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Kultur Helmut Kraussers Sex-Weltmeisterschaft
Nachrichten Kultur Helmut Kraussers Sex-Weltmeisterschaft
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01:48 10.03.2018
Helmut Krausser Quelle: Hagen Schmauss
Potsdam

Der Playboy war eines der ersten Printmedien, die Helmut Kraussers neuen Roman, „Geschehnisse während der Weltmeisterschaft“, Beachtung schenkten. „Eine radikale, höchst amüsante Satire über Sportkopulation“, freut sich das Männermagazin. Aber auch in allen namhaften Literaturredaktionen findet Krausser seit nunmehr zweieinhalb Jahrzehnten als Ausnahmeautor Beachtung. Der 53-Jährige, der in München aufwuchs und heute zurückgezogen in Potsdam lebt, hat viel vorzuweisen. Sein Werk ist qualitativ und quantitativ so vielfältig, dass sich die Mitwelt schnell überfordert fühlt.

Komponist, Schachspieler, Schriftsteller

Seit 1989 publiziert Krausser Jahr für Jahr in den großen Publikumsverlagen Romane, Novellen, Gedichte, Tagebücher und Sachbücher, obendrein schreibt er auch Stücke und Hörspiele. Darin greift Krausser die wirklich großen Themen auf und pflegt einen leicht konsumierbaren Stil. Er steht für die Aussöhnung von Klassik und Pop, Pathos und Ironie, Romantik und Postmoderne, Mystik und Aufklärung. Seine Geistesgaben erstrecken sich auch noch auf ganz andere Gebiete: Als Schach- und Backgammonspieler kann er zählbare Erfolge vorweisen. Und nicht zuletzt komponiert er auch Opern, Lieder, Streichquartette und Bratschenkonzerte. Auf diesem Feld lautet seine Bekenntnis: „Ich habe nie den Glauben an die Melodie verloren.“ Das Tausendsassa möchte Schönheit und Authentizität, Tradition und Moderne, Tiefsinn und Unterhaltung ausbalancieren.

Zur Person

Helmut Krausser wurde 1964 in Esslingen am Neckar geboren. Mit 16 schrieb er „13 pessimistische Gedichte“.

Er
gilt als Kenner des Komponisten Giacomo Puccini (1858–1924). Im Roman „Die Jagd nach Corinna“ deckte er die bürgerliche Identität der Puccini-Geliebten auf.

Im Oktober 2017 wurde in der Pfarrkirche Pankow ein Konzert mit Shakespeare-Sonetten uraufgeführt, die Krausser übersetzt und vertont hat.

Helmut Krausser: Geschehnisse während der Weltmeisterschaft. Berlin Verlag, 240 Seiten, 20 Euro.

Krausser feierte mit Künstlerromanen seine größten Erfolge. Ein richtig großer Durchbruch, den man ihm nach Büchern wie „Melodien“ (1993) oder „Thanatos“ (1996) zugetraut hat, ist aber nicht erfolgt. Aus ihm wurde kein deutscher T. C. Boyle, Michel Houellebecq oder Haruki Murakami. Drei seiner Bücher wurden immerhin verfilmt - „Der große Bagarozy“, „Fette Welt“ und „Einsamkeit und Sex und Mitleid“. Doch die Literaturkritik verriss zusehends seine Bücher. Irgendwann in den Nullerjahren lief ihm dann der elf Jahre jüngere Autorenkollege Daniel Kehlmann den Ruf als genialer Aufsteiger ab.

Ein gewagter Plot

Vielleicht liefert das aktuelle Buch von Helmut Krausser eine Antwort auf die Frage, warum der Stern von Helmut Krausser verblasst ist. Wieder einmal hat er einen großen Plot gewagt. Der düstere Zukunftsroman „Geschehnisse während der Weltmeisterschaft“ versteht sich als Satire auf die liberale Leistungsgesellschaft, die er mit einer Liebesgeschichte und literaturhistorischen Rückgriffen auf Dostojewski verknüpft.

Der Leser wird in das Jahr 2028 versetzt. In Kopenhagen finden zum elften Mal die Weltmeisterschaften im Leistungssex statt. Die Einzel- und Mannschaftssportarten, heißt es, habe 2018 ein Autor mit Altmännerfantasien aus einer anarchistischen Laune heraus erfunden. „Unversteckter Sex ist praktizierte Freiheit“, lautete am Anfang das Credo. Krausser hat aber keinen pornografischen Roman geschrieben. Er hat nur den sportiven Charakter von Sex-Darstellungen im Internet ernst genommen und den lukrativen Markt für die Bedürfnisbefriedigung einer voyeuristischen Zielgruppe weitergedacht. Wer im Privatfernsehen schon einmal auf Kickboxen oder Matrial-Arts-Kämpfe gestoßen ist, weiß, zu welch unappetitlichen Zurschaustellungen die westliche Kultur imstande ist.

Tägliches Training

Der Leser ist den Berichten des Ich-Erzählers Leon völlig ausgeliefert. Der Star vom Team Berlin hat sich den Winter über an den Nordpol zurückgezogen. Der Champion in vielen Disziplinen des „gefühlsneutralen Sex“ weiß, was ihm zu seinem Glück fehlt. Gegen alle Grundregeln seines Sports hat er sich in eine Frau verliebt, mit der er täglich im Training und in den großen Hallen vor Kameras kopuliert. „Wir sollen einander fremd bleiben, damit wir im Wettkampf besser funktionieren“, lautet die Maßgabe. Mit Fachworten wie „Spog“, „interkursieren“ oder „Orale Entsemination auf Zeit“ wird umschrieben, was da genau passiert.

Leistungssex als Großereignis

Noch Jahre später hat sich die „Leistungssex-WM“ zu einem medialen Großereignis hochgeschaukelt. Ein riesiges Polizeiaufgebot ist nötig, um die Proteste von christlichen, islamistischen und nationalistischen Fundamentalisten abzuwehren. Leon schildert, was sich hinter der Absperrungen im Hotel der WM-Teilnehmer Tag für Tag abspielt. Der veranstaltende Verband ist mindestens genau so korrupt wie der Weltfußballverband Fifa und es gibt auch Mordopfer. Parallel wird ein E-Mail-Briefwechsel zwischen der Teamkollegin, die Leon heimlich anbetet, und einem Unbekannten mit Namen Noel eingeblendet. Dieser Noel hat sich das Vertrauen erschlichen, indem er sich als schwerstbehinderter, hässlicher, inkontinenter, gefühliger Rollstuhlfahrer ausgibt. Der Leser ahnt bald, dass dahinter die psychopathische Erzählfigur stecken könnte, die ein merkwürdiges Spiel treibt. Seine Doppelzüngigkeit rechtfertigt Leon in einer dritten Leseebene, in der er sein literarisches Idol Dostojewski aufspaltet - in den Anarchisten Dosto und den Christen Jewski.

Helmut Krausser zieht also wieder einmal viele Register, macht aber auch mit diesem Roman anspruchsvolle Leser nicht gerade glücklich. Sein Erzähler-Held ist ein großsprecherischer Menschenverachter, der seine Umwelt selbstgerecht abkanzelt. So kommt es, dass viele Figuren und das ganze Treiben nur zynische Klischees bleiben. Der großformatigen Satire fehlt eine Gegenperspektive. Und die Ironie, die jedem Satz zugrunde liegt, verbraucht sich bald.

Helmut Krausser: Geschehnisse während der Weltmeisterschaft. Berlin Verlag, 240 Seiten, 20 Euro.

Von Karim Saab

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