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Die hohe Kunst des Papiers

Denkmal Die hohe Kunst des Papiers

Die Papierfabrik in Hohenofen (Ostprignitz-Ruppin) wurde 1990 geschlossen, sie konnte sich gegen die Konkurrenz auf dem Weltmarkt nicht behaupten. Doch das schöne, nicht mehr ganz intakte Gebäude erzählt noch immer alte Geschichten, die bis nach Afrika reichen. Am Sonntag, zum Tag des offenen Denkmals, gibt es Führungen durch die Hallen.

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In der DDR galt die Fabrik als industrielles Schatzkästlein: 30 Meter Papier wurden in der Minute gefertigt – in Eisenhüttenstadt schaffen sie heute 1800 Meter pro Minute.

Quelle: Andre Reichel

Hohenofen. Bodo Knaak spricht von Namibia, er steht an einem Nebenarm der Dosse, dort, wo sie im Moment besonders wenig Temperament zeigt. Denn es gibt hier nichts mehr zu verschiffen, keine Räder gilt es anzutreiben. Die schmale Dosse ist im Ruhestand, genau wie die Papierfabrik, die nun seit 25 Jahren still liegt. Still wie das Wasser.

„Namibia“, sagt Knaak, 63 Jahre alt, er schaut in seine Unterlagen. Knaak pariert die Fragen mit dem knappen Blick auf Zahlenreihen, die in seinem Katalog gelistet sind. „Hier in Hohenofen haben sie Papier gefertigt, selbst Banknoten für ostafrikanische Kolonien wurden produziert.“ Bodo Knaak arbeitet in einem Kyritzer Steuerbüro, er hat ein Gefühl für Geld, doch wenn er von den Banknoten der Kolonien spricht, muss er sich räuspern. „Das waren eher Quittungen, im Grunde war das Notgeld.“ Was er sagen will: In Hohenofen (Ostprignitz-Ruppin) waren sie zu Höherem berufen. Bis zur Schließung haben sie Transparentpapier hergestellt, das beste der DDR. „Die Bruderstaaten kamen, auch West-Deutschland hat hier Devisen investiert. Das Produkt stand hoch im Kurs bei Zeichnern und Ingenieuren.“

Tag des offenen Denkmals

Die Patent-Papierfabrik (Neustädter Straße 25, 16 845 Sieversdorf-Hohenofen)
öffnet am Sonntag,
Tag des offenen Denkmals, von 11-17 Uhr. Führungen gibt es um 11 und 14 Uhr. www.papierfabrik-hohenofen.de

„Handwerk, Technik, Industrie“ , so lautet das Motto vom Tag des offenen Denkmals am 13. September.
www.tag-des-offenen-denkmals.de

1838 wurde die Papierfabrik gegründet, 1852 war sie schon 92 Mitarbeiter stark. Die Belegschaft stieg vor der Schließung auf 120 Arbeiter. Zum Tag der Einheit wurden 1990 die Kündigungen ausgesprochen.

Warum? Wieder schaut Bodo Knaak in seine Unterlagen: „Ich lese Ihnen mal ein paar Zahlen vor“, sagt er. „Die Fabrik in Hohenofen produzierte am Ende 30 Meter Papier pro Minute auf einer Breite von acht Metern. Heute steht eine andere Fabrik in Eisenhüttenstadt, die schafft 1800 Meter in der Minute, zehn Meter breit. Noch Fragen?“ Die Zeiten ändern sich, will Knaak sagen. Industrieromantik zählt nicht mehr, wie viel Papier am Ende auf der Rolle ist, sei wichtig.

Nicht, dass Bodo Knaak diese Entwicklung durchgehend verteidigt – doch er ist ihr Chronist, drei- bis viermal im Jahr führt er Besucher durch die Anlage. Zeigt Glätteinrichtungen, Abkühlwalzen, Dampfzylinder und Trockenpartie. „Die letzte produzierte Rolle Transparentpapier ist noch zu sehen“, wie ein stolzes Mahnmal steht es in der weiten, dunklen Halle. Rost macht sich breit, die Dinge werden unbrauchbar, doch auch auf eine wundersame Weise schöner.

„Geschichte ist meine Leidenschaft“, sagt Bodo Knaak, auch jene aus Hohenofen, obwohl er selbst aus Sieversdorf stammt. Nur ein paar Steinwürfe entfernt, und doch liegt es in einer anderen Welt: „In Sieversdorf leben die Bauern, in Hohenofen die Arbeiter. Beide hatten etwas gegeneinander. Doch ihre Gemeinden sind längst zusammengelegt. Freiwillig.“

Die Fabrik hatte eine eigene Band und Kegelbahn. Einige Arbeiter fuhren nach der Schließung 600 Kilometer nach Holland zur Arbeit. Bodo Knaak hofft auf bessere Zeiten. Und wird sie weiterhin dokumentieren.

Von Lars Grote

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