Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Das ist der coolste Rentner Deutschlands
Nachrichten Kultur Das ist der coolste Rentner Deutschlands
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:25 28.02.2018
Durchgestylt von Kopf bis Fuß: Günther Krabbenhöft an einem Vormittag im Februar unterwegs auf der Kantstraße in Berlin. Quelle: Friedrich Bungert
Berlin

Auf der Kantstraße ist es geschäftig. Autos hupen, bremsen, fahren wieder an, an einer Baustelle dröhnen die Maschinen. Aus dem Gewimmel der Menschen rund um den U-Bahnaufgang Zoologischer Garten sticht ein zierlicher, älterer Herr heraus: Mantel passend zum Hut, eine cognacfarbene Schleife abgestimmt auf die Weste, die glänzenden Lederschuhe im selben Ton gehalten wie Handschuhe und Ledertasche. Ein mintfarbenes Einstecktuch mit dezenter Musterung ragt aus der Brusttasche seines Mantels.

Mit lässigen Schritten geht der Mann über die Ampel, wartet auf der Verkehrsinsel in der Mitte der Straße auf die nächste Grünphase und umgreift dabei seinen Gehstock elegant unterhalb des Silberknaufs. „Solche Verkehrsinseln sind mir bis heute nicht geheuer“, sagt Günther Anton Krabbenhöft, als er die Straße überquert hat. Vor zwölf Jahren krachte ein Auto auf die Stelle, an der Krabbenhöft gerade auf Grün wartete. „Ich sah mein Bein auf der Straße neben mir liegen. Dass es so geworden ist, wie es jetzt ist, ist ein Glücksfall, ein Geschenk.“ Irgendwie konnten die Ärzte sein Bein retten. „Es hat lange gedauert, aber heute kann ich damit wieder acht Stunden am Stück springen und tanzen.“

iframe width="100%" height="315" src="//www.youtube.com/embed/_kkvneXZtAw" frameborder="0" allowfullscreen>iframe>

Acht Stunden sind keine Übertreibung. Der 72-Jährige ist Dauergast in den angesagtesten Technoclubs der Stadt: Das Berghain, das Sysyphos, Kater Blau, überall ist er schon gewesen, regelmäßig springt und tanzt er dort. Auf beiden Beinen und voller Lebensfreude.

„Techno ist ein Akku für mich“

„Früher hatte ich eine Schere im Kopf: Die jungen Leute denken doch, was will der Alte hier, der kriegt gleich ’nen Herzkasper auf der Tanzfläche und dann ist die Party vorbei.“ Doch als ihn vor drei Jahren in der U-Bahn zwei junge Mädchen ansprachen und fragten, ob er mit ihnen im Berghain feiern wollte, kam alles anders. „Da habe ich gesagt: Klar! Und bin dann acht Stunden da drin gewesen. Und das war eine Freude, das kann man keinem erzählen. Ich fühlte mich angezogen von der Atmosphäre, ich war berauscht davon.“

Für seine Ausflüge in die Technoszene reserviert Krabbenhöft seitdem die Sonntage. Andere in seinem Alter gehen dann zum Kaffeekränzchen, er bewegt sich lieber zu schnellen Rhythmen in der „stampfenden, dampfenden Masse“. „Techno ist ein Akku für mich“, sagt Günther Krabbenhöft. „Und wenn ich jetzt darüber nachdenke: Was versagt man sich? Man kann äußerlich altern, aber das muss man deshalb nicht zwangsweise auch innerlich.“

Von Beruf Koch, im Herzen Designer

Dass er auffällt, weiß der 72-Jährige, der seit mehr als 30 Jahren in einer Hauswohngemeinschaft in Kreuzberg zuhause ist. „Kleidung war für mich schon immer ein Ausdruck meiner Gefühle.“ Schon in seiner Jugend in Letter nahe Hannover kleidete er sich nach seinem eigenen Geschmack. in Mit 15 Jahren begann er eine Lehre zum Koch, obwohl er spürte, dass er mit Mode und schönen Dingen um sich herum glücklicher gewesen wäre. „Ich wäre gerne Lampendesigner geworden, ohne zu wissen, was das überhaupt ist“, sagt Krabbenhöft. Doch er fügte sich dem, was von ihm erwartet wurde. „Spaß hat mir mein Beruf immer dann gemacht, wenn ich etwas selbst entscheiden und kreativ werden konnte, aber in erster Linie habe ich damit mein Geld verdient.“

