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“Helge zu sein kostet Überwindung“

Helge Schneider im Interview “Helge zu sein kostet Überwindung“

Der Mühlheimer Helge Schneider verzückte sein Publikum als „singende Herrentorte“. Millionen sahen ihm im Fernsehen zu, als er 1994 sein Lied vom „Katzeklo“ anstimmte. Seitdem wuchs die Anhängerschaft des musikalisch beschlagenen Clowns und Komödianten beständig. Am Sonntag wird er 60 und eine nächste Tournee ist nach einer selbst verordneten Auszeit in Planung.

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Helge Schneider: Komiker, Kommissar, Multiinstrumentalist, Schauspieler und Jubilar.

Quelle: dpa

Potsdam. Millionen wischten sich nach seinem Lied „Katzeklo“ im Fernsehen 1994 die Lachtränen aus den Augen. Der Erfolg von Helge Schneider, der am Sonntag 60 Jahre alt wird, war danach nicht mehr zu stoppen.

MAZ: Eigentlich wollten Sie sich für einige Jahre oder sogar für immer von der Bühne zurückziehen. Hat Sie die Arbeit an Ihrem neuen Konzertfilm „Lass knacken, Helge!“ umgestimmt?

Helge Schneider: Nee, das hatte damit nichts zu tun. Wenn ich mich jetzt auch wohl fühle, weiß ich, irgendwann möchte ich wieder auftreten. Und das muss man früh genug klarstellen. Wie die Tour aussehen wird, weiß ich noch nicht. Ich fange gerade erst an, darüber nachzudenken. Ich fand es schön, einmal keinen Druck zu haben und private Dinge zu erledigen. Und wenn es nur aufräumen ist.

Die Konzertreise beginnt im Februar 2016 und trägt den Titel „Lass knacken, Oppa!“ Wird Ihre Band wieder mit von der Partie sein?

Schneider: Ich wollte erst solo auf Tour gehen, aber wenn ich jetzt im Kino sehe, wie das Publikum das annimmt, was ich mir da ausdenke, dann ziehe ich eine Band-Tournee vor. Da muss ab und zu mal Musik sein, es muss getanzt werden, ich muss die Freiheit haben, vorne herumzulaufen und Quatsch zu machen.

„Lass knacken, Helge!“ zeigt zwar auch Backstage-Szenen, aber nie den privaten Helge Schneider. Soll der geheim bleiben?

Schneider: Mich interessiert, was auf der Bühne ist. Das ist für mich privat genug. Also zu zeigen, wie das alles zustande kommt. Und das macht der Film ganz gut. Auch wenn es nur ein Live-Auftritt ist, zeigt er deutlich das Improvisieren und auch das, was hinter diesem Typen steckt, der auf der Bühne hin und her geht. Ich seh‘ den nämlich in der dritten Person.

Es kostet Sie also Kraft, der Entertainer Helge Schneider zu sein?

Schneider: Das kostet Überwindung! Von sich immer diese Plakate zu machen, Interviews zuzulassen – das klingt so sehr nach Egomanen. Dabei bin ich gar nicht egozentrisch, im Gegenteil, ich guck mir gerne Leute an und möchte gar nicht die Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Aber wenn man mich dann erkennt, bin ich auch nicht beunruhigt. In Spanien, wo ich zeitweise wohne, ist das nicht so. Da fühle ich mich auch wohl. Da werde ich an die Zeiten erinnert, in denen ich noch nicht berühmt war. Und das hält jung.

Unterhaltungskunst aus Mühlheim

Der Entertainer aus Mühlheim Helge Schneider kam am 30. August 1955 in Mülheim an der Ruhr zur Welt. Dort lebt er noch immer.

Zum 60. Geburtstag gibt es viel Neues: Als DVD liegt vor: „Lass knacken, Helge! Helge, der Film! Helge, Life“ (Universal). Auch ein neues Buch gibt es: „Orang Utan Klaus. Helges Geschichten“, KiWi, 276 S., 12,99 Euro.

Wer mehr hören möchte, der greift zum Box-Set 1: „Sammlung Schneider: Hörspiele & Hörbücher“ oder gleich noch zum Box-Set 2: „Sammlung Schneider: Musik & Live-Shows“, beide erschienen bei Roof/Indigo.

Tourneestart ist Anfang Februar in Osnabrück. Helge Schneider tritt am 25.11. in Rostock auf, am 26.11. in Frankfurt (Oder), am 28.11. in Cottbus und am 8.12. im Tempodrom in Berlin.

Wie fühlen Sie sich mit fast 60?

Schneider: Eigentlich wie immer, aber gelassener. Das liegt nicht am Alter, sondern an den Erfahrungen, die man so gemacht hat. Ich frag‘ mich immer, wie das wohl ist, wenn man so ganz alt ist. Ich bin ja noch nicht alt. Aber für manche Leute bin ich schon ein älterer Herr. Zum Beispiel für die Straßenbahngesellschaft. Wenn ich will, kann ich für monatlich 149 Euro den ganzen Tag durchs Ruhrgebiet fahren. Vielleicht mach ich das mal. Geburtstag ist auch ein Anlass, das Leben zu reflektieren und nach vorne zu schauen.

Was werden Sie in Zukunft anders machen?

Schneider: Ich? Weiß ich nicht. Ich habe mir nicht vorgenommen, etwas anders zu machen. Das sehe ich nicht ein. Das kann man vielleicht mit 100 machen. Ich bin niemand, der sagt: Das hätte ich lieber anders gemacht. Ich akzeptier das Leben, wie es ist und mache weiter. Dazu lebe ich zu gerne.

Wofür lohnt sich das Leben?

Schneider: Fürs Leben. Schön Wetter. Wenn man diese Einstellung nicht hätte, dann bräuchte man nicht zu leben. Es gibt ja Leute, die sich zum Beispiel umbringen. Die denken das vielleicht einen Moment lang und dann bringen sie sich um. Einen Moment später hätten sie vielleicht anders gedacht.

Sie sind also ein unverbesserlicher Optimist?

Schneider: Ja. Ich sehe auch keinen Grund, es nicht zu sein. Ich bin Optimist im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist ja kein Hans-guck-in-die-Luft, der vor Lustigkeit einfach vor die Straßenbahn läuft. Ein Optimist ist jemand, der das Optimum sieht. Das kann natürlich auch extrem beeinflusst werden durch Schlechtigkeit, und trotzdem kann man Optimist sein. Das ist ja das Verrückte am Leben.

In der jetzt auch erschienenen Box „Sammlung Schneider“ klären Sie auf über die vier wichtigsten Sätze der Menschheit. Welche sind‘s?

Schneider: „Guten Tach!“, „Wie geht‘s?“, „Ein Pils!“, „Zahlen!“

Wo sehen Sie sich in 20 Jahren?

Schneider: In 20 Jahren sitze ich hier mit Ihnen, und wir machen wieder ein Interview. Und das wird dann noch mehr in die Tiefe gehen.

Von Olaf Neumann

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