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„Ich drehe keine gut gemeinten Filme“

Filmfestival Cottlbus „Ich drehe keine gut gemeinten Filme“

Lidija Mirkovic (50) ist die Tochter einer Roma und eines Serben. Auf dem Filmfestival Cottbus, das sich diesmal dem Alltag von Sinti und Roma widmet, stellt sie ihren Streifen "Der Schuhputzer" vor. Im MAZ-Interview spricht sie über Gewalt, Anpassung und das Leben im Slum.

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In Belgrad kümmert sich „Der Schuhputzer“ um Sohlen und Schnürsenkel.

Quelle: Haymatfilm

Cottbus. MAZ: Frau Mirkovic, das Cottbuser Filmfestival widmet sich der Geschichte und dem Alltag von Sinti und Roma in Osteuropa. Auch auf der Berlinale hatten solche Filme Erfolg. Ist die „Roma-Thematik“ gerade angesagt?
Lidija Mirkovic: Ich glaube, dass etablierte Filmemacher sich dieses Themas vermehrt annehmen, weil es seit dem Mauerfall europaweit in den Medien präsent ist.
 

Nur selten sind diese Filme von Sinti und Roma gedreht.
Mirkovic: Ja, ich bedauere, dass es so gut wie gar keine Produktionen vergleichbarer Qualität von Zigeunern selber gibt. Das betrifft auch Literatur, Malerei und Medien. Seit 600 Jahren sind Zigeuner in Europa, und genau so lange werden sie mit einem Bild von sich konfrontiert, dass andere gezeichnet haben.
 

Sie sprechen von sich stets selbstbewusst als „Zigeunerin“.
Mirkovic: Ich selbst entstamme der Gruppe der Vlach-Zigeuner, die bis 1865 in Rumänien als Sklaven gehalten worden sind. Also bin ich eine Vlach. Mit dem Begriff Zigeuner bin ich aufgewachsen und habe ein tiefe, positive Bindung zu diesem Wort.

Lidija Mirkovic

Bei Belgrad im ehemaligen Jugoslawien geboren, zieht Lidija Mirkovic als Neunjährige mit ihren Eltern ins Rheinland. Sie studiert Sozialwissenschaften und wird Mitglied der Filmwerkstatt Düsseldorf.

Die 50-Jährige lebt mit Mann und Kind im Rheinland und arbeitet vor allem in Berlin und Belgrad.

Sie hat kürzlich die „International Romani Film Commission" mitgegründet. Die Vereinigung internationaler Filmschaffender will Roma-Filmemachern helfen. bbr

Ihre Filme dokumentieren das Leben von Sinti und Roma. Arbeiten Sie damit gegen Klischees an?
Mirkovic: Nein, ich drehe keine gut gemeinten Filme. Ich will Zigeuner nicht als die edlen Wilden oder als die guten Menschen darstellen, die unverstanden sind. Ich versuche, in meinen Filmen universelle Themen zu behandeln. Meine Geschichten erzählen von Leuten, die sich nicht so großartig von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden.

So wie die Slumbewohner aus Ihrem Kurzfilm „Angry Men“ („Wütende Männer“), den Sie auch in Cottbus vorstellen...
Mirkovic: Sie sind empört und machtlos, aber auch ungeschickt. Niemand ist nur gut oder schlecht, niemand ist nur Opfer. Niemand kann 1000 Jahre Verfolgungsgeschichte überstehen, wenn er nur Opfer ist.

Sie zeigen in Cottbus mit „Der Schuhputzer“ auch das Porträt eines alten Mannes in seinem Belgrader Kiosk. Warum?
Mirkovic: Der Mann, den ich dort getroffen habe, ist stolz darauf, ein Großstädter, ein Belgrader, und kein Landei zu sein. Mir hat imponiert, wie sein Zigeunersein in den Hintergrund rückt, weil er sich als Teil dieser großstädtischen Gemeinschaft fühlt. Trotzdem wird er schnell wieder von der Realität eingeholt, als jemand seinen Namen auf dem Ladenschild liest.

Wie hat sich das Leben von Sinti und Roma nach Kriegsende im damaligen Jugoslawien verändert?
Mirkovic: Bis zum Tod von Tito 1980 waren die Zigeuner besser integriert. Es herrschte Schulpflicht, der auch nachgegangen wurde. Heute fällt schnell auf, dass ältere Zigeuner viel besser gebildet sind als der Nachwuchs. In den 1990 Jahren gab es einige Übergriffe auf sichtbare Zigeuner. Es ist sehr einfach, sie zu Sündenböcken für alles Mögliche zu erklären.

Sie haben in Belgrad für ihren Film „Slumdogs“ ein Jahr lang mit Sinti und Roma unter einer Brücke gelebt. Wie war das?
Mirkovic: Ja, ich habe versucht, alleine zu filmen. Aber als Frau im sexuell aktiven Alter durfte ich nicht einfach dort herumspazieren und Männer in ihren Baracken besuchen, wenn die Frauen nicht da waren. Ich konnte mich erst freier bewegen, als mein Kameramann dazukam. Dann reiste mein Mann an, um zu signalisieren, dass er mit meiner Arbeit einverstanden ist.

Die Bewohner haben ihren Slum „Belleville“ genannt. Was hat Sie dort schockiert?
Mirkovic: Einmal hatte eine ältere Dame Herzschmerzen. Der Krankenwagenfahrer wollte nicht in die Slums hineinfahren. Wir haben drei Stunden auf der Straße in der Kälte gewartet. Dann kam eine Ärztin ohne Krankenwagen und hat der alten Frau auf offener Straße zwei Spritzen in den Po gegeben. Zur weiteren Behandlung wurde sie in ihren acht Stunden entfernten Heimatort geschickt, wo sie per Bus hingefahren ist. Aber auch dort ist sie nicht ausreichend behandelt worden und später ist sie gestorben.

Wie haben Sie sich in Belleville ernährt?
Mirkovic: Ich bin jeden Tag in den Supermarkt und habe mir ein frisch belegtes Brötchen gekauft. Nein, natürlich nicht. Die meisten Menschen ernähren sich dort von Resten aus Mülleimern. Ich selbst habe auch mitgegessen. Einmal hat mir jemand Kekse angeboten, die nach Waschpulver schmeckten. Etwa 100000 Belgrader ernähren sich aus Mülleimern. Das sind nicht nur Zigeuner.

Was haben Sie von diesem Aufenthalt mitgenommen?
Mirkovic: Vielleicht etwas von der Gelassenheit und der Haltung, das anzunehmen, was der Tag bringt.

Interview: Barbara Breuer

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