der Abendkasse 20 Euro.

Schon immer hat sich Strunk Verlierertypen gewidmet, meistens sich selbst. „Reiche und schöne Gewinnertypen sind literarisch uninteressant“, sagt er, „die Geknechteten dieser Welt sind viel interessanter.“ Strunk ackerte sich durch sämtliche Prozessakten zum Fall Fritz Honka.

Jeden Tag tippen bis der Laptop-Akku leer ist

Mit „Der goldene Handschuh“ hat sich der Autor und Komiker also ein paar Kilo mehr auf die Hanteln gepackt, ein ambitionierter Schriftsteller war er auch vorher schon. „Alles, was meine vier Wände verlässt, soll so gut sein wie es nur geht“, sagt der Hamburger, der sich die Arbeitsdevise auferlegt hat, täglich eine Akkuladung seines Laptops zu vertippen. In dem dauernden Wettkampf um das beste Wortspiel hat Strunk mit Jacques Palminger und Rocko Schamoni die bestmöglichen Sparringpartner gehabt. Die drei haben mit Fraktus dem eitlen Musikbusiness ein angeblich legendäres Techno-Trio vorgegaukelt und als Studio Braun anarchische Telefonstreiche zelebriert, lange vor den Blödelanrufen der Comedians privater Radiosender. Mit „Der goldene Handschuh“ wendet sich Strunk ans Feuiletton und das Massenpublikum zugleich. Dass das gelingt, ist vielleicht das eigentlich Erstaunlich an Strunks neuem Roman. Schließlich schrieb sein Lektor einst in einer SMS: „Erfolg mit Büchern, die nicht scheisse sind: selten.“

Von Maurice Wojach

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