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Kultur Hermann Görings Selbstinszenierung vor Diplomaten in der Schorfheide
Nachrichten Kultur Hermann Görings Selbstinszenierung vor Diplomaten in der Schorfheide
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18:17 22.02.2017
Aufbruch zur Kutschfahrt in die Schorfheide: Hermann Göring (auf dem Kutschbock) hatte am 10. Juni 1934 Diplomaten eingeladen. Quelle: Sammlung Volker Knopf
Potsdam

Da war die elegante Botschafter-Schar am Nachmittag jenes 10. Juni 1934 verwundert: Gastgeber Hermann Göring, der zum Diplomatenempfang in die Schorfheide eingeladen hatte, begrüßte sie in der Jäger-Kluft vergangener Zeiten. Seine braune Hirschleder-Hose hatte er in Reitstiefel gesteckt, unter dem weiten grünen Lederwams trug er ein Jagdhemd, auf dem Kopf einen verwegenen Hut, im Gürtel steckte ein Jagdmesser. Und in der Hand hielt er einen speerähnlichen Zeigestock.

Und dann hatte Göring wegen der Fahnenweihe der örtlichen NS-Parteiorganisation, die kurz davor in Groß Schönebeck stattfand, seine Gäste auch noch warten lassen. „Der kam wie immer zu spät, fuhr dann aber in einem großen offenen Sportwagen höchst effektvoll vor ...“, übermittelte der britische Botschafter Sir Eric Phipps drei Tage später nach London. Der ganze Bericht war ziemlich herablassend. Was Göring bald über sein „Forschungsamt“, das Telefonate der Diplomaten abhörte, erfuhr. Er nahm das Phipps übel. Dieser wurde als Gesprächspartner von ihm fortan geschasst.

Die Diplomaten an den Kaffeetafeln vor der Jagdhütte „Carinhall“. Quelle: Sammlung Volker Knopf

Dieser Sonntagnachmittag hatte damit begonnen, dass Göring im Beisein der Gäste, darunter auch Vertreter aus Wirtschaft und Politik, bei Eichhorst das 60 Hektar große Wisentgehege einweihte. Neben sechs weiblichen Tieren und drei Kälbern wurde auch ein Wisentbulle ausgesetzt, „Iwan der Schreckliche“, wie Göring ihn dem Franzosen André François-Poncet gegenüber nannte, wollte nicht so, wie er sollte. Die Tür des Transportkäfigs war geöffnet worden, nach ein paar Schritten trottete der Wisent in den Käfig zurück. Wildhüter verpassten ihm ein paar Stockhiebe, dann spurte er.

Dieses tierische Szenario kann man auf zwei Fotos in der interessanten Broschüre „Jagdhaus Carinhall – Wie alles begann“ betrachten, in der der 67-jährige Historiker Volker Knopf, der in der Nähe von Freiburg lebt, die Anfänge von Görings Anwesen zwischen 1933 und 1936 beschreibt. Illustriert mit zumeist bislang unveröffentlichten historischen Bildern. Auf jenen, die die beinahe missglückte Wisentbullen-Aussetzung zeigen, steht ein hochgewachsener Mann mit Kamera auf dem Käfig. Es ist der junge Bildreporter Hans Borgelt, der für eine Lokalzeitung berichtete. Und später in seinem Buch „Der lange Weg nach Berlin“ auch über diesen Tag schrieb. Darin heißt es, Göring habe Borgelt angeraunzt, sofort „von da oben“ zu verschwinden. Knopf suchte in seinem Bildarchiv und fand ein Foto, das er vorher nicht richtig einordnen konnte und genau diese Szene zeigte. Es stammte vom „Haus- und Hoffotografen“ Helmut Kurth, der Göring in den ersten Jahren seiner Macht begleitet hatte. Aus dessen Nachlass sind auch etliche andere Bilder vom Diplomatenbesuch in der Broschüre. Göring lud die illustre Gesellschaft noch zu einer Kutschfahrt durchs gerade von ihm geschaffene Naturschutzgebiet ein, wo der Reichsforst- und Reichsjägermeister ihnen Flora und Fauna erläuterte. Und ab ging‘s zu Kaffee und Kuchen vor seiner erst wenige Wochen zuvor fertiggestellten Jagdhütte.

Auf dem Bahnhofsvorplatz in Eberswalde: Per Zug kam dort der Sarkophag mit den in Schweden exhumierten Gebeinen von Carin Göring, der ersten Frau Hermann Görings, an. Ihre sterblichen Überreste wurden dann in der Gruft des imposanten Grabmals in Carinhall am 20. Juni 1934 zum zweiten Mal beigesetzt. Quelle: Sammlung Volker Knopf

Er hatte sich nun umgezogen und wie „Siegfried in der Wagneroper“ herausgeputzt, wie Botschafter François-Poncet sich amüsierte. Jetzt trug er eine weiße Hose, weißes Hemd, eine Art dunkle Weste, in der das Messer steckte. Sein Hang zu Selbstdarstellung und Orden sollten bald sprichwörtlich werden: Claire Waldoff sang in einem Chanson „Links Lametta, rechts Lametta, in der Mitte immer fetter … Hermann heeßt er!“ Der Hausherr zeigte den Gästen die Räume seines Domizils. Architekt war Werner March, der auch das Berliner Olympiastadion entwarf. „Die Baupläne für die Jagdhütte, die später erweitert und ein repräsentativer Waldhof wurde, liegen in einem Archiv in Berlin, nach einem Tipp fand ich sie dort“, erzählt Knopf. „Sie sind aber zum Teil falsch bzw. irreführend bezeichnet, sodass man nicht auf den ersten Blick weiß, dass es Carinhall ist.“ Die Preußische Landesregierung hatte Göring, dem damaligen preußischen Ministerpräsidenten und späteren Reichsmarschall, in der Schorfheide ein Areal von rund 120 Hektar zur Verfügung gestellt. Auf einer Landzunge zwischen Großem Döllnsee und Wuckersee hatte er sich ein privates Refugium und einen „Ort politischer Begegnung und Gespräche“ geschaffen.

