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Hitlers Spiele – ein Blick hinter die Kulissen

Oliver Hilmes Buch „Berlin 1936“ Hitlers Spiele – ein Blick hinter die Kulissen

In seinem im Siedler Verlag erschienenen Buch „Berlin 1936“ zeichnet Oliver Hilmes ein atmosphärisch eindrucksvolles Bild jener 16 Tage im Zeichen der Olympischen Spiele im Sommer 1936. Der Historiker und Publizist fügt ein buntes Mosaik zusammen, das den Leser eintauchen lässt in die ausgelassene Stimmung, die während der Spiele in der Reichshauptstadt herrschte.

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Potsdam. Der Zeppelin „Hindenburg“ steht in der Luft. Hunderttausend Menschen im Berliner Olympiastadion jubeln frenetisch, als Fanfaren den Führer ankündigen. Der betritt zu Wagners „Huldigungsmarsch“ über die große Treppe am Marathontor die Arena. Henri Comte de Baillet-Latour als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees hat ihm zuvor ans Herz gelegt, er möge die Spiele mit nur einem einzigen Satz eröffnen. Worauf Hitler geantwortet haben soll: „Herr Graf, ich werde mich bemühen, den Satz auswendig zu lernen.“ Gesagt, getan! „Ich erkläre die Spiele von Berlin zur Feier der XI. Olympiade neuer Zeitrechnung als eröffnet.“ Dass der Führer es schafft, selbst in diesen Satz noch einen grammatikalischen Fehler einzubauen, bleibt eine kleine Anekdote am Rande.

Um 17.16 Uhr ertönt bei der Eröffnungsfeier die „Olympische Hymne“

Beim Einmarsch der Nationen wird die französische Mannschaft mit lautem Beifall empfangen, weil sie mit erhobenem rechten Arm einläuft. Um 17.16 Uhr ertönt die extra für die Eröffnungsfeier geschriebene „Olympische Hymne“. Vertont von Sportverächter Richard Strauss. „Was ein richtiger Musiker sein will, der muss auch eine Speisekarte vertonen können.“

Die Olympischen Spiele 1936 sollen zu einem Großereignis werden wie es die Welt noch nicht gesehen hat. 129 Wettbewerbe mit knapp 4000 Sportlern aus 49 Ländern. Nach dem Einmarsch ins entmilitarisierte Rheinland im März wollen die Nazis die Wogen glätten und sich als weltoffene Nation inszenieren. Die täglichen Anweisungen der Reichspressekonferenz ermahnen die Journalisten, ausländische Siege nicht zu verkleinern: „Der Rassenstandpunkt soll in keiner Weise bei Besprechungen der sportlichen Resultate Anwendung finden; vor allem sollen die Neger nicht in ihren Empfindlichkeiten getroffen werden.“ Für 16 Tage im August ist die Stadt noch einmal die weltoffene Metropole, die sie einmal war. Im sportlichen Kräftemessen triumphierte der dunkelhäutige Leichtathlet Jesse Owens. Der Amerikaner wird mit vier Goldmedaillen der gefeierte Star der Spiele.

In „Berlin 1936“ zeichnet der 1971 in Viersen geborene Oliver Hilmes ein atmosphärisch eindrucksvolles Bild jener Tage. Aus kurzen Abschnitten fügt sich – ganz ähnlich wie in Florian Illies’ Bestseller „1914“ – ein buntes Mosaik zusammen, das den Leser eintauchen lässt in die ausgelassene Stimmung, die während der Spiele in der deutschen Reichshauptstadt herrschte. Hilmes hat gut recherchiert und einen ausgezeichneten Blick für Anekdoten.

Der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe schwärmt, die Deutschen seien das „sauberste, freundlichste, warmherzigste und ehrlichste Volk“, das er in Europa habe kennenlernen dürfen. Kaum glauben will er es, als Eingeweihte ihm erzählen, dass nur acht Kilometer von der Berliner Stadtgrenze entfernt gerade das KZ Sachsenhausen gebaut wird. Dass zwei Wochen vor Eröffnung der Spiele 600 Sinti und Roma verhaftet und in ein Lager in Marzahn verschleppt worden sind. Und dass deutsche Flugzeuge der Legion Condor in Spanien den Militärputsch von General Franco unterstützen. Dem polnischen Botschafter Józef Lipski schwant schon bei der gigantischen Eröffnungsfeier nichts Gutes: „Wir müssen auf der Hut sein vor einem Volk, das so zu organisieren versteht“, flüstert er auf der Tribüne seinem Nebenmann zu. „Eine Mobilmachung in diesem Land wird genauso reibungslos funktionieren.“

Am Ende ist Deutschland mit 89 Medaillen (darunter 33 goldene) die erfolgreichste Nation vor den USA mit 56 Medaillen (davon 24 in Gold) und Ungarn mit 16 Medaillen (10 Gold). Mit einem großen Feuerwerk enden am 16. August die Spiele von Berlin. Eine halbe Stunde soll der Feuerregen gedauert und so manchen Besucher an Artilleriefeuer erinnert haben. Eine böse Vorahnung auf das, was drei Jahre später Wirklichkeit werden sollte.


Info: Oliver Hilmes: Berlin 1936. Siedler, 304 Seiten, 19,99 Euro.

Von Welf Grombacher

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