Blau ist eine Farbe, die Krabbenhöft besonders mag – denn die kann man endlos kombinieren. „Dass ich mich so kleide, wird sicher die Welt nicht bunter machen, aber mich“, sagt Krabbenhöft und lacht. „Die Leute sprechen mich an und sagen, sie finden meinen Stil toll, und es freut mich, dass die Menschen das wahrnehmen.“

Ein Foto in der U-Bahn veränderte alles

Als ein Tourist vor drei Jahren an der U-Bahnhaltestelle Kottbusser Tor ein Foto von dem auffallend gut gekleideten Herrn machte und das Bild anschließend ins Netz stellte, war Krabbenhöft plötzlich über Nacht ein Internetstar. „Ich war gerade auf Mallorca, da hat sich ein Modelabel aus Tokio bei mir gemeldet: Die haben einen Scout nach Berlin geschickt, der mit dem Foto in der Hand nach mir gesucht hat.“

Für den Berliner hat sich seitdem viel geändert: In Werbespots, als Model, auf Social Media und in der realen Öffentlichkeit ist der „fashionable grandpa“ ein bekanntes Gesicht geworden, der sich vor Anfragen und Einladungen kaum retten konnte. Dass man ihm andichtete, er sei 104 Jahre alt, verstärkte den Hype noch. Die Cosmopolitan, die Huffington Post und viele andere internationale Publikationen berichteten seitdem über den schicken Rentner.

„Leute aus der ganzen Welt wollen Selfies mit mir, sie sagen sie kennen mich aus dem Internet“, sagt Krabbenhöft. Das kann er bis heute nicht ganz begreifen. Fototermine, Interviews, Projekte, Veranstaltungen, das alles gehört jetzt zu seinem Leben. „Das war eine Entwicklung, die ich sehr aufregend fand“, sagt er. „Es ist anstrengend, aber schön.“

Social Media nutzt er ganz selbstverständlich: „Ich finde ganz toll, was online passiert und beschäftige mich damit überall, wenn ich Zeit habe“, sagt der Mann, der 28.800 Follower auf Instagram und mehr als 22.800 Fans auf Facebook hat.

„Ich bin weit davon entfernt, ein Hipster zu sein“

Den Namen „Hipster-Opa“, den seine Internetpräsenz mit sich gebracht hat, mag Krabbenhöft allerdings gar nicht. „Wenn ich an Hipster denke, sehe ich Turnbeutel, Bärte, Männerdutts und Fahrräder ohne Gangschaltung. Ich bin weit davon entfernt, ein Hipster zu sein.“ Vielmehr sieht er sich selbst als gut gekleideten Gentleman. Und als solcher sagt er Menschen, die sich selbst zu ernst nehmen, gerne: „Bleib locker, Alter, wir sind alle nur Splitter im großen Weltgeschehen.“ Ernst nimmt er lieber das spaßige Leben. „Alles kann schnell vorbei sein. Deshalb lebe ich so intensiv. Schluss ist erst, wenn Schluss ist.“

Von Christina Koormann

Kultur Gastbeitrag von Kathrin Kunkel-Razum - Warum sollen wir richtig schreiben?

Im Privaten wird niemand gezwungen, Rechtschreibregeln zu befolgen. Aber in der öffentlichen Kommunikation ist es nicht egal, wie wir schreiben. Deshalb sollte Orthografie wieder mehr in den Fokus der gesellschaftlichen Wahrnehmung rücken.

25.02.2018
Kultur Bis die Augen eckig sind – Letzter Teil - Hach, Berlinale! Eine Bilanz

Die Berlinale geht ans Limit. Das gilt für Herz, Hirn und Harndrang. Oder wie würden Sie es zehn Tage lang aushalten, pausenlos Filme zu schauen? Maurice Wojach blickt auf die Leinwand und hinter die Kulissen. Zum Abschluss: sein Fazit.

27.02.2018

Wer es bislang verpasst hat, sich Filme mit Willem Dafoe, dem das Festival eine Hommage widmet, auf großer Leinwand anzusehen, hat am Sonntag noch eine letzte Gelegenheit. „Die Tiefseetaucher“ und „Mississippi Burning“ stehen auf dem Programm.

24.02.2018