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Kultur Helga Schütz erzählt von der Liebe im Alter
Nachrichten Kultur Helga Schütz erzählt von der Liebe im Alter
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18:19 15.03.2017
Am unsteten Wuchs der Buchen orientiert sich die Liebe im Buch von Helga Schütz, sie schießt empor, driftet auseinander und findet wieder zusammen – aber nicht für immer. Quelle: DPA
Potsdam

Helga Schütz kann einen Garten kultivieren und ein Buch zum Blühen bringen, meist gelingt ihr das auch umgekehrt. Sie ist gelernte Gärtnerin und Dramaturgin, seit den 60er Jahren schrieb sie Drehbücher, in den 70er Jahren begann sie mit Romanen und Erzählungen. Vom Schreibtisch in ihren Garten ist es gedanklich nur ein Katzensprung, das darf man wörtlich nehmen, denn auch der Kater pendelt zwischen Stube und der Wiese mit den alten, schweren Bäumen. „Er weiß, dass er sich an die Wege halten muss, sonst zertrampelt er die Krokusse.“ Helga Schütz, 79 Jahre alt, hat Regeln, die sie mit einem Lächeln durchsetzt. Auch der Instinkt des Tieres fügt sich diesem Willen.

Sie lebt in Potsdam-Babelsberg, einen Steinwurf neben den Filmstudios. Hinter ihrem Haus der Rasen, die Blumen, das knorrige alte Holz. Es gibt Größen aus dem Filmgeschäft, die kommen vor allem, um sich den Garten anzusehen. Sie kocht dann einen Tee. Heute ist es Tee mit Eisenkraut, sie holt die Tassen aus gutem Porzellan.

Helga Schütz hat eine neue Erzählung geschrieben, an diesem Freitag erscheint „Die Kirschendiebin“. Wer von diesem Buch berichten will, muss in ihrem Garten beginnen, weil dort die Saat der Story liegt. Denn hinten, wo das Grün fast aussieht wie ein Park, steht eine Buche, sie wirft Schatten, auch an diesem zarten Frühlingstag, an dem man ohne einen Schal noch friert und mit dem Schal schon schwitzt.

Die Buche teilte sich in zwei Stämme, sie fanden erneut zusammen

Die Buche hat sich irgendwann geteilt in zwei gleich starke Stämme, die suchten sich den Weg auf eigene Rechnung. Wenige Meter höher fanden sie kurzzeitig abermals zusammen, küssten sich, wenn man es denn poetisch sagen will, und suchen sich dann endgültig je eine eigene Richtung.

„Etwa 50 Jahre liegen zwischen der Trennung der Stämme und ihrer Wiederbegegnung, es ist wie bei der Jugendliebe, die sich im Alter noch einmal entzündet“, sagt Helga Schütz. Auch wenn sich diese frühe Liebe keinen festen Platz im Leben sichert, sondern nur vorübergehend Feuer fängt.

Helga Schütz arbeitet viel im Garten, doch die Teilung des Stammes fiel ihr erst vor einer Weile auf. Im Sommer hängt das Laub davor, im Winter wiederum verliert man die Natur-Details schnell aus den Augen. Zufällig schaute sie hinauf, der Blick zum Himmel hatte sich gelohnt. Die Idee zur „Kirschendiebin“ war geboren.

Gärtnerin, Professorin und Erzählerin

Helga Schütz kam am 2. Oktober 1937 im schlesischen Falkenhain zur Welt. Nach der Volksschule absolvierte sie eine Gärtnerlehre.

Dramaturgie studierte sie später an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. Seit 1962 arbeitete sie als freie Drehbuchautorin für die Defa, anfangs vorwiegend im Dokumentarfilmbereich.

Eine Professur für Drehbuchschreiben hatte sie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg seit 1993
inne.

Romane und Erzählungen schreibt sie seit Anfang der 70er Jahre. U. a. erschienen „Jette in Dresden“ (1974) und zuletzt „Sepia“ (2012).

An diesem Freitag erscheint die Erzählung „Die Kirschendiebin“, Aufbau-Verlag, 170 Seiten, 18 Euro.

Vor allem geht es um Mela und Thomas, sie lernen sich kennen im Studium, sie ist verheiratet, hat ein Kind, er ist Autor, verliebt sich in Mela, testet noch die Temperatur der Liebe. Doch bevor die Leidenschaft verbindlich nach Erfüllung sucht, geht Mela in den Westen. Kein Kontakt mehr. Thomas wird zum Eigenbrötler. Mela schreibt ein Buch über den Wald. Thomas kriegt im Alter ein Stipendium in Rom, dort trifft er Mela. Zufall! Ihre Briefe, die sie Thomas aus dem Westen schrieb, sind abgefangen worden von der Stasi.

Das Buch ist 170 Seiten schlank, der Ton klingt durchweg fettfrei. Nirgends psychologisiert sie, doch schaut präzise, mit unbedingter Nähe zu den Charakteren. Schütz sucht keinen historischen Blick, der die Figuren nur wie Setzlinge ins Buch verpflanzt oder als Rädchen in die Story steckt. Sie liebt die durchweg subjektive Warte, weil sie Vertrauen hat in einen Einzelnen, mehr Vertrauen jedenfalls als in ein Kollektiv. Auch wenn sie die Figuren nicht verlässlich mit dem Happy-End beschenkt.

Viel Erinnerung steckt in den Büchern, das sieht man auch am aktuellen Namen des brummigen Helden Thomas Falkenhain, fast 80 Jahre alt. Falkenhain heißt der schlesische Heimatort von Helga Schütz, „ich bin von dort geflohen, als ich sieben war – nur meine Mutter war dabei, wir fuhren im Kastenwagen, von einer Kuh gezogen.“ Die Großeltern sind zunächst geblieben, „sie wollten nicht Auf Wiedersehen sagen, es gab nicht die Muße, mit einem Kind zu reden.“

„Die Geschichten lösen sich auf in nichts“

Später sahen sie sich wieder, im Harz bei Herzberg. Diese Erinnerungen fließen nicht direkt in ihre Bücher, „aber die Kriegskinder sterben jetzt und nehmen ihre Lebensläufe mit. Die Geschichten lösen sich auf in nichts.“

Dagegen schreibt sie an. „Es gibt jetzt viele Bücher über das Alter“, glaubt Helga Schütz, das sei ein Trend, fast fühle sie sich in einem Fahrwasser mit ihrer Arbeit. Auf dem Nachttisch liegt der Roman von Martin Walser, „Ein sterbender Mann“, auch von Jutta Voigt und ihrem Buch über die alte Boheme des Ostens spricht sie.

Hinzu kommen Filme über das Altern, „Wolke neun“ des Potsdamers Andreas Dresen zum Beispiel. Die Gattung „Film“ liebt sie auch heute noch, fast stärker als ein Buch. „Man sagte mir damals, meine Szenarien in den Drehbüchern seien literarisch, das war nicht unbedingt als Lob gemeint.“ Auf der Berlinale hat sie gerade das neue Werk von Volker Schlöndorff gesehen, „Rückkehr nach Montauk“, auch das erzählt von der Wiederbegegnung einer alten Liebe. Schlöndorff wohnt um die Ecke, wenn sie im Edeka einander sehen, grüßen sie sich.

Sie ist gerne draußen. Bei den Leuten. Oder im Garten. „Doch das Schreiben gibt mir die Möglichkeit, mich zu verstecken.“ Meist schreibe sie in „Echowellen, die sich ausbreiten“. Diesesmal aber „sollte es in eine Nussschale passen“. Es ist gelungen. Knapp. Urwüchsig. Präzise.

Von Lars Grote

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