Profunder Kenner von „Carinhall“

Der 67-jährige Historiker Volker Knopf wohnt in der Nähe von Freiburg. Er gilt hierzulande als einer der profundesten Kenner des einstigen Anwesens von Hermann Göring in der Schorfheide. Seit Jahrzehnten recherchiert er zu „Carinhall“, erst Jagdhütte, dann repräsentativer Waldhof. Das Domizil hatte sich der damalige Preußische Ministerpräsident und spätere Reichsmarschall auf Staatskosten errichten lassen. Göring hatte seinen Landsitz nach seiner ersten Frau Carin benannt.

Volker Knopf war 1996/97 freier Mitarbeiter der BBC London für die Fernsehproduktion „Die Nazis“, 2005 arbeitete er am ZDF-Mehrteiler „Göring – eine Karriere“ mit, 2014/15 war er Fachautor bei der ARD-Produktion „Die Schorfheide, das Jagdrevier der Mächtigen“.

Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören: „Die Wolfsschanze und das Attentat des Grafen Stauffenberg“ (1995), „Hermann Görings Waldhof Carinhall“ (1997), „Das Führerhauptquartier Wolfsschanze“ (1998), „Görings Reich – Selbstinszenierungen in Carinhall“ (1999).

info: Volker Knopf: Jagdhaus Carinhall – Wie alles begann, Ex Nunc Verlag Endingen, 92 Seiten, 10,90 Euro.

Das Jagdhaus aus Kiefernstämmen hatte eine nordische Halle, wo Hirschgeweihe hingen und ein Kamin war. In Görings Arbeitszimmer hing ein Ölgemälde mit seiner ersten Gattin Carin. Beim gekonnt inszenierten Diplomatenempfang – die Besucher wussten nicht so richtig, was sie vom Gastgeber zu halten hatten – war Carin bereits seit fast drei Jahren tot. Göring stellte die Schauspielerin Emmy Sonnemann als seine Privatsekretärin vor. Dabei wussten die meisten, dass er eine Liaison mit ihr hatte. Im Frühjahr darauf heirateten beide in Berlin. Vielleicht hatte er sich damals noch nicht zu ihr bekannt, weil er den Botschaftern aus aller Welt auch das bombastische Grabmal mit der noch leeren Gruft für seine erste Frau präsentierte. Deren Gebeine kamen zehn Tage später am Bahnhof in Eberswalde an. Carin von Kantzow geborene Freiin von Fock war im Oktober 1931 an Tuberkulose gestorben. Man setzte sie in der Familiengruft des Friedhofs auf der Insel Lovö bei. Im Sommer 1933 legte Göring dort ein Bukett aus roten Rosen, das die Form eines Hakenkreuzes hatte, nieder. Nazigegner entfernten es und deponierten eine an ihn gerichtete Nachricht, dass die Grabstätte der Schwedin zu Propagandazwecken der Nationalsozialisten missbraucht worden sei.

Zwei Alben aus dem Nachlass eines Großneffen Hermann Görings

Der Vorfall war für ihn der Grund, Carin umbetten zu lassen. Das Ganze glich einem Staatsakt. Wie man in einem Auszug des Berichts im „Märkischen Stadt- und Landboten“ vom 20. Juni 1934 lesen kann. Auch Hitler, Himmler, Goebbels und Heß waren da. Es erklang Wagners „Götterdämmerung“. Auch von diesem Spektakel finden sich noch nie veröffentlichte Fotos in der Broschüre. Volker Knopf erzählt, dass vor zwei Jahren eine ältere Dame einem Antiquitätenhändler im Rheinland Goldschmuck anbot. Dies war die Witwe eines Großneffen Hermann Görings. Dann kam sie noch mal – mit zwei Alben aus den Nachlässen ihres Mannes. Das eine mit Bildern von der Exhumierung in Schweden, der Überführung und Beerdigung Carin Görings in der Schorfheide. Das andere mit mehr als 100 Außen- und Innenaufnahmen von Carinhall. Volker Knopf hat dem Händler eine gutachterliche Beurteilung zu jedem einzelnen Foto erstellt. „Die Alben wurden inzwischen an einen Sammler veräußert.“

Göring hatte Carinhall durch seine Wachtruppe am 28. April 1945 sprengen lassen, als die Sowjets heranrückten, und sich samt Familie und zusammengerafften Reichtümern in Sicherheit gebracht. Volker Knopf hat in den letzten 20 Jahren etwa 5000 Fotografien zu Carinhall zusammengetragen und hält in der Schorfheide Filmvorträge. Er sagt: „Vor ein paar Wochen wurde endlich eine Hinweistafel an der ehemaligen Zufahrt aufgestellt.“ Und setzt hinzu: „Am liebsten würde man diesen Ort totschweigen, aber das funktioniert nicht. Wer diese schreckliche Epoche deutscher Geschichte verstehen will, muss sich unverkrampft mit ihr auseinandersetzen und versuchen, sie aus ihrer Zeit heraus zu begreifen. Das setzt voraus, dass man die Fakten kennt.“

Von Angelika Stürmer

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