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Kultur Helene Fischer feiert im Berliner Olympiastadion
Nachrichten Kultur Helene Fischer feiert im Berliner Olympiastadion
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00:20 12.07.2018
Helene Fischer tanzt, ihre Bläser geben in Berlin den Rhythmus vor. Quelle: DPA
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Berlin

 Schnell steigt der Puls bei den Konzerten von Helene Fischer, doch es ist eine Form von Stresspuls. Denn sie presst die Stimme unentwegt, sie will die Leidenschaft so sehr in ihre Lieder legen, dass dieser Leistungsdruck sich überträgt aufs Publikum. Es geht ja um nicht weniger als Perfektion in den Konzerten, Helene Fischer drückt auf diesem Feld fast ständig auf die Tube: Das Berliner Wetter ist am Sonntag im Olympiastadion „herrlich“, sagt sie, der Abend werde „wunderschön“, prophezeit sie, das Publikum sei „wundervoll“ und ihr Gefühl, das sie im Herzen trage, wenn sie im Stadion singt, empfindet sie als „unbeschreiblich“. Sie hat alle Superlative verbraucht. Als das Konzert zu Ende geht, steht man mit leeren Händen da. Wie war es nun? Gut, nett, freundlich. Das sind moderate Wörter, die im Jargon der Fischer wie ein Katastrophenurteil klingen.

Helene Fischer ist galant, aber auch ungeheuer strebsam. Ihre Lieder zielen auf gute Laune, probieren das aber zuweilen mit dem Trotz und dem Vokabular des Kindesalters. „Ich will Alles oder Nichts, ich will 100 Prozent“, singt sie, oder: „Vielleicht liebe ich dich zu sehr.“ Es ist das Mantra ihrer Karriere, Helene Fischer überhitzt die Gefühle und verkauft das am Sonntag in Berlin als „Sommermärchen“. Das Wort benutzt sie oft an diesem warmen Abend vor 55000 Menschen, die Arena ist fast ausverkauft. „Sommermärchen“ ist ein Wort, das seit der Heim-WM 2006 mit Fußball verbunden ist. Helene Fischer hat auf dem Ticket des Fußballs ihre Karriere kräftig befeuert, als sie 2014 mit den Weltmeistern vor dem Brandenburger Tor gefeiert hat. Doch der Fußball hat ihr auch eine der wenigen Wunden zugefügt. Als sie im vergangenen Jahr im deutschen Pokalfinale als Halbzeitentertainerin auftrat, wurde sie böse ausgebuht – im Berliner Olympiastadion, dem Ort, wo sie Sonntag Wiedergutmachung betrieb.

Mehr als zehn Millionen verkaufte Tonträger

Helene Fischer wurde am 5. August 1984 in Krasnojarsk geboren, gelegen in der damaligen Sowjetunion. Ihre russlanddeutschen Eltern siedelten 1988 mit ihr aus nach Rheinland-Pfalz.

Mit mehr als zehn Millionen verkauften Tonträgern zählt sie zu den erfolgreichsten Sängerinnen Deutschlands. Ihre Alben „Best of Helene Fischer“, „Farbenspiel“ und „Weihnachten“ gehören zu den meistverkauften Musikalben in Deutschland.

Ausgezeichnet wurde sie mit 17 Echos, sieben Goldenen Hennen, drei Bambis und zwei Goldenen Kameras.

Sie hat gute, schwarze Bläser, das macht viel aus in ihren Liedern, die ja vor allem im Bauch kitzeln sollen. Bescheidenheit ist bei Helene Fischer eine Zier, doch sie übertreibt, wenn sie immer wieder ausholt und sich beim Publikum bedankt fürs „wunderbare Gefühl“, das sie in Berlin spüre. Kann man sich diese Haltung bei amerikanischen Top-Ladys vorstellen? Beyoncé weiß, dass sie im Zentrum steht, sie macht davon nicht zu viel Wind, doch sie bedankt sich nicht so huldvoll bei den Menschen, weil sie weiß, dass die Leute ihretwegen kommen. Sie ist das Zentrum. Punkt. Helene Fischer weiß das auch, doch zeigt sich als beste, dankbare Freundin. Star zu sein, das ist in Deutschland immer noch die schwerste aller Künste. Fischer probiert es auf eine Weise, die selbst im Popgeschäft, das sich auf falschen Schwulst versteht, in seiner Übertreibung selten ist.

Jede Sekunde ist bei ihr geplant, es gibt nichts Spontanes, kaum Ironie. Niemand erwartet einen Witz von ihr im Stadion. Sie ist die Trösterin – in einfachen Worten singt sie von Themen, die jeder kennt, doch keiner meistern kann. Ich liebe einen Menschen, den ich nicht lieben sollte? Der Tag war hart und ich will abends feiern, weiß aber, dass ich es morgen bereue, wenn ich zu heftig flirte? Helene Fischer kennt diese Fragen. Und weiß die denkbar einfachste Antwort: „Keiner ist fehlerfrei!“

Gesäusel, aber auch Balsam

„Heute Abend gehöre ich nur euch“, sagt sie gleich zu Beginn. „Spürst du die Freiheit auf deiner Haut?“, erkundigt sie sich. Das ist einerseits Gesäusel, aber andererseits auch Balsam. Die Leute freuen sich. Gibt es eine eindeutigere Form der Anerkennung?

Sie lässt keine Zeit zum Zweifeln, wechselt die Garderobe, die Tänzer zeigen eine Form von Erotik, die man auch kleinen Mädchen im Publikum zumuten kann. Die Monitore ihrer Show wirken so groß wie bei den Rolling Stones. Es ist die Atemlosigkeit von einem Musical, die sie bietet, niemand hat Zeit, zu fragen, ob es einen roten Faden gibt. Es gibt einen sehr bunten Faden, das zumindest macht die Lichtshow klar. Da wir von Atemlosigkeit sprechen: Natürlich wird sie besungen, „Atemlos durch die Nacht“. Es ist längst dunkel, doch Helene Fischer wirkt gut bei Stimme, ihre Laune ist ja ohnehin so gut wie krisensicher. „Atemlosigkeit“, das ist in ihrem Fall nur eine Behauptung. Außer Puste kann man sich die Frau nicht vorstellen.

Plötzlich vergisst sie den Text

„Wir tanzen heute mal aus der Reihe“, sagt sie, als das knapp zweieinhalb Stunden dauernde Konzert noch jung ist, doch jeder ihrer Tanzschritte sitzt. Sie kokettiert mit dem Skandal, doch hält sich strikt ans Ideal der höflichen, freundlichen Schwiegertochter. Immerhin vergisst sie ein paar Zeilen in „Die Hölle morgen Früh ist mir egal“. Sie ruft ins Publikum: „Ihr kennt den Text besser als ich!“

Ihre Lichtshow ist gigantisch – als plötzlich ein paar stilisierte Quallen über die Monitore schwimmen, ist das berührend. Ja, Helene Fischer hat für jeden etwas in Berlin dabei. Trotzdem hält sich der Eindruck, dass sie Träume predigt, an die sie selbst nicht glaubt.

Von Lars Grote